Das Genius der Frau

Franziskus zeichnet die Theologin Marianne Schlosser mit dem Ratzinger-Preis aus. Von Guido Horst

Joseph-Ratzinger-Preis
Aus den Händen von Papst Franziskus erhalten die deutsche Theologin Marianne Schlosser und der Schweizer Architekt Mario Botta den Joseph-Ratzinger-Preis 2018. Foto: KNA
Joseph-Ratzinger-Preis
Aus den Händen von Papst Franziskus erhalten die deutsche Theologin Marianne Schlosser und der Schweizer Architekt Mario... Foto: KNA

Mit der in Bayern geborenen und heute in Wien lehrenden Theologin Marianne Schlosser hat die vatikanische Stiftung „Joseph Ratzinger Benedetto XVI“ wieder eine Frau als diesjährige Empfängerin des Ratzinger-Preises geehrt – eines Preises, der mittlerweile gerne als „Nobelpreis der Theologie“ bezeichnet wird. Bereits 2014 hatte die französische Exegetin Anne-Marie Pelletier die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung erhalten. Die Ratzinger-Stiftung wurde noch unter dem Pontifikat des deutschen Papstes errichtet, der Stiftungsfonds wird aus den Erlösen der Werke Joseph Ratzingers / Benedikts XVI. sowie aus öffentlichen und privaten Spenden gespeist. Präsident der Stiftung ist derzeit der ehemalige Vatikansprecher Federico Lombardi SJ, den Vorsitz des wissenschaftlichen Beirats hat Kardinal Angelo Amato inne, der Präfekt der Kongregation für die Heiligsprechungen. Der Verleihung des Preises am Samstag in der Sala Clementina des Apostolischen Palastes nahm diesmal wieder Papst Franziskus persönlich vor. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war mit einem Grußwort bei der Veranstaltung präsent (siehe diese Seite).

Schlosser leitet seit 2004 das Institut für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 2014 wurde sie von Papst Franziskus zum Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission ernannt. Die Theologin gehört auch der 2016 vom Papst einberufenen Kommission zur Untersuchung von Frühformen des Frauendiakonats an.

Zusammen mit der Theologin erhielt der schweizerische Architekt Mario Botta den Ratzinger-Preis. Botta hat etwa zwanzig Sakralbauten entworfen, Kirchen, aber auch Moscheen und Synagogen, und wurde für die spirituelle Dimension seines Wirkens ausgezeichnet. Zu den bekanntesten Sakralbauten Bottas gehört die Kirche „Johannes der Täufer“ in Mogno im Tessin. Im Februar 2013 wurde Botta von Benedikt XVI. in die Päpstliche Akademie der schönen Künste berufen.

Kardinal Amato hob in seiner Würdigung Schlossers vor allem die Vermittlung von Quellen der christlichen Spiritualität hervor. Er verwies dabei auf ihre Forschungen zum heiligen Bonaventura, über den Joseph Ratzinger 1959 seine Habilitationsschrift vorgelegt hatte, sowie auf Schlossers Monografien über Katharina von Siena und das christliche Gebet und den Begriff der Prophetie.

In seiner Ansprache würdigte Franziskus ausdrücklich die Tatsache, dass wieder eine Frau den Ratzinger-Preis erhalten hat. „Es ist sehr wichtig“, sagte der Papst, „dass der weibliche Beitrag auf dem Gebiet der theologischen Forschung und Lehre immer mehr anerkannt wird, der lange Zeit als ein exklusives Feld des Klerus betrachtet wurde.“ Diesen Beitrag gelte es zu ermutigen und auszuweiten – „im Einklang mit der Zunahme des weiblichen Anteils vor allem in Verantwortungsbereichen der Kirche, und nicht nur auf kulturellem Gebiet“. Franziskus erinnerte an Paul VI., der Theresa von Avila und Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen erhoben hatte. „Seither“, so der Papst, „darf kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Frauen die höchsten Gipfel der Intelligenz des Glaubens erreichen können.“ Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hätten das bekräftigt und andere Frauen wie Theresa von Lisieux und Hildegard von Bingen zu Kirchenlehrerinnen gemacht.

Franziskus würdigte aber auch, dass bei der Preisverleihung mit dem Architekten Mario Botta – wie im Vorjahr mit dem finnischen Komponisten Arvo Pärt – wieder die christlich inspirierte Kunst zum Zuge gekommen sei. „In der gesamten Geschichte der Kirche sind heilige Gebäude überall da ein konkreter Aufruf zu Gott und zur Dimension des Geistes, wo sich die christliche Verkündigung in der Welt verbreitet hat.“ Der schöpferische Architekt als Erschaffer des heiligen Raums in der Stadt der Menschen sei deshalb von höchstem Wert.

An der Feier nahmen zahlreiche Kardinäle sowie Vertreter von Universitäten und Repräsentanten des öffentlichen Lebens teil. Aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz bei Wien war Abt Maximilian Heim zu der Verleihung angereist, der 2011 zu den ersten drei Ratzinger-Preisträgern gehört hatte. Vor dem Festakt am Samstag hatte die Ratzinger-Stiftung ein zweitägiges Symposium veranstaltet, bei dem es anlässlich des siebzigsten Jahrestags der Verkündung der UN-Menschenrechtscharta um die Grundrechte und mögliche Konflikte zwischen den Grundrechten ging. Auch hierzu hatte Benedikt XVI. ein Grußwort geschrieben, in dem er seine Sorge über eine „Vervielfältigung“ der Menschenrechte und eine damit einhergehende Auflösung der Rechtsidee zum Ausdruck brachte. Diese Frage sei grundlegend für das Zusammenleben der Menschheit, so der emeritierte Papst.

 

 

Dokumentation

Das Grußwort von Papst emeritus Benedikt XVI. im Wortlaut

Lieber Pater Lombardi,

wie Sie wissen, habe ich Ihnen sofort nachdem ich vor mehreren Monaten über das erste Vorhaben für das Internationale Symposium zum Thema „Grundrechte und Konflikte zwischen Rechten“ informiert worden bin, meine Wertschätzung über diese Initiative bekundet, die ich für äußerst lohnenswert halte. Vor allem schien mir wichtig, dass ausdrücklich über die Problematik einer „Vermehrung der Rechte“ und über die Gefahr einer „Zerstörung der Rechtsidee“ gesprochen werde.

Es handelt sich um eine aktuelle und fundamentale Frage, um die Grundlagen des Zusammenlebens der Menschheitsfamilie zu schützen, die es verdient, erneut im Rahmen einer vertieften und systematischen Reflexion thematisiert zu werden, so wie das Programm des Symposiums es vorsieht.

Ich möchte daher allen Referenten und Teilnehmern des Symposiums meine Hochachtung aussprechen und sie meiner Nähe im Gebet versichern, auf dass der Herr ihre Arbeit als wertvollen Dienst für die Kirche und das Wohl der Menschheitsfamilie segne.

Im Herrn, Ihr

Papst emeritus Benedikt XVI.

Aus dem Italienischen von Claudia Reimüller