Das Fleisch Christi berühren

Die verborgene „prima fila“ von Papst Franziskus bei der Generalaudienz: Kranke und Behinderte. Von Guido Horst

Rom (DT) Um zwölf Uhr endet mittwochs die Generalaudienz mit Franziskus auf dem Petersplatz – doch für den Papst dauert sie noch etwas länger. Dass der Lateinamerikaner auf dem Petrus-Stuhl gerne unter Menschen ist, weiß man, seitdem er weiterhin im Vatikan-Hotel „Sanctae Marthae“ wohnt, dort morgens mit Vatikan-Angestellten eine Frühmesse feiert und anschließend jeden einzelnen Gottesdienstteilnehmer begrüßt und mit ihm spricht.

Am vergangenen Mittwoch hat sich Papst Franziskus wieder viel Zeit genommen, um nach seiner Mittwochskatechese eine „zweite Audienz“ zu halten: für kranke und behinderte Menschen. Die Übertragung der Generalaudienz im Fernsehen dauert bis zwölf Uhr, der Papst begrüßt nach dem Schlusssegen die lange Schlange von Kardinälen und Bischöfen, die auf dem Sagrato vor der Fassade des Petersdoms an der Audienz teilgenommen hatten. Das Vatikanfernsehen CTV stellt dann seine Übertragung ein, auch auf dem „Vatican Player“ auf der Internet-Seite des Heiligen Stuhls ist nichts mehr zu sehen, die Menschenmassen – am Mittwoch waren es wieder ungefähr hunderttausend Audienzteilnehmer – strömen durch die Kolonnaden und verlassen langsam den Petersplatz. Nicht so Papst Franziskus. Er geht dann seine „prima fila“ ab: Vor der ersten Stuhlreihe unterhalb des Sagrato sitzen – oft in Rollstühlen – behinderte und kranke Menschen, die der Papst einzeln begrüßt. Mit jedem spricht er, bei der letzten Audienz nahm er sich dafür eine ganze Stunde Zeit.

Die „prima fila“ bei der Generalaudienz war bisher eine Gelegenheit für Prominente, Politiker, Buchautoren, Besucher aus der bayerischen Heimat des deutschen Papstes oder ausgewählte Journalisten, Benedikt XVI. zu begrüßen, ihm eine Publikation, ein Mitbringsel oder eine kleine Wertsache zu überreichen. Das hat sich nun geändert. Die Präfektur des Päpstlichen Hauses nimmt die Anmeldungen von Kranken und Behinderten mit einer Begleitperson entgegen. Man dürfe keine Scheu haben, die Armen und Kranken zu berühren, hat Papst Franziskus bei einer der Frühmessen im Vatikan-Hotel gesagt. Bei der Heiligsprechungsfeier vor einer Woche auf dem Petersplatz sagt er über eine der drei neuen Heiligen, die Mexikanerin María Guadalupe García Zavala: „Mutter Lupita kniete sich vor den Kranken und Verlassenen auf den Boden des Krankenhauses, um ihnen mit Zärtlichkeit und Mitgefühl zu dienen. Und das bedeutet, das Fleisch Christi zu berühren. Die Armen, die Verlassenen, die Kranken, die an den Rand Gedrängten sind das Fleisch Christi. Mutter Lupita berührte das Fleisch Christi und hat uns beigebracht, auf diese Weise zu handeln: sich nicht zu schämen, keine Angst zu haben, keine Ekel zu verspüren, das Fleisch Christi zu berühren.“ Unbemerkt von den Fernsehkameras und der großen Masse der Audienzteilnehmer will Papst Franziskus das selber im Anschluss an die Generalaudienz tun.