Christen vor Diskriminierung schützen

Ist soziale Durchmischung der richtige Weg? In Stuttgart-Neugereut sind seit April 2016 christliche Flüchtlinge untergebracht. Von Sebastian Krockenberger

Die Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart-Neugereut. 144 Flüchtlinge, darunter 27 Christen, sind hier untergebracht. Foto: Krockenberger
Die Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart-Neugereut. 144 Flüchtlinge, darunter 27 Christen, sind hier untergebracht. Foto: Krockenberger

Im Februar 2016 meldete die Petitionsplattform CitizenGo Erfolg. Die Stadt Stuttgart wolle der Forderung nachkommen, christliche Flüchtlinge separat unterzubringen. Dreißig Christen dürften in eine neu entstehende Unterkunft einziehen, so berichteten die Stuttgarter Nachrichten. Mit der Petition „Für die gemeinsame Unterbringung vertriebener Christen in Stuttgart-Neugereut“ hat CitizenGo mehr als zwanzigtausend Unterschriften gesammelt. Christlichen Flüchtlingen sollte Schutz vor Diskriminierung in Flüchtlingsunterkünften geboten werden. Wie ist die Situation nun ein Jahr danach?

Auf Nachfrage berichtet Stefan Spatz, Leiter des Sozialamtes, dass in der damals neuen Unterkunft Anfang April 2016 Zimmer an einem Flur nur mit christlichen Flüchtlingen belegt worden seien. Zum 1. Februar 2017 waren 144 Flüchtlinge in den beiden Systembauten untergebracht, 27 davon sind Christen. Christen aus Syrien sind laut Sozialamt nur zwei davon. Die Flüchtlingshilfe der Malteser hat die Sozialbetreuung und Hausleitung übernommen.

Vor einem Jahr seien viele Flüchtlinge noch in Notunterkünften wie in ehemaligen Schulgebäuden untergebracht gewesen, so Spatz. Viele hätten einen Umzug abgelehnt, so dass restliche Plätze mit Christen unterschiedlicher Nationalitäten und mit Jesiden belegt worden seien. Spatz berichtet von einer gemischten Zusammensetzung der Unterkunft. Die Bewohner stammen aus Afghanistan, Gambia, Georgien, Irak, Iran, Kamerun, Nigeria, Singapur, Syrien und der Türkei. Sie seien christlichen, muslimischen und jesidischen Glaubens oder hätten keine Religionszugehörigkeit.

So kam auch Philip, Katholik aus Nigeria, in die Unterkunft. Sein Onkel sei Priester, erzählt er. Der junge Mann ist seit einem Jahr in Deutschland. Er hat schon ein Praktikum gemacht, besucht zurzeit einen Deutsch-Sprachkurs und sucht einen Job. Sein Asylverfahren läuft. Er berichtet von der guten Atmosphäre in der Unterkunft. Die Bewohner kochten selbstständig in Gemeinschaftsküchen. Er erklärt, dass es wenig Christen in der Unterkunft gebe.

Spatz schildert, wie christliche Flüchtlinge im Falle einer Diskriminierung in die Unterkunft gelangen können: „Wenn bekannt wird, dass Personen in anderen Unterkünften aufgrund ihres christlichen Glaubens diskriminiert werden, wird eine Verlegung geprüft. Da dies sehr selten der Fall ist und auch selten Auszüge stattfinden, hat es in den letzten Monaten keine Verlegungen in den Sturmvogelweg gegeben. Flüchtlinge erfahren von ihrer jeweiligen Heimleitung und in einigen Fällen von der assyrischen Gemeinde von dieser Option.“ Diese Möglichkeit besteht grundsätzlich nur für christliche Flüchtlinge, die bereits in Stuttgart untergebracht sind.

Ein sehr rühriger Freundeskreis kümmert sich um die Flüchtlinge in der Neugereuter Unterkunft und biete „verschiedene Angebote zur Integration im Stadtteil an“. Walter Häbe ist im siebzigköpfigen Freundeskreis der Unterkunft engagiert. Der harte Kern bestehe aus ungefähr 25 Leuten, so Häbe. Religion werde weitestgehend ausgeklammert. Der Freundeskreis organisiert Sprachkurse. Es gab eine Weihnachtsfeier und Weihnachtsgeschenke für die Kinder. Zu Ostern will Häbe auch wieder etwas auf die Beine stellen.

„Wir leben den Menschen im Heim Toleranz in religiösen Fragen vor, weil es bei uns in Neugereut schon seit Jahren den Arbeitskreis ,Vom Nebeneinander zum Miteinander‘ gibt“, erklärt Häbe. Er erläutert das Anliegen des Freundeskreises: „Wir respektieren uns gegenseitig und das kriegen die Bewohner im Alltag mit. Wir denken, dass das auch ein wesentlicher Baustein zur Integration ist.“

Das ursprüngliche Vorhaben

Ein Freundeskreis zur Unterstützung assyrischer Christen verfolgte ursprünglich ein anderes Ziel. Die gemeinsame Unterbringung von christlichen Flüchtlingen dient nicht nur dem Schutz. Die gemeinsame Unterbringung kann auch ermöglichen, dass die aus ihrer Heimat geflohenen Christen ein christliches Gemeindeleben entwickeln können. Im Falle von Neugereut arbeitete der Freundeskreis an einer Komplettlösung.

Mitglieder der Assyrischen Kirche des Ostens hatten im benachbarten Stadtteil Steinhaldenfeld regelmäßig in der katholischen Kirche St. Bonifatius Gottesdienste gefeiert. Auch Benefizkonzerte wurden dort veranstaltet. Die eigenständige und autokephale Kirche steht in geistlicher Nähe zur römisch-katholischen Kirche. Die Verwandtschaft ist in der Liturgie deutlich sichtbar. Nach Angaben der Assyrischen Kirche leben in Deutschland etwa fünftausend Gläubige, rund zweihundert in der Region Stuttgart.

Alban Lämmle, eine treibende Kraft im Freundeskreis der Assyrer, berichtet, dass er mit Hilfe befreundeter CDU-Stadträte den Leiter des Sozialamts, Stefan Spatz, überzeugen konnte, in der damals neuen Unterkunft in Stuttgart-Neugereut etwas für die Christen zu tun. Die Übernahme der Kirche St. Bonifatius durch die assyrische Gemeinde war im Gespräch. Dem assyrischen Priester und zwei weiteren Familien habe er dank des katholischen Siedlungswerks Wohnungen in Neugereut beschaffen können. Die verschiedenen Aspekte der Kirchenübernahme konnten nicht geregelt werden, auch wegen Schimmelbefall konnte die Kirche nicht weiter genutzt werden. Die Protestanten sind eingesprungen und stellten in Stuttgart-Berg eine Kirche für die Gottesdienste der Assyrer zur Verfügung. Weil sich das katholische Stadtdekanat und die örtliche Gemeinde nicht hätten einigen können, den Assyrern die Bonifatiuskirche weiter zu überlassen, sei schließlich die Prämisse obsolet gewesen, dass beim Erstbezug der Unterkunft christliche Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien kommen.

St. Bonifatius steht jetzt leer. Eine Renovierung und Überlassung an die Assyrer wäre nach wie vor möglich. Der Vorteil ist, dass an St. Bonifatius auch ein Gemeindezentrum angeschlossen ist. Das fehlt den Assyrern in der aktuellen Situation. Die katholische Kirche hat einer chaldäisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart-Rohracker bereits eine Kirche zur Verfügung gestellt.

Die Assyrer sind in der Ninive-Ebene, nördlich von Mossul beheimatet. Sie wurde in der Vergangenheit mehrheitlich von Christen bewohnt und ist zurzeit zwischen dem „Islamischen Staat“, den Kurden und den anderen Konfliktparteien schwer umkämpft. Mittlerweile kommen so gut wie keine assyrischen Christen mehr in Deutschland an. Die letzten kamen über den Libanon. Vertreter der assyrischen Christen erklären, es habe sich herumgesprochen, dass Deutschland den Muslimen hilft und nicht den Christen. Die meisten Christen fliehen daher nach Erbil oder in die Türkei. Die Schlepper sind oft Muslime, weshalb sich Christen diesen nicht gerne anvertrauen. Meist fehlt den Christen auch schlicht das Geld für eine Flucht nach Deutschland.

Schätzungsweise kann davon ausgegangen werden, dass vor dem Einmarsch der Vereinigten Staaten in den Irak im Jahr 2003 bis zu zwei Millionen Christen verschiedenster Konfessionen dort lebten, darunter die autokephale Assyrische Kirche des Ostens und die mit Rom unierte chaldäisch-katholische Kirche. Heute leben nur noch einige hunderttausende Christen im Irak. Viele wurden getötet, versklavt oder sind geflohen.

An der Flüchtlingsunterkunft in Neugereut wird eine grundsätzliche Frage sichtbar: Ist die soziale Durchmischung der Flüchtlinge der richtige Weg? Stefan Spatz erklärte vor einem Jahr den Stuttgarter Nachrichten: „Unsere Unterkünfte sind so etwas wie die Vereinten Nationen in klein. Die Leute müssen spätestens hier lernen, miteinander klarzukommen.“

Die Politik will die soziale Durchmischung der Flüchtlinge. Doch ist das sachgerecht? Kann von Christen, deren Haus abgebrannt und deren Freunde und Angehörige getötet oder versklavt wurden, erwartet werden, dass sie einer möglichen Begegnung mit einem Peiniger aus der Heimat seelenruhig entgegensehen?

Die merkliche Nervosität der Hauptamtlichen bei Stadt und Maltesern macht misstrauisch. Und Anlass zur Nervosität scheint es genug zu geben. Wer sich in den in Stuttgart gut vernetzten evangelikalen Kreisen umhört, erfährt, dass die Lage sich nicht wesentlich verbessert hat. In mehreren Unterkünften sollen Moscheen entstanden sein. Radikalisierungstendenzen unter Muslimen würden sich verschärfen. Christliche Flüchtlinge sollen weiterhin immer wieder drangsaliert werden. Dabei träfe jedoch der Begriff einer „systematischen Verfolgung“ nicht zu, da es kein organisiertes Vorgehen sei. Vielmehr kämen viele meist muslimische Flüchtlinge mit der Sozialisation ihrer Herkunftsländer nach Deutschland. Und in diesen Herkunftsländern seien Repressionen und Drangsalierung von Minderheiten weit verbreitet. Dies setze sich folglich in den Gemeinschaftsunterkünften in offensichtlich zu vielen Fällen weiter fort, so dass man hier nicht mehr von Einzelfällen sprechen könne.

Zudem, so ist von evangelikaler Seite zu hören, könne eine Erfassung staatlicherseits häufig nicht erfolgen, da der Übergriff oft unterhalb der Schwelle von strafrechtlicher Relevanz sei. Problematisch sei auch, dass nach entsprechenden Vorfällen eine Verlegung in andere Unterkünfte häufig durch die Behörden verweigert oder sehr erschwert werde, so auch in dem konkreten Fall eines in der evangelischen Stiftskirche Stuttgart getauften Flüchtlings. Der Hauptwunsch der von Diskriminierung betroffenen Christen sei nach wie vor eine getrennte Unterbringung.