Choralgesang mit einem inneren Leuchten

Im Musikhimmel: Die „Requiem“-CD der Priesterbruderschaft St. Petrus stürmt die amerikanischen Charts. Von Barbara Stühlmeyer

Sony ist ein Label, das nur mit den Besten arbeitet. Und was die Projekte betrifft, die dieser gewinnorientierte Musikbetrieb angeht, ist eines klar: Er arbeitet hundertprozentig erfolgsorientiert. Deshalb sollte die neue CD „Requiem“, die dieses Jahr die Ohren der Öffentlichkeit erreichte und sofort an der Spitze der Klassikcharts des amerikanischen Musikmagazins „Billbord“ stand, auch die Musikfreunde hierzulande aufmerksam werden lassen. Die überwiegend jungen Menschen, die hier singen, leben im Priesterseminar in Denton/Nebraska in den USA, einer der Niederlassungen der Priesterbruderschaft St. Petrus. Das gesungene Gebet hat für die weltweit 452 Priester, Diakone und Seminaristen einen entscheidenden Stellenwert. Keiner von ihnen käme auf die Idee, dass es in Ordnung wäre, in der Osternacht das Exultet mehr oder weniger unvorbereitet und daher fehlerhaft und ohne Überzeugungskraft vom Blatt zu singen, weil die Woche eben nur sieben Tage und an sechs von ihnen Sitzungen hat. Wenn sie ihren Glauben singen, ist dies ein geistliches Ereignis. Und zwar nicht nur für die Petrusbrüder selbst, sondern auch für diejenigen, die ihnen zuhören.

Die bei Sony arbeitenden Kinder der Welt waren klug genug, die besondere Ausdruckskraft wahrzunehmen. Denn die CD „Requiem“ überzeugt nicht nur durch ihre außerordentlich hohe musikalische Qualität, die sie der Tatsache verdankt, dass der Co-Produzent der CD, Frater Garrick Huang aus Quebec, eine exzellente Gesangsausbildung genossen und bereits auf den großen Bühnen Kanadas gesungen hat, bevor er seiner Berufung folgte, und Priester der Bruderschaft wurde.

Allerdings kann nicht geleugnet werden, dass Christopher Alder, der Produzent der Einspielung, der für seine Arbeiten bereits mit elf Grammys ausgezeichnet worden ist, von dem homogenen Klang, den absolut in sich ruhenden und zugleich zentrierten Stimmen begeistert war, die sich so deutlich von manch lustlosem, zwischen Detonation und Verkrampfung pendelnden Gesang einiger Konvente unterscheidet, die sich viel um äußeres Engagement kümmern und deren inneres Leben daher zu verkümmern droht. Doch was Alder bewog, die Schola der Priesterbruderschaft in sein Programm aufzunehmen war, dass sie mit ihrem Gesang die Türen der Herzen öffnen.

Und das funktioniert bemerkenswerterweise nicht nur bei den Kindern des Lichtes, sondern auch bei den Kindern der Welt, weil die besondere Art, in der die jungen Männer singen, in ihrem tiefen Glauben wurzelt und die Hoffnung, die ihr Leben trägt, deshalb wie ein Funke auf die Hörerinnen und Hörer überspringt. Alder betont, welch starken Akzent die Petrusbrüder auf musikalisches Training setzen, wie konzentriert sie üben, weil für Gott nur das Beste gut genug ist. Obwohl viele der Sänger im strengen Sinne Laien sind, wurden sie durch ihre geistliche Ausbildung in der Petrusbruderschaft zu Profis, mit denen zusammenzuarbeiten Alder genau so viel Freude machte, wie die mit den großen Namen der Dirigenten- und Orchesterszene. Denn das, was die Priester, Diakone und Seminaristen hier singen, beherrschen sie inwendig, so dass es selbstverständlich aus ihnen strömen kann. Frater Zachary Akers, der Leiter der Schola, führt seine Sänger mit der tiefen inneren Freude eines Menschen, der den für ihn genau richtigen Platz gefunden hat. Seine Interpretation des Requiems lebt aus der Zuversicht des Glaubens an die Auferstehung und so ist die Stimmung der Gesänge zwar gewohnt verhalten, zugleich aber erfüllt von einem wunderbaren inneren Leuchten. Er verweist auf die scheinbare Einfachheit des gregorianischen Chorals, die zugleich ein Konzentrat der bei einem Requiem lebendigen inneren Empfindungen und Ausdruck des Glaubens sind – eine Musik, die direkt zur Seele spricht.

Die CD „Requiem“ erinnert an eine geistliche Grundhaltung, die im Mittelalter lebendig war, als die Mönche und Nonnen noch keine Notenexemplare in den Händen hielten, sondern alle Gesänge inwendig lernen mussten, bevor sie sie als Ausdruck ihres Glaubens singen konnten. Und obwohl die Petrusbrüder bei ihrer Aufnahme selbstverständlich Noten verwendet haben, singen sie aus derselben Haltung heraus. Sie sind überzeugt, dass ein regelmäßiges Training in gregorianischem Choral ihrem Leben jenen spezifischen Tonus gibt, der die Mitglieder der Bruderschaft auszeichnet, jene konzentrierte spirituelle Hörhaltung, die alles Erleben auf das hin prüft, was bleibt. „Das, was wir hier tun“, sagt einer der Sänger, Frater Gerard Saguto aus Irland, der in den Seminaren von Rom und Wigratzbad lebte, bevor er nach Denton ging, „ist keine Performance. Es ist, was wir leben, es ist unser Leben.“ Mit ihrer CD öffnen die Petrusbrüder nicht nur die Türen der Herzen, sie teilen auch bereitwillig den reichen Schatz, den sie selbst gefunden haben und laden Menschen aller Rassen, Schichten und Gruppen ein, sich in das alte und immer neue Geheimnis des Glaubens einzuschwingen. Das Hören dieser ausgezeichneten CD ist uneingeschränkt empfehlenswert und es bleibt zu hoffen, dass die Petrusbrüder bald weitere CD-Produktionen edieren. Denn es ist gut möglich, dass in 20 Jahren dies für viele Gläubige die einzige Möglichkeit sein wird, gesungenen Glauben auf diesem Niveau mitzuerleben.

Requiem. Priestly Fraternity of

St. Peter, Sony 2017, Bestellnummer 88985417352, EUR 16,90, bestellbar über www.petrusbruderschaft.de