Bürgerschreck auf katholischen Pfaden

Italien: Mit dem Vorschlag eines Moratoriums gegen Abtreibung stört Giuliano Ferrara den Frieden einer Abtreibungsgesellschaft

Rom (DT) Er ist dick, nicht gerade schön und ein begnadeter Redner. In seiner abendlichen Talkshow „Acht Uhr dreißig“ kommen die führenden Intellektuellen Italiens zu Wort. Und allen von ihnen kann er das Wasser reichen. Er führt eine nicht sehr umfangreiche Tageszeitung – Name „Il Foglio, keine Fotos, nur enger Text –, die man noch als wahres Intelligenzblatt bezeichnen kann. Und eines macht der Workaholiker besonders gern: gegen den Mainstream polemisieren. Giuliano Ferrara ist ein wahrer Bürgerschreck. Dabei hat er die „Laufbahn“ hinter sich gebracht, die viele waschechte Kommunisten und Steinewerfer des Landes hinter sich haben. Von Marx und Engels führte der Weg zu Italiens Sozialisten unter Bettino Craxi, von dort zum Imperium des Mailänder Unternehmers Silvio Berlusconi, einem Zögling Craxis, der mit seinen Privatsendern das Informationsmonopol des Staatsfernsehens knackte, und von dort schließlich zu Autoren und Denkern, die plötzlich mit den Slogans der 68er nichts mehr anzufangen wussten. Und da war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu katholischen Denkern, deren Spitzenvertreter auch in Italien nun einmal Kardinal Ratzinger – Papst Benedikt war und ist.

Ferrara bezeichnet sich (noch) als Ungläubiger und wird im Allgemeinen zu einer Gruppe von Denkern gerechnet, die man in Italien mit der etwas idiotischen Bezeichnung „atei devoti“ – „fromme Atheisten“ umschreibt. Das aber hindert Ferrara nicht daran, katholische Anliegen mit den Methoden zu befördern, die er als aktiver Kommunist gelernt hat. Will man die herrschenden Verhältnisse revolutionieren, muss man zuerst das Bewusstsein der Menschen verändern. Und das tut er nun auch, seit Wochen schon, auf einem Gebiet, wo der herrschende Mainstream und eine breite politische Front – Christdemokraten eingeschlossen – keine Veränderung der herrschenden Verhältnisse will: dem Recht der Frau auf Abtreibung.

Als es der Delegation der Republik Italien bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 18. Dezember vergangenen Jahres gelungen war, ein Moratorium gegen die Todesstrafe in aller Welt durchzusetzen, fing Ferrara an. In seiner Sendung „Acht Uhr dreißig“ und in seinem Blatt begann er laut darüber nachzudenken, ob es nicht auch ein internationales Moratorium gegen Abtreibung geben sollte. Einfach mal lassen, einfach mal aufhören, ungeborene Kinder in aller Welt millionenfach in die Abfalleimer zu befördern. Ferrara spricht Gefühle an, und er macht das sehr geschickt. Die Ärzte seien sich fast hundertprozentig sicher, so sagt er, dass ein Ungeborenes bei einer Spätabtreibung keine Schmerzen spürt. Aber so ganz sicher seien sie eben nicht. Und folgert daraus, dass Mediziner offenbar bereit sind, mit einer Art Unwahrhaftigkeit zu leben, die für den Ärztestand eigentlich verboten ist.

Vor allem eines macht Ferrara nicht: Er fordert keine Änderung des italienischen Abtreibungsparagraphen 194. Er zeigt keine Fotos von zerstückelten Babyleichen, sondern zählt auf, wo und wie sehr der Welt die Kinder fehlen, im Westen wie in Indien und China oder anderswo. Selbst einem gestandenen Laizisten ist heute klarzumachen, dass die Abtreibungsgesellschaften Gefahr laufen, sich selbst abzutreiben.

Der Aufschrei unter der Politikerkaste und den ihr verbundenen Kommentatoren in den Massenmedien war groß. Auf die Argumente Ferraras gingen sie nicht ein, sondern stellten dessen Kreuzzug für das Leben als Schachzug dar, um die eben gebildete Mitte-Links-Partei zu spalten. Unter der Führung von Roms Bürgermeister Walter Veltroni hat sich im November 2007 der „Partito Democratico“ zur Welt gebracht, die „Demokratische Partei“, in der die ehemaligen Kommunisten und die Christdemokraten der „Margherita“ zusammengeflossen sind. Dieser „Partito Democratico“ soll weiterhin den parteilosen Ministerpräsidenten Romano Prodi stützen und das Land vor einer Rückkehr Berlusconis an die Macht schützen. Gewandelte Kommunisten und bekennende Katholiken sitzen also Seite an Seite – und da ist die Abtreibung schon ein Thema, das spaltend wirken kann. Ferrara macht das überaus gerne, den Spaltpilz in diese neue politische Formation zu tragen. Aber für ihn ist das nur ein willkommener Nebeneffekt.

Für die Kirche in Italien ist die Debatte, die Ferrara losgetreten hat, ein Geschenk des Himmels. Nachdem sie im Referendum von 1981, das die in Italien geltende Fristenregelung mit 68 Prozent der Stimmen bestätigte, den Kampf um den Lebensschutz verloren hatte, saß sie wie in einem Ghetto. Es waren nur noch die katholischen Zeitungen, nur noch der „Osservatore Romano“, nur noch Papst und Bischöfe, die die Stimme für die Ungeborenen erhoben. Das Recht gestand man ihnen zu. Ändern würde und sollte es sowieso nichts mehr.

Ferrara ist wie der Strick, an dem sich die katholische Kirche aus dem Ghetto in Sachen Abtreibung nun herausangeln will. „Il Foglio“ Ferraras, die Zeitung der Bischöfe „Avvenire“ und der „Osservatore Romano“ spielen sich die Bälle zu, Autoren des „Foglio“ schreiben plötzlich in der Zeitung des Papstes und umgekehrt. Eine lebendige Abtreibungs-Debatte ist wieder da. Wäre die Nachrichtenlage Italiens zurzeit nicht vom Müll dominiert, es wäre das Thema Nummer eins.

Ferrara macht mit seiner Argumentation deutlich, dass das Leben der Ungeborenen ein Gegenstand ist, dem man sich nicht nur mit göttlichen Geboten oder einer religiös begründeten Moral nähern kann, sondern auch mit dem gesunden Menschenverstand. Immerhin geht es um die Tötung eines Menschen. Für die Kirche tut sich damit die Möglichkeit für eine Koalition zwischen Katholiken und laikalen Kräften auf, die in der Gesellschaft an Einfluss gewinnen könnte. Auf fast dämonische Weise haben radikale Laizisten jetzt den Besuch des Papstes in der größten Universität des Landes unmöglich gemacht. Vielleicht auch ein Versuch, diese aufkeimende Koalition im Vorfeld zu zerstören?