Bücher: Der Sehnsucht auf den Spuren

„Beten Sie?“ Mit kaum einer anderen Frage kann man sein Gegenüber so sehr irritieren, wie mit dieser. Die Frage ist peinlich, ja unverschämt und ziemt sich unter aufgeklärten Mitteleuropäern einfach nicht. Bernhard Meuser kennt diese Frage und er kennt auch das peinliche Gestammel, das als Antwort auf diese Frage dienen soll.

In seinem wieder aufgelegten Buch „Beten – eine Sehnsucht“ erzählt Meuser auf erfrischend einfache Art und Weise von seinen Erfahrungen mit dem Beten. Am Beginn steht nicht die Pflicht zu beten, sondern die Lust, die Freude und „wenn Sie mich fragen: Warum betest du? – dann antworte ich Ihnen: ich bete aus Sehnsucht“. Diese Sehnsucht ist es nach Meuser, die den Beter herausführt aus der kleinbürgerlichen Enge und dem Geist ritueller Verrichtung. Meuser ist der Überzeugung, dass jeder Mensch Sehnsucht hat, aber sie braucht einen Raum und sie braucht die Stille, damit sie sich entfalten kann. Wenn die Sehnsucht so ihre Fühler ausstrecken kann, dann drängt sie danach, sich auszudrücken: in Worten und in der ganzen Existenz. Dies allein ist noch kein Beten, aber ist diese Sehnsucht an Gott adressiert, dann wird ein Gebet daraus. Das Gebet, wie Meuser es versteht, ist somit vielgestaltig und weit.

In seinem Buch stellt Meuser viele solcher Gebete und Begebenheiten aus dem Leben großer Beter vor, um den Leser mit hineinzunehmen in dieses sehnsuchtsvolle Ringen vor Gott. Dabei geht es ihm nicht darum, in eine bestimmte Gebetstechnik einzuführen, denn Meuser beteuert: „Das Äußerste, was ich an Gebetstechnik akzeptieren kann, sind Ratschläge von der Sorte: Mach deinen MP3-Player aus!“ Aber er macht auch darauf aufmerksam: „wenn alles Gebet sein kann, ist oft nichts Gebet.“ Daher empfiehlt er den Lesern, nicht nur in aller Freiheit zu suchen, sondern in Entschiedenheit die eigene Art zu beten zu leben. Mit Hingabe.

Meusers Zeugnis ist so eine Einladung, sich von der Sehnsucht packen zu lassen und ganz einfach selbst Antwort zu geben auf die scheinbar peinliche Frage: „Beten Sie?“