Blutsverwandtschaft aus der Leidenszeit

In Rumänien mühte sich Papst Franziskus, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, die Orthodoxie zu gewinnen und die Katholiken zu ermutigen. Von Engelbert Kouchat

Seligsprechung mit Papst Franziskus
Papst Franziskus grüßt die Menschen vor einer Messe mit der Seligsprechung von sieben rumänischen Märtyrern, griechisch-katholischen Bischöfen, am 2. Juni 2019 Blaj (Rumänien). Die Menschen halten kleine Flaggen von Rumänien und dem Heiligen Stuhl. Foto: Paul Haring

Papst Franziskus bereiste weder Paris noch London, weder Berlin noch Wien, aber fünf Länder des gemeinhin abfällig als Balkan bezeichneten Südostens Europas. In die (abgesehen von Moldawien und Weißrussland) ärmsten Länder des Kontinents zieht es ihn: nach Albanien, Bosnien, Bulgarien, Mazedonien, und nun nach Rumänien. Damit geht er nicht nur an die Peripherie Europas, sondern in jene Region, in der eine katholische Minderheitenkirche seit Jahrhunderten mit dem osmanisch geprägten Islam und einer quantitativ starken Orthodoxie koexistiert.

Rumäniens Orthodoxie ließ es sich nicht nehmen, dem Papst Gastfreundschaft zu erweisen

Die neue Stärke der rumänisch-orthodoxen Kirche, die gut 85 Prozent der Einwohner des Landes zu ihren Schäfchen zählt, konnte der Gast aus Rom beim Besuch der Bukarester „Kathedrale zur Erlösung der Nation“ bestaunen. Der erst 2018 geweihte Sakralbau ist eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt. Anders als vier Wochen zuvor in Sofia, wo die bulgarische Staatskirche Franziskus nur knapp nicht brüskierte, ließ es sich Rumäniens Orthodoxie nicht nehmen, dem Papst Gastfreundschaft zu erweisen. Patriarch Daniel und die Bischöfe lauschten ihm in der prominent besetzten Kathedrale. Der Papst beschwor die „Blutsverwandtschaft, die aus der Leidenszeit stammt“, also eine Ökumene des Martyriums, hatten die Kommunisten doch Christgläubige unabhängig von Konfessionszugehörigkeit gefoltert und ermordet. Christen verschiedener Kirchen hätten „den Freitag der Verfolgung erlitten, den Samstag des Schweigens durchlaufen und schließlich den Sonntag der Neugeburt erlebt“, sagte Franziskus vor dem Synod der orthodoxen Bischöfe in Bukarest. In den Gefängnissen hätten sich die Christen „gegenseitig Halt gegeben“, und so den jüngeren Generationen ein Vorbild.

Heute gelte es, aus „der Erinnerung an erlittenes und zugefügtes Unrecht“ heraus gemeinsam auf den Herrn zu hören, lehrte Franziskus, „in diesen Zeiten, wo die Wege der Welt zu schnellen sozialen und kulturellen Veränderungen geführt haben“. Der Papst warb gegenüber der Orthodoxie um Brüderlichkeit und eine gemeinsame Vision der „Einheit in der schönsten und harmonischsten Vielfalt“. Er rüttelte sie auch auf, indem er heutige Herausforderungen in den Blick rückte: den wirtschaftlichen Wohlstand, von dem die meisten „gnadenlos ausgeschlossen“ seien, die „gleichmacherische Globalisierung“, die drohe, „den Völkern ihre Werte zu entreißen und die Ethik und das Zusammenleben zu schwächen“, die „Logik des Geldes, der Eigeninteressen und der Macht“ und den „immer hemmungsloseren Konsumismus“. All das brandmarkte Franziskus als „trügerische Verführungen der Weltlichkeit“.

Mehrfach verwies der Papst auf die massenhafte Emigration

Mehrfach verwies der Papst auf die massenhafte Emigration, von der allein in Rumänien „einige Millionen Menschen betroffen sind, die Haus und Vaterland verlassen haben“. Der Papst erinnerte an die Entvölkerung vieler Dörfer und an jene Rumänen, die im Ausland arbeiten, um ihre Familien zuhause finanziell zu unterstützen. Gegenüber den Bischöfen wies er zugleich auf die rumänisch-orthodoxen Gemeinden hin, die in Westeuropa freundschaftlich mit katholischen Gemeinden und Diözesen zusammenwirken.

Mit Spannung wurde darauf geachtet, ob der Papst die in Rumänien tiefsitzende Korruption ansprechen würde. Immerhin ist der Vorsitzende der skandalgebeutelten sozialistischen Regierungspartei PSD, Liviu Dragnea, wegen Korruption und Anstiftung zum Amtsmissbrauch vorbestraft. Viele sehen Ministerpräsidentin Viorica Dancila als seine Marionette, während Staatspräsident Klaus Iohannis die Unabhängigkeit der Justiz zu verteidigen versucht. Beim Rückflug nach Rom meinte Franziskus: „Es gibt die Krankheit der Korruption in der Politik vieler Länder.“ In Bukarest äußerte er seine Kritik eher diplomatisch, sprach von der „Entstehung unvermeidlicher Hürden“, die „überwunden werden müssen“, mahnte die Verantwortungsträger, „sich um das Gemeinwohl des Volkes zu kümmern“. Die Warnungen des Papstes, der „überhandnehmenden Macht der Zentren der Hochfinanz“ eine „Sensibilisierung der sozialen, zivilen und politischen Kräfte gegenüber dem Gemeinwohl“ entgegenzusetzen, werden die des Wahlbetrugs und der Korruption überführten Sozialisten kaum als Mahnwort in ihre Richtung interpretieren.

Es gibt die Krankheit der Korruption
in der Politik vieler Länder"
Papst Franziskus

Mit Fingerspitzengefühl ging Franziskus bei der Ermutigung der katholischen Kirche vor. Während die in Rumänien traditionsreiche griechisch-katholische Kirche, die einst die Bildungselite stellte, durch die brutale kommunistische Verfolgung von 1,5 Millionen auf rund 400 000 Gläubige dezimiert wurde, lebt die römisch-katholische Kirche vor allem von der starken ungarischen Volksgruppe Siebenbürgens. Beide Seiten ermutigte der Papst, nicht zuerst auf die eigene Gruppe oder Ethnie zu achten.

Der große Moment der ungarischen Katholiken Rumäniens war die von Unwettern eingetrübte Wallfahrt des Papstes nach Sumuleu-Ciuc (Schomlenberg), einem ins 14. Jahrhundert zurückreichenden marianischen Ort, der an den Abwehrkampf gegen die Osmanen erinnert. Die stets am Samstag vor Pfingsten stattfindende Wallfahrt zur Gottesmutter an diesem Ort gehöre zum Erbe Siebenbürgens, „doch sie ehrt zugleich die rumänische wie die ungarische Tradition“, sagte Franziskus vor zahlreichen ungarischen Fahnen. Und er mahnte, die „verwickelten und traurigen Geschichten der Vergangenheit“ dürften das brüderliche Zusammenleben nicht behindern.

Der Höhepunkt für die Katholiken des byzantinischen Ritus war die Seligsprechung ihrer sieben Märtyrer-Bischöfe

Der Höhepunkt für die Katholiken des byzantinischen Ritus war am Sonntag die Seligsprechung ihrer sieben Märtyrer-Bischöfe auf dem „Freiheitsfeld“ von Blaj (Blasendorf). Hier hatten sich 1848 unter Führung eines orthodoxen wie eines griechisch-katholischen Bischofs zehntausende Rumänen zusammengefunden, um für die Gleichberechtigung ihres Volkes innerhalb der Habsburger-Monarchie zu demonstrieren. Ein Jahrhundert später missbrauchten die Kommunisten die Symbolkraft des „Freiheitsfelds“, um die Religionsfreiheit zu Grabe zu tragen, indem sie die Auflösung der griechisch-katholischen Kirche und ihre „Rückkehr“ in die Orthodoxie verkündeten.

Wie zuvor in der Ukraine war diese Rückkehr alles andere als freiwillig, sondern ein kommunistisch gesteuerter Gewaltakt, dem die Folterung und Ermordung katholischer Laien und Priester folgte. Hier erinnerte nun Franziskus an das Erbe der Märtyrer-Bischöfe: „Die neuen Seligen haben gelitten und ihr Leben hingegeben, weil sie sich einem unfreien, ideologischen System, das die Grundrechte der menschlichen Person beschnitten hat, entgegenstellten.“ Auch heute, mahnte der Papst, gebe es „wieder neue Ideologien, die auf subtile Weise Macht gewinnen und unsere Mitbürger von ihren reichen kulturellen und religiösen Überlieferungen entfremden wollen“.