Beten, arbeiten und lesen

Wissenschaft als Gottesdienst: „Über das Studium der Mönche“ von Jean Mabillon OSB

Besucher der Stadt Paris aus Deutschland oder aus Österreich versäumen selten, den Boulevard Saint-Germain auf der linken Seite der Seine aufzusuchen, erleben sie hier doch einen der alten Pariser Boulevards authentischer als an der Grand-Avenue der Champs-Élysées. Im sechsten Arrondissement, gegenüber der Einmündung der Rue de Rennes in den Boulevard Saint-Germain, weitet sich der Boulevard zur Place Saint-Germain-des-Prés. Dort befinden sich nicht nur bei Touristen beliebte Cafés, dort ragt auch der markante Turm der Kirche Saint-Germain-des-Prés – der älteste Kirchturm von Paris – empor, der die Kirche Saint-Germain-des-Prés und das, was die Revolution von den Klostergebäuden übriggelassen hat, nach Westen hin abschließt. Das Kloster, von dem Merowingerkönig Childebert I. gegründet und 558 zunächst dem hl. Vincentius und dem heiligen Kreuz und 754 dem in der Kirche bestatteten heiligen Bischof Germain geweiht, wurde 1802 weitgehend abgerissen. In der Kirche, die vor ihrer Resakralisierung als Salpeterfabrik missbraucht wurde, tagte 1792 das Blutgericht, dem mehr als 300 Personen zum Opfer fielen.

An der Außenmauer zur Place Saint-Germain-des-Prés hin gewahrt der aufmerksame Betrachter in einer Mauernische eine steinerne Büste: Jean Mabillon, der Benediktiner, bekannter als Mauriner, nach der 1618 entstandenen Kongregation von Saint-Maur der französischen Benediktiner. Jean Mabillon stammte aus den Ardennen, wo er 1632 geboren wurde und in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. 1653 trat er in der Abtei Saint-Rémy in Reims in den Benediktinerorden ein, bevor er in die Abtei Corbie an der Somme und dann in die königliche Abtei Saint-Denis bei Paris wechselte, deren Basilika Grablege der französischen Könige war. 1660 empfing er die Priesterweihe. Seit 1664 in der Abtei Saint-Germain-des-Prés, schon vor seiner Ankunft Zentrum des Gelehrtenkreises der Benediktiner oder Mauriner um Luc d'Achéry und andere, wurde Mabillon bald zum wichtigsten Repräsentanten benediktinischen Gelehrtentums jener Zeit, dessen Forschungsarbeiten vor allem der Kirchengeschichte galten. Seit 1667 gab er die Werke des Zisterziensers Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jahrhundert und seit 1668 acht Bände der „Acta Sanctorum Ordinis Sancti Benedicti“, einer von ihm quellenkritisch bearbeiteten Sammlung der Lebensbeschreibungen der Heiligen des Benediktinerordens, heraus. Dazu unternahm er – wie es sich für einen Mönch gehörte: zu Fuß – Forschungsreisen in Bibliotheken von Klöstern seines Ordens in Burgund, Deutschland, der Schweiz und Italien. 1693 nahm er die Arbeit an den „Annales Ordinis Sancti Benedicti“ auf, einer Geschichte des Benediktinerordens, von der zu seinen Lebzeiten seit 1703 vier umfangreiche Bände erschienen. Sein berühmtestes und bis heute bekanntestes Werk war „De re diplomatica“ von 1681, mit dem Mabillon die Urkundenlehre oder Diplomatik begründete. Es wird berichtet, dass Mabillon, Gelehrter durch und durch, den ganzen Tag von zwei Uhr in der Nacht bis in den Abend mit Lesen, Schreiben und Studieren verbrachte, nur unterbrochen von den Mahlzeiten, von den Stundengebeten und von der täglichen Feier der heiligen Messe.

Wie aber vertrug sich ein solches Leben mit den monastischen Idealen, mit dem „ora et labora“, dem „bete und arbeite“ der Benediktsregel? Viele verstanden das „ora et labora“ als „Gebet und Handarbeit“, aber nicht als Gebet, wissenschaftliche Forschung und Bücherschreiben. Ein Zeitgenosse Mabillons, der 1610 geborene Abt des Zisterzienserkloster La Trappe und Gründer der streng-asketischen Trappisten, Armand-Jean Le Bouthilier de Rancé, sah das so. 1683 veröffentlichte er die Schrift „Traité de la sainteté et des devoirs de la vie monastique“ oder „Abhandlung über die Heiligkeit und die Pflichten des Klosterlebens“. Darin stehen die Sätze: „Die Mönche sind nicht für das Studium, sondern für die Buße bestimmt. Gott, der in seiner Kirche Mönche beruft, möchte keine Gelehrten, sondern Büßer“. Das war der Aufruf zu unbedingter, durch nichts beeinträchtigter Nachfolge Christi, die nach Meinung Rancés durch wissenschaftliche Studien und Gelehrsamkeit von ihrem Ziel nur abgelenkt werden konnte. Dabei schien der radikale Trappist den Apostel Paulus auf seiner Seite zu haben, schreibt dieser doch im 1. Korintherbrief: „Erkenntnis macht aufgeblasen“, wobei die lateinische Bibel viel deutlicher ist unsere Einheitsübersetzung oder als der originale griechische Text (Gnosis physioi) des Neuen Testaments: „Scientia inflat“ – „Wissen macht aufgeblasen“. Jeder Mönch kannte die lateinische Bibel.

Das war dasselbe Problematik, vor der im 20. Jahrhundert Edith Stein stand, die Philosophin, die auf den Spuren Teresas von Ávila zunächst katholisch und dann 1933 Karmelitin wurde. Edith Stein fand die Lösung mit Thomas von Aquin. 1928 schrieb sie: „Dass es möglich sei, Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben, ist mir zuerst so recht am hl. Thomas aufgegangen, und erst daraufhin habe ich mich entschließen können, wieder ernstlich an wissenschaftliche Arbeit heranzugehen“. Der Benediktiner Jean Mabillon fand einen anderen, mehr pragmatischen und historisch argumentierenden Weg, um Wissenschaft und Nachfolge Christi in Einklang zu bringen. Er antwortete auf den Trappisten Rancé 1691 mit seinem „Traité des études monastiques“, der „Abhandlung über die monastischen Studien“, einer im Gegensatz zu seinen anderen Werken nicht lateinisch, sondern in französischer Sprache verfassten und deshalb wohl auf ein breiteres Publikum auch außerhalb der Klöster abzielenden Schrift.

Mabillon ließ keinen Zweifel daran, dass Wissenschaft und Gelehrsamkeit keineswegs die Hauptaufgabe von Klöstern sein dürfen: „Triebfeder für die Einrichtung von Klöstern war die Sehnsucht nach Zurückgezogenheit und nach einem tugendhaften Leben, die Ablehnung eines rein materiellen Daseins und die Flucht aus einer verrohten Welt, nicht jedoch das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Betätigung. Kurz gesagt, es war der Wunsch, Christus nachzufolgen und um seinetwillen alles aufzugeben. Bei der erstmaligen Einrichtung von Klöstern spielten die Wissenschaften nicht nur keine Rolle, sondern wurden im Gegenteil sogar unter die Dinge gerechnet, denen die Mönche mit Verachtung begegneten.“ Mabillon wusste auch um die Gefahren der Wissenschaft und des Strebens nach wissenschaftlicher Reputation für das Glaubensleben: Wenn der Apostel Paulus „sich keiner anderen Wissenschaft als der des gekreuzigten Jesus Christus rühmen wollte, so dürfen auch wir uns keine anderen Ziele bei unserem Studium vornehmen. Jede Wissenschaft, die sich nicht auf dieses große Ziel beschränkt, ist mehr schädlich als nützlich. Allein die Nächstenliebe kann sie in richtiger Weise lenken. Allein sie kann auch die Überheblichkeit des Herzens heilen, welche eine leere und sterile Wissenschaft regelmäßig bei den rein theoretischen Wissenschaftlern hervorruft, die nur ein einziges Ziel kennen: sich durch ihre Studien irgendwie hervorzutun und sich einen Namen in der Welt zu erwerben.“ Das war gut paulinisch, denn der Satz zu Anfang des achten Kapitels im 1. Korintherbrief lautet vollständig: „Die Erkenntnis macht aufgeblasen, die Liebe dagegen baut auf.“

Aber dann wird der gelehrte Benediktiner aus Paris ganz pragmatisch: Er führt den Nachweis, „dass Studien dem monastischen Geist keineswegs widersprechen und Mönchen niemals verboten waren“; er betont, dass auch die radikale Ablehnung der Wissenschaften sich für Mönche niemals auf das Bibelstudium bezogen habe; er stellt fest, dass Disziplin und Ordnung der ersten Klöster „nur mit Hilfe wissenschaftlicher Studien aufrechterhalten werden“ konnten; er legt dar, dass Äbte und Ordensobere „ohne die Hilfe von Studien nicht die nötigen Eigenschaften für eine gute Führung“ der ihnen anvertrauten Mönche erlangen können; er unterstreicht für „Mönche, die zu Priestern geweiht werden“, die Verpflichtung zu theologischer Weiterbildung; er führt „die großen Mönchstheologen“ der orthodoxen Ostkirche ebenso wie die der römisch-katholischen Kirche des Westens als „Beweis dafür an, dass das Studium in den Klöstern durchaus gepflegt wurde“, und nennt als weiteren Beweis die Klosterbibliotheken und ihre reichen Buchbestände; er bezieht gelehrte fromme Frauen ein: „Sogar Nonnen befassten sich mit dem frommen Werk des Bücherabschreibens. Hinzugefügt sei, dass diese heiligen Nonnen die Bücher nicht nur kopierten, um vom Verkaufserlös die Armen unterstützen zu können oder um die Bücher anderen zukommen zu lassen, sondern auch um selbst darin zu lesen. Nach dem Vorbild ihrer männlichen Ordensbrüder befleißigten nämlich auch sie sich der Studien“; er geht auch auf die Reform von Cîteaux, auf die Studien der Zisterzienser und auf die Gründung des College des Bernardins als Stätte gelehrter Studien junger Zisterzienser im Paris des 13. Jahrhunderts ein und hebt sogar für die Kartäuser die Existenz von Bibliotheken hervor; er nennt „die Lehranstalten und Schulen, die zu allen Zeiten in Benediktinerklöstern anzutreffen waren, einen klaren Beweis, dass Studien dort immer gefördert wurden“. Mabillon stellt aber zugleich auch heraus, „dass Wissenschaft dem Geist der Demut und Bußfertigkeit entgegengesetzt sein und dass Wissenschaft Überheblichkeit und Aufgeblasenheit hervorrufen kann, wenn der Wissenschaft nicht die Tugenden vorausgehen oder sie begleiten, vor allem die Tugenden der Nächstenliebe und der christlichen Demut. Doch hält er dem entgegen, dass „es nicht weniger eingebildete Dummköpfe als selbstgefällige Wissenschaftler und vergleichsweise wenig intelligente Menschen gibt, welche übertrieben eitel sind“. So kommt er abschließend zu dem Ergebnis, „dass sich Studium und Wissenschaft recht gut mit Frömmigkeit und Tugend verbinden lassen“.

Am 27. Dezember 2007 jährte sich zum 300. Mal der Todestag des 1707 gestorbenen und in der Abteikirche Saint-Germain-des-Prés beigesetzten Jean Mabillon. Schon 2004 veröffentlichte der amerikanische Romanist John Paul McDonald unter dem Titel „Treatise on Monastic Studies“ eine englische Übersetzung von Mabillons 1691 in Paris publiziertem „Traité des études monastiques“. Aus Anlass des 300. Todestages brachte der Pariser Verlag Éditions Robert Laffont 2007 eine Neuauflage der 1953 in französischer Sprache erschienenen und um einen biographischen Abriss von Henri Leclercq erweiterten „OEuvres choisies“ oder „Ausgewählten Werke“ Mabillons heraus, in denen auch der „Traité des études monastiques“ enthalten ist. 2008 folgte im Verlag der Erzabtei St. Ottilien die von Cyrill Schäfer besorgte deutsche Ausgabe, die das Werk des großen benediktinischen Gelehrten und Verteidigers des Studiums der Mönche, Jean Mabillon, unter dem Titel „Über das Studium der Mönche“ auch deutschsprachigen Lesern zugänglich macht.