Besuche als Werke der Barmherzigkeit

Der Heilige Vater ermutigt dazu, sich der Kranken und Gefangenen persönlich anzunehmen: Ansprache während der Generalaudienz am 9. November 2016

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Leben Jesu war – vor allem in den drei Jahren seines öffentlichen Wirkens – eine unablässige Begegnung mit Menschen. Unter ihnen haben die Kranken einen besonderen Platz eingenommen. Wie viele Seiten der Evangelien berichten von diesen Begegnungen! Der Gelähmte, der Blinde, der Aussätzige, der Besessene und unzählige Kranke jeder Art… Jesus hat sich jedem von ihnen genähert und sie mit seiner Gegenwart und der Macht seiner heilenden Kraft gesund gemacht. Daher kann unter den Werken der Barmherzigkeit der Besuch kranker Menschen und der Beistand, den man ihnen leistet, nicht fehlen.

Gemeinsam hiermit können wir auch das Werk anführen, jenen Menschen nahe zu sein, die im Gefängnis sind. In der Tat leben sowohl die Kranken als auch die Gefangenen unter Bedingungen, die ihre Freiheit einschränken. Und gerade wenn diese uns fehlt, wird uns klar, wie wertvoll sie ist! Jesus hat uns die Möglichkeit geschenkt, frei zu sein – trotz der Beeinträchtigungen der Krankheit und der Einschränkungen. Er bietet uns die Freiheit an, die aus der Begegnung mit Ihm und aus dem neuen Sinn hervorgeht, den diese Begegnung unserer persönlichen Verfassung verleiht.

Mit diesen Werken der Barmherzigkeit lädt uns der Herr zu einer Geste großer Menschlichkeit ein: dem Teilen. Erinnern wir uns an dieses Wort: teilen. Wer krank ist, fühlt sich oft allein. Wir können nicht verbergen, dass vor allem in unseren Tagen gerade in der Krankheit die tiefste Erfahrung der Einsamkeit gemacht wird, die einen großen Teil des Lebens durchzieht. Ein Besuch kann bewirken, dass sich der kranke Mensch weniger allein fühlt, und ein bisschen Gesellschaft ist eine ausgezeichnete Medizin! Ein Lächeln, eine Liebkosung, ein Händedruck sind einfache, aber sehr wichtige Gesten für jemanden, der das Gefühl hat, sich selbst überlassen zu sein. Wie viele Menschen widmen sich dem Besuch von Kranken in den Krankenhäusern oder bei sich zu Hause! Es ist ein unbezahlbares Werk freiwilligen Hilfsdienstes. Wenn es im Namen des Herrn geschieht, dann wird es auch beredter und wirksamer Ausdruck der Barmherzigkeit. Wir lassen die kranken Menschen nicht allein! Verwehren wir ihnen nicht, Erleichterung zu finden, und verwehren wir uns nicht, durch die Nähe zu den Leidenden bereichert zu werden. Die Krankenhäuser sind echte „Kathedralen der Schmerzen“, in denen sich jedoch auch die Kraft der Liebe zeigt, die hilft und Mitleid empfindet.

Im gleichem Maß denke ich an alle, die im Gefängnis sind. Jesus hat selbst sie nicht vergessen. Indem er den Besuch der Gefangenen in die Werke der Barmherzigkeit eingefügt hat, hat er uns vor allem dazu einladen wollen, dass wir uns nicht als Richter über andere aufspielen. Gewiss, wenn jemand im Gefängnis sitzt, dann deswegen, weil er einen Fehler gemacht hat, er hat das Gesetz und das zivile Zusammenleben nicht respektiert. Daher büßt er im Gefängnis seine Strafe ab. Doch was immer ein Gefangener getan haben mag, er bleibt stets weiterhin von Gott geliebt. Wer kann in das Innere seines Gewissens eindringen, um zu verstehen, was er empfindet? Wer kann seinen Schmerz und seine Reue verstehen? Es ist allzu einfach, seine Hände in Unschuld zu waschen und zu behaupten, er habe einen Fehler gemacht.

Ein Christ ist vielmehr aufgerufen, sich seiner anzunehmen, damit jemand, der einen Fehler gemacht hat, das begangene Böse versteht und wieder zu sich selbst findet. Der Mangel an Freiheit bedeutet zweifellos eine der größten Entbehrungen für den Menschen. Wenn dazu die Erniedrigung durch häufig unmenschliche Bedingungen kommt, unter denen diese Menschen leben müssen, dann haben wir es hier wirklich mit einem Fall zu tun, in dem ein Christ sich aufgerufen fühlt, alles zu tun, um ihnen ihre Würde wiederzugeben. Menschen im Gefängnis zu besuchen ist ein Werk der Barmherzigkeit, das vor allem heute für die verschiedenen Formen des Justizialismus, denen wir ausgesetzt sind, einen besonderen Wert annimmt. Niemand zeige also mit dem Finger auf andere. Machen wir uns vielmehr alle zu einem Werkzeug der Barmherzigkeit, indem wir eine Haltung des Teilens und des Respekts einnehmen.

Ich denke häufig an die Gefangenen… ich denke häufig an sie, ich trage sie in meinem Herzen. Ich frage mich, was sie zu ihrer Straftat gebracht hat und wie sie den verschiedenen Formen des Bösen haben nachgeben können. Und doch spüre ich gemeinsam mit diesen Gedanken, dass sie alle der Nähe und der Zärtlichkeit bedürfen, weil die Barmherzigkeit Gottes Wunder wirkt. Wie viele Tränen habe ich auf den Wangen von Strafgefangenen gesehen, die vielleicht nie in ihrem Leben geweint haben; und das nur, weil sie sich angenommen und geliebt fühlen.

Und vergessen wir nicht, dass auch Jesus und die Apostel die Erfahrung des Gefängnisses gemacht haben. In den Passionsberichten lernen wir das Leid kennen, dem der Herr ausgesetzt war: gefangen, fortgeschleppt wie ein Missetäter, verhöhnt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt… Er, der einzige Unschuldige! Und auch der heilige Petrus und der heilige Paulus waren im Gefängnis (vgl. Apg 12, 5; Phil 1, 12–17). Vergangenen Sonntag – dem Sonntag, an dem wir das Jubiläum der Strafgefangenen begangen haben – kam nachmittags eine Gruppe von Gefangenen aus Padua zu mir. Ich habe sie gefragt, was sie am nächsten Tag vor ihrer Rückkehr nach Padua machen würden. Sie haben mir gesagt: „Wir werden den antiken Mamertinischen Kerker besuchen, um die Erfahrung des heiligen Paulus nachzuvollziehen“. Das ist schön, es hat mir gut getan, das zu hören. Diese Häftlinge wollten dem Paulus in Gefangenschaft begegnen. Das ist etwas Schönes, es hat mir gut getan. Und auch dort, im Gefängnis, haben sie gebetet und das Evangelium verkündet. Der Abschnitt der Apostelgeschichte, in dem vom Gefängnisaufenthalt des Paulus die Rede ist, ist sehr bewegend: er fühlte sich allein und wünschte sich, dass einer seiner Freunde ihn besuchen würde (vgl. 2 Tim 4, 9–15). Er fühlte sich allein, weil die große Mehrheit ihn alleingelassen hatte… den großen Paulus.

Wie man sieht, sind diese Werke der Barmherzigkeit alt und doch immer noch aktuell. Jesus hat seine Tätigkeit liegen gelassen, um die Schwiegermutter des Petrus zu besuchen; ein altes Werk der Nächstenliebe. Jesus hat das gemacht. Werden wir nicht gleichgültig, sondern Werkzeuge der Barmherzigkeit Gottes. Wir alle können Werkzeuge der Barmherzigkeit Gottes sein, und das wird uns noch besser bekommen als den anderen, denn die Barmherzigkeit erfolgt durch eine Geste, ein Wort, einen Besuch, und diese Barmherzigkeit ist ein Akt, um denen Freude und Würde zurückzugeben, die sie verloren haben.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Von Herzen grüße ich die Brüder und Schwestern deutscher Sprache aus Österreich, Deutschland, aus der Schweiz und Italien sowie die Pilger aus den Niederlanden. Besonders heiße ich die Gläubigen des Bistums Osnabrück willkommen. Dieses Heilige Jahr helfe uns, unsere Gleichgültigkeit zu überwinden und Leben und Hoffnung mit denen, die leiden oder nicht frei sind, zu teilen. Der Herr erfülle euch mit seinem Frieden und seinem Segen.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller