Benedikt XVI: „Vergessen Sie nie Ihre geistlichen Wurzeln“

Der Malteserorden feiert mit dem Papst in Rom das Neunhundert-Jahr-Jubiläum seines Gründungsdokuments. Von Guido Horst

Papst Benedikt XVI. feierte am Samstag in Rom das 900-jährige Jubiläum des Malteserordens. Rund 4 000 Menschen kamen zu der Feier. Foto: Malteser
Papst Benedikt XVI. feierte am Samstag in Rom das 900-jährige Jubiläum des Malteserordens. Rund 4 000 Menschen kamen zu ... Foto: Malteser

Rom (DT) Jeder kennt sie, die Malteser. Das weiße, achtspitzige Kreuz auf rotem Grund hebt sie ab von anderen Hilfsdiensten. In der Regel sieht man es auf Krankenwagen oder Einsatzzelten, wenn die Malteser eine Großveranstaltung betreuen. Doch dieses Kreuz, man nennt es auch Tatzenkreuz, ist zugleich das Symbol der Johanniter-Unfall-Hilfe. Die Malteser sind eine katholische Einrichtung. Die Johanniter sind evangelisch. Aber nicht nur das. Das achtspitzige Tatzenkreuz prangte auch im Wappen des Templerordens, der im vierzehnten Jahrhundert untergegangen ist. Eine einzigartige Geschichte verbirgt sich hinter dem, was den Zeitgenossen schlicht als Malteser-Hilfsdienst bekannt ist. Und um diese einzigartige Geschichte angemessen zu feiern, kam Papst Benedikt XVI. am vergangenen Samstag mit viertausend Rittern und Damen, Eminenzen und Exzellenzen, Kaplänen und freiwilligen Helfern der Malteser zusammen. Denn die sind nicht nur ein Hilfsdienst, sondern im Kern ein uralter Orden.

Anlass: Neunhundert Jahre ist es nun her, dass Papst Paschalis II. am 15. Februar 1113 mit der Bulle „Piae postulatio voluntatis“, die nach dem heiligen Johannes dem Täufer benannte junge „Hospitalsbruderschaft“ von Jerusalem unter den Schutz der Kirche stellte und ihr die Souveränität zuerkannte, indem er sie als Orden kirchlichen Rechts konstituierte. Und zwar das mit der Befugnis, ihre Oberen frei zu wählen, ohne Einmischung anderer weltlicher oder religiöser Autoritäten.

Nicht nur Ordensmitglieder aus ganz Europa, sondern auch Führungskräfte der einzelnen Malteser-Hilfsdienste hatten sich am vergangenen Wochenende in Rom eingefunden, um das Neunhundert-Jahr-Jubiläum dieser Bulle zu feiern, die als das Gründungsdokument des Souveränen Hospitalordens gilt. Aus Deutschland waren 160 Malteser angereist, unter ihnen Erich Prinz von Lobkowicz, der Präsident der deutschen Assoziation des Ordens. Er rief am Freitag die Mitglieder und die Führungskräfte der Hilfsdienste der Malteser in Deutschland bei einem geistlichen Impulsvortrag dazu auf, auch zu dem katholischen Geist zu stehen, der den Orden prägt.

Dessen Geschichte war von Anfang an christlich geprägt. Italienische Kaufleute hatten um die Mitte des elften Jahrhunderts in Jerusalem eine Hospitalbruderschaft gegründet, um Pilgern aus ihrer Heimat und dann auch aus anderen Ländern Schutz und Hilfe in der heiligen Stadt des Christentums zu geben. Aus der Bruderschaft wurde damals im Laufe eines halben Jahrhunderts ein Orden der katholischen Kirche – und das ist er bis heute geblieben. Mit der Gründungs-Urkunde, der Bulle „Piae postulatio voluntatis“ erteilte Papst Paschalis II. dann die heute noch gültigen Privilegien wie die Befreiung von der Zehntpflicht und unterstellte die ersten europäischen Niederlassungen dem Leiter des Jerusalemer Hospitals, dem als Gründer des Ordens verehrten und später seliggesprochenen Meister Gerhard, der wahrscheinlich normannischer Herkunft war.

Die Befreiung von den Abgaben der europäischen Besitzungen in Italien und Südfrankreich gegenüber den jeweiligen Bistümern war der Grundpfeiler für die bis heute andauernde kirchliche Sonderstellung der Hospitalritter: Zunächst waren sie zwar noch in einigen Bereichen den Ortsbischöfen in Jerusalem und in Europa unterstellt, doch das änderte sich schrittweise mit weiteren vom Papst verliehenen Privilegien in den kommenden Jahrzehnten.

Ab etwa Mitte des zwölften Jahrhunderts kann man von einem eigenen Orden vom Hospital des Heiligen Johannes von Jerusalem sprechen, der dann, wie alle Ordensgemeinschaften der katholischen Kirche, direkt dem Papst unterstellt war und in dem Laien und Priester bindende Versprechen der Zugehörigkeit, die Gelübde, ablegen konnten. Durch seinen Beginn im elften Jahrhundert und der von Anfang an internationalen Mitgliedschaft und Aufgabenstellung des Ordens ist der Malteserorden zugleich der älteste Krankenpflegeorden wie auch der erste zentralistisch aufgebaute Orden der Kirche.

Nach der Vertreibung aus Palästina 1291 wurde der Sitz des Ordens von Jerusalem nach Zypern, 1309 nach Rhodos und nach der Eroberung der Insel durch die Osmanen im sechzehnten Jahrhundert schließlich nach Malta verlegt, worauf der katholische Hospitalorden nach der Trennung von dem im Zuge der Reformation evangelisch gewordenen „Bruderorden“ der Johanniter seinen heutigen Namen ableitet. Von Napoleon wurden die Malteser 1798 aus Malta vertrieben. Die Malteserritter verließen die Insel und emigrierten größtenteils nach Russland, wo sie 1798 Zar Paul I. zum neuen Großmeister wählten. Mit dessen Tod im Frühjahr 1801 übertrug der Orden das Recht zur Ernennung des Großmeisters auf den Papst.

An den zutiefst kirchlichen Charakter der Malteser erinnerte Benedikt XVI. in der Audienz am Samstagmittag. Der Papst empfing die Ordensmitglieder und Führungskräfte der Hilfsdienste, nachdem diese mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone im Petersdom einen festlichen Gottesdienst gefeiert hatten. Anwesend waren auch Seine Hoheit und Eminenz Fra’ Matthew Festing, der Fürst und Großmeister des Souveränen Malteserordens, sowie Kardinal Paolo Sardi, der Patron des Ordens.

Das Neunhundert-Jahr-Jubiläum, so sagte der Papst, habe auch eine besondere Bedeutung im Kontext des „Jahrs des Glaubens“. Die Kirche sei eingeladen, die Freude und das Engagement zu erneuern, an Jesus Christus, den einzigen Retter der Welt zu glauben. In diesem Zusammenhang seien auch die Malteser aufgerufen, „diese Zeit der Gnade zu ergreifen, um Ihre Erkenntnis des Herrn zu vertiefen und die Wahrheit und Schönheit des Glaubens durch das Zeugnis Ihres Lebens und Ihres Dienstes im Heute unserer Zeit erstrahlen zu lassen“. Der Malteserorden habe sich von Anfang an durch seine Treue zur Kirche und zum Nachfolger Petri wie auch durch seinen von einem hohen religiösen Ideal gekennzeichneten Charakter hervorgetan. „Gehen Sie auch weiterhin voran auf diesem Weg, indem Sie die verwandelnde Kraft des Glaubens konkret bezeugen.“

Aufgrund des Glaubens hätten sich die Mitglieder des Ordens im Laufe der Jahrhunderte aufopferungsvoll der Pflege der Kranken in Jerusalem gewidmet und dann der Hilfe für die Pilger im Heiligen Land, die ernsten Gefahren ausgesetzt waren. Im neunzehnten Jahrhundert dann habe sich der Orden neuen und ausgedehnteren Arbeitsfeldern auf dem Gebiet der Fürsorge und des Dienstes an Kranken und Armen geöffnet, ohne jedoch jemals auf die ursprünglichen Ideale, vor allem auf das des intensiven geistlichen Lebens der einzelnen Mitglieder, zu verzichten. „In dieser Richtung“, so der Papst, „müssen Ihre Bemühungen voranschreiten, unter ganz besonderer Beachtung der Ordensweihe – jener der Professen –, die das Herz des Ordens bildet. Niemals dürfen Sie diese Ihre Wurzeln vergessen.“