„Barmherzigkeit gibt es nicht ohne Opfer“

Katechese mit Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky – „Abend der Barmherzigkeit“ als geistliche Kraftquelle. Von Sebastian Pilz

Zahlreiche Jugendliche nahmen am Samstag an der Vigilfeier mit Papst Franziskus teil, die auf dem „Campus Misericordiae“ in Brzegi bei Krakau stattfand. Foto: KNA
Zahlreiche Jugendliche nahmen am Samstag an der Vigilfeier mit Papst Franziskus teil, die auf dem „Campus Misericordiae“... Foto: KNA

Am dritten Katechesetag war Weihbischof Stephan Turnovszky aus dem Erzbistum Wien zu Gast in Mislowice. Der Jugendbischof Österreichs ging in einer voll besetzten Kirche auf die praktischen Konsequenzen aus der Barmherzigkeit Gottes ein. Zunächst machte er klar, dass die Barmherzigkeit einem jedem von Gott geschenkt werde und deshalb die Mitte des christlichen Lebens und des Glaubens betreffe. Alle drei vergangenen Päpste hätten dieses Thema mit ihrem je eigenen Charisma aufgegriffen. So bezeichnete beispielsweise der Heilige Papst Johannes Paul II. das Erbarmen Gottes als das am meisten überraschendste Attribut des Schöpfers.

Weihbischof Turnovszky definierte Barmherzigkeit als eine Handlung, bei der jemand einem Menschen unentgeltlich in Not beistehe, ohne dass der Helfer Schuld an der Not habe. „Da steht also jemand für eine fremde Schuld ein, ohne dass er für dieses Einstehen später eine Rechnung schreibt“, so der Wiener Weihbischof. Zudem gehöre zur Barmherzigkeit ein Opfer im Sinne eines Verzichts aus Liebe. „Barmherzigkeit gibt es nicht ohne Opfer“, stellte Turnovszky fest. Zudem zeichne sich ein solches Handeln durch Großzügigkeit und Demut aus. Gegenteile wären stattdessen Rache und Gleichgültigkeit. Der Jugendbischof betonte: „Gerade angesichts des Terrors in Europa heißt Barmherzigkeit, eine klare Absage an Rache und Gleichgültigkeit zu erteilen.“

Zu den praktischen Konsequenzen nahm der Weihbischof auf die Werke der Barmherzigkeit Bezug, wie sie Erfurts Altbischof Joachim Wanke erweitert hatte. Diese Werke waren bereits im Vorprogramm zur Katechese von Paulina Hauser, einem Mitglied des Fuldaer Katecheseteams, mit großen Pappkartons eindrucksvoll im Altarraum aufgebaut worden. Aussagen, wie „Ich höre dir zu“ oder „Du gehörst dazu“, könnten auch von Jugendlichen und Schülern im Alltag gut umgesetzt werden. „Wichtig ist dabei, dass ihr zuerst die Not des anderen überhaupt erst einmal wahrnehmt und nicht schon gleich meint, zu wissen, was der andere jetzt braucht“, so Turnovszky. Daraus ergebe sich der Auftrag zum Handeln, der zugleich im rechten Maß erfolgen müsse.

Bei diesem konkreten Handeln helfe es, auf Maria zu schauen, wie der Weihbischof es in seiner Predigt in der Heiligen Messe ausführte. Sie habe in Demut und im vollen Vertrauen auf Gottes liebende Barmherzigkeit „Ja“ gesagt. Das sei auch für die Jugendlichen wichtig, indem sie sich selbst, die Mitmenschen, mit denen sie leben, und die gegenwärtige Zeit demütig als Herausforderung annehmen. Dabei müsse auch die Kirche trotz aller Umbrüche als eine versöhnte Kirche durch die Zeit gehen. „Lasst uns auf Gott und aufeinander hören und demütig ,Ja‘ sagen zu unserer Zeit“, forderte Turnovszky die jungen Pilger auf.

Den Nachmittag nutzen noch einige Kleingruppen zu einem Besuch in Katowice und auch zu einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, das Papst Franziskus am gleichen Morgen besucht hatte. Zudem besuchte auch eine kleine Delegation der Fuldaer Gruppe das örtliche Polizeipräsidium, um dort stellvertretend für die verschiedenen Dienste der Stadt Mislowice als Dankeschön einen deutschen Pilgerhut zu übergeben. Den Kreuzweg mit dem Papst verfolgten anschließend viele Kleingruppen auf einer Leinwand im Park von Mislowice, wo die Organisatoren davor und danach noch ein buntes musikalisches und geistliches Programm zusammengestellt hatten.

Den Abschluss des Tages bildete der „Abend der Barmherzigkeit“. Jugendpfarrer Thomas Renze ermutigte die Jugendlichen in Anknüpfung an Psalm 63, den Durst ihrer Seele nach Gott an diesem ruhigen Abend zu stillen. Die Anbetung mache trotz allem Trubel in den Ereignissen des Weltjugendtages klar: „Gott ist in diesem Augenblick da und will dir begegnen. Dieser Abend ist Wasser für unsere Seele. Gebt also eurer Seele zu trinken“, so Renze.