Aus den Zeitschriften

In seinem Beitrag für die Internationale Katholische Zeitschrift Communio (2/2010 Schwabenverlag Ostfildern) über „Menschenwürde und menschliche Natur“ fragt der katholische Philosoph Robert Spaemann danach, was wir meinen, wenn wir von der zu respektierenden Menschenwürde sprechen. Spaemann stellt eine Ambivalenz in der Vorstellung vom Freiheitssubjekt fest: Einerseits bedeute unantastbar, dass etwas gar nicht angetastet werden kann, weil der Mensch als Person ein Freiheitssubjekt sei und als solches durch Einwirkungen von außen nicht zu berühren. Andererseits besitze der Mensch als Freiheitssubjekt eine physische und psychische Natur, in der er sehr wohl auch gegen seinen Willen angetastet werden kann. Da nun fast alle Inhalte unseres Wollens natürliche Inhalte seien und durch unsere menschliche Natur vorgegeben, ist die Würde des Menschen in seiner kontingenten Natur und nur in dieser antastbar. Eine Bewertung von Interessen ist für Spaemann nur möglich, weil wir die gleiche Natur besitzen. Bei dieser Bewertung gehen wir vom Begriff des Natürlichen als des Normalen aus. Ohne diesen Begriff des Natürlichen als des Normalen hätte man kein Argument, um etwa einem Pädophilen das Ausleben seiner Neigung unter Berufung auf die Gleichbehandlung aller ohne Rücksicht auf ihre sexuelle Orientierung untersagen zu können. Warum können wir nicht aus Achtung vor der Menschenwürde den Pädophilen ohne Rücksicht auf seine Neigungen gleich behandeln? Darauf antwortet Spaemann: „Wer einen Pädophilen als Kindergärtner einstellt, handelt fahrlässig. Die sexuellen Begierden eines Pädophilen können nicht auf eine Stufe gestellt werden mit denen eines normal Veranlagten. Seine Menschenwürde achten heißt nicht, seine speziellen Neigungen als Ausdruck dieser Würde zu achten. Wir müssen ihm vielmehr zumuten, auf die Befriedigung dieser Neigung zu verzichten. Die Erfüllung fügt nämlich dem Kind einen seelischen Schaden zu, der es später an einem Leben hindert, das wir wiederum ,normal‘ nennen. Ohne diesen Begriff des Normalen könnten wir nicht antworten auf die Frage, warum denn das Interesse des Kindes Vorrang haben soll gegenüber dem des Pädophilen. Auch dieser kann ja behaupten, es werde ihm Schaden zugefügt, wenn er auf die Befriedigung seiner Neigungen verzichten muss.“

Nach Spaemann ist nur die Antwort möglich, nämlich „dass prinzipiell die beiden Interessen eben nicht auf der gleichen Stufe stehen. Das eine, das Interesse an einem normalen Leben, ist ein normales Interesse, das des Pädophilen ist es nicht.“

Verstoßen Eheversprechen, Mönchsgelübde oder der Zölibat der Weltpriester gegen die Menschenwürde? Nach Spaemann könne dieser Verzicht „Ausdruck höchster Freiheit sein“. Die Kirche dürfe mit Recht solche Versprechen als „irreversibel behandeln und damit auf der Freiheit des Menschen insistieren, über das Ganze seines Lebens zu verfügen“. Allerdings könne die Kirche den Staat nicht dazu heranziehen, die Einhaltung dieser Versprechen durchzusetzen. Die bürgerlich-rechtliche Widerrufbarkeit bedeute: „Der Staat schützt hier die Freiheit gegen den Menschen selbst, der bereit ist, auf sie zu verzichten.“ Schließt menschenwürdiges Sterben, fragt Spaemann, ein Recht auf Selbsttötung ein? Sollte es ein Recht auf Selbsttötung geben, hätte dies schlimme Folgen: „Dann trifft den Träger dieses Rechtes die Verantwortung für alle Folgen, alle Belastungen persönlicher und finanzieller Art, die sich daraus ergeben, dass er von diesem Recht keinen Gebrauch macht.“ Dadurch werde auf Alte und Kranke ein gewaltiger Druck ausgeübt, vor dem sie nur bewahrt blieben, wenn es keine rechtliche Legitimation für eine Tötung auf Verlangen gibt. Menschenwürdiges Sterben ist für Spaemann ein „von Menschen begleitetes, behütetes und vor großen Schmerzen bewahrtes Streben“. Er hält die über das vernünftige Maß hinaus betriebene künstliche Ernährung für ebenso menschenunwürdig wie die absichtliche Herbeiführung des Todes.

Im Forum Katholische Theologie (1/2010 Verlag Schneider Druck, Rotabene Medienhaus Rothenburg/Tbr.) geht der Bamberger Patristiker Peter Bruns der bereits von Adolf von Harnack im 19. Jahrhundert aufgestellten These von der Abkünftigkeit des Islam von judenchristlichen Sekten nach. Zunächst weist Bruns darauf hin, dass der Islam nämlich drei Quellen kennt, den Koran, die sogenannte Überlieferung (Hadith) und die Viten Mohammeds. Die beiden letzteren Quellen müssten allerdings wegen ihrer späten Entstehungszeit stark angezweifelt werden. Auch der Koran selbst dürfe nicht als eine Schrift der Spätantike, sondern müsse als ein Werk des Mittelalters angesehen werden. Da die arabische Sprache, in der der Koran abgefasst worden ist, erst zu Beginn des achten Jahrhunderts das Griechische als offizielle Verwaltungssprache abgelöst hatte, könne auch der Koran nicht viel früher entstanden sein. Vom Verfasser wird eine Kanongeschichte von um die zweihundert Jahre für den Koran angenommen. Auffällig sei auch, dass die Kenntnis und Widerlegung des Koran durch christliche Autoren erst im achten Jahrhundert einsetzt. Dies deute ebenfalls darauf hin, dass er vorher noch nicht schriftlich festgehalten worden war. Dadurch werde auch der Zusammenhang zwischen Mohammed und Koran fraglich. Vom Verfasser wird auf französische Forscher verwiesen, die den Islam von einer „judaeo-nazarenischen Sekte“ ableiten, „welche als Zweig des alten Judenchristentums ... den politisch-nationalen jüdischen Messianismus aufgesprengt und den Erwählungs- und Herrschaftsgedanken auf die Araber übertragen hätte“. Hier werde der Islam als Herrschaftsideologie betrachtet, „während sich die Gestalt des historischen Mohammed im Dunst der Geschichte verflüchtigt und lediglich als Projektionsfläche späterer muslimischer Herrschaftsansprüche herhalten muss“.

Aus dem christlich-jüdischen und altarabisch-heidnischen Umfeld des frühen Islam ergibt sich für Bruns, dass der Verfasser des Koran „in diesem Milieu unmöglich dogmatisch präzise Informationen über das Christentum erhalten“ konnte. Da es vor dem Koran keine arabische Bibelübersetzung gab, fehlten dem Verfasser des Koran genaue Kenntnisse; so sind ihm die Schriftpropheten des Alten Testamentes unbekannt. Auch hat die syrische Sakralsprache stark auf den Koran eingewirkt: Die wichtigen arabischen Begriffe Fasten, Beten und auch das Wort Koran stammen aus dem Syrischen und sind damit ursprünglich christlich. Den Namen „Isa“ für Jesus im Koran nennt der Verfasser eine „philologische Monstrosität“.

Für besonders bedenklich hält es der Verfasser, dass, obwohl der Koran keinerlei zuverlässige Informationen über das Christentum und die Gestalt Jesu transportiert, neuerdings der Koran als authentische Quelle einer ursprünglichen „Christologie“ angesehen werde. Der historische Jesus stehe dem „Isa“ des Koran näher als der gekreuzigte und auferstandene Gottessohn, heißt es. „Die ,koranische Christologie‘ wird so zu einem Instrument der Kritik am kirchlichen Dogma.“ In diesem Zusammenhang verweist der Verfasser auf die Thesen des evangelischen Pfarrers und Leiters des Berliner Büros der von Hans Küng gegründeten Stiftung Weltethos. Auch wenn ein Nachweis im historischen Sinne nicht möglich ist, spricht für den Verfasser vieles für die These von Harnack, dass der gegen den Inkarnations- und Trinitätsglauben polemisierende Islam „eine Umbildung der vom gnostischen Judenchristentum selbst schon umgebildeten jüdischen Religion auf dem Boden des Arabertums“ darstellt.