Auf geistlicher Entdeckungsreise mit Don Luigi

Der Gründer der Bewegung Comunione e Liberazione stellt sich Fragen zum Christsein

Nicht alle Tage hat man die Gelegenheit, einem Apostel des 20. Jahrhunderts gleichsam über die Schulter zu schauen. Don Luigi Giussani (1922–2005) ist eine der faszinierendsten Gestalten der Kirchengeschichte der letzten 50 Jahre, der auch nach seinem Tod eine ungebrochene Faszination ausübt. Es ist ein Mann, der sich immer dagegen gewehrt hat, ein „Gründer“ genannt zu werden und der doch unzweifelhaft – durch das Charisma des Heiligen Geistes – zum Initiator von Comunione e Liberazione (CL), einer neuen geistlichen Bewegung, geworden ist. Papst Benedikt sagte im März diesen Jahres bei einem Treffen von 80 000 Mitgliedern von CL auf dem Petersplatz in Rom: „Der Heilige Geist hat durch Don Giussani eine Bewegung – die eure – erweckt, die von der Schönheit, Christ zu sein, Zeugnis geben sollte.“

Von der Schönheit, Christ zu sein, handelt das nun in deutscher Übersetzung erschienene Buch Giussanis. Der Leser wird direkt hineingenommen in die Ansprachen und damit in das frische Charisma des Gründers. Dieser vertritt allerdings einen hohen Anspruch und Glauben „light“ ist nicht seine Sache. Die Ansprachen beginnen bei dem Thema Glauben als Ereignis einer Begegnung mit Gott. Danach erklärt Giussani die Themen der Freiheit, der Hoffnung und der Freundschaft (Gehorsam), bis er schließlich, bei der Liebe angekommen, von nichts Geringerem als der Berufung zur Jungfräulichkeit spricht. Die „Bestimmung“ des eigenen Lebens, das Glück der Ewigkeit zu finden und dafür scheinbar große Opfer in der Nachfolge Christi zu bringen – darum geht es in diesem Buch. Also Vorsicht!

Das Buch ging aus einem Kurs hervor, den Don Giussani im reifen Alter von über 70 Jahren in den Jahren 1993/4 vor einer Gruppe von 100 jungen Menschen gehalten hat. Über ein Jahr lang hörten sie dem Gründer in den wöchentlichen Treffen zu. Die Studenten stellten Fragen und der Gründer antwortete. Der Charakter der mündlichen Rede, das Eingehen auf die Fragen der jungen Zuhörer – all das macht die Lebendigkeit dieses Buches aus. Wer sich fragt, wie es dem Gründer von CL gelingen konnte, im Laufe seines Lebens Zehntausende von Schülern und Studenten für das „Ereignis“ des Christwerdens zu gewinnen, findet hier Antworten. Der Erfolg der Bewegung liegt definitiv nicht an den berühmten „Spaghetti-Essen“, die in den Universitätsstädten von CL jeweils zu Semesterbeginn angeboten werden. Vielmehr nimmt Giussani die Zuhörer mit auf eine Entdeckungsreise; er weckt die Sehnsucht nach einem großen Ziel, der Ewigkeit und Vollkommenheit bei Gott.

Don Giussani geht es um das schrittweise Erkennen der eigenen Berufung und Bestimmung, also um das Warum und Wozu des eigenen Lebens. Und darin ist er ein Meister. Er wirkte zuerst als Lehrer an Schulen und später als Universitätsprofessor in Mailand für das Fach „Einführung in die Theologie“. Giussani kennt daher aus den Jahrzehnten seiner Lehrtätigkeit die Fragen bzw. Sehnsüchte von jungen Menschen. Seine Antworten sind dabei sehr intellektuell und keinesfalls leicht zu verstehen. Und doch spürt der Leser, woher die Leidenschaft, das Feuer rührt, das Giussani auch noch in hohem Lebensalter bewegt. Es ist das Feuer des Heiligen Geistes, das ihn antreibt und für junge Menschen so attraktiv macht.

„Kann man so leben“? Der Buchtitel greift eine berechtigte Frage auf, weil die Radikalität dieses christlichen Lebensmodells dem Leser förmlich ins Auge springt. Es ist ein Lebensweg, der übrigens von Giussani als bewusste Alternative zur 68er Zeit formuliert wurde. Damals, als sich viele Studenten entschlossen, ihre Hoffnungen auf die sozialrevolutionäre Utopie des Sozialismus/Marxismus zu setzen, bot der Gründer den scheinbar wenig attraktiven Weg einer Freundschaft mit Christus als den Weg zur Wahrheit und zum Leben an. Dieser hat sich im Laufe der Jahrzehnte als wirklich tragfähig und als Fundament erwiesen, was auch viele italienische Spitzenpolitiker bezeugen, die bei den Jahrestreffen von CL im italienischen Rimini die Vorträge halten.

Bei aller Spontaneität des Dialogs zwischen Giussani und seinen Studenten folgt das Werk einer systematischen Erläuterung der existenziellen Dimension von Glauben, Hoffnung und Liebe. Leitfaden ist dabei stets die Darlegung der vernünftigen Gründe des Glaubens sowie der tiefe Respekt vor der Freiheit der Person. So wendet sich das Buch nicht nur an gläubige Christen, sondern an jeden, der in aller Einfachheit die eigene Sehnsucht nach einer Erfüllung ernst nimmt. Antworten wird dabei derjenige finden, der die Gegenwart Christi als einzig wahre Antwort auf die tiefen Bedürfnisse des menschlichen Lebens begreifen kann; besser noch, sich von dieser unglaublichen Realität ergreifen lässt.

Als Ergebnis dieser Begegnung mit Gott entsteht ein Lebensstil, der durch Umkehr und die Kraft des christlichen Zeugnisses geprägt ist. Die Mitglieder der Bewegung wirken auf diese Weise als Apostel in der Welt der Arbeit bzw. des Studiums. CL versteht sich dabei als eine Bewegung, die Menschen im Glauben erziehen will. Christentum wird hier nicht als eine „Religion“ unter anderen vorgestellt, sondern als ein Ereignis in der Geschichte selbst. Deswegen sollen und wollen die Mitglieder von CL zu „Protagonisten“ der Geschichte dieser Erde, zu Pionieren und Gestaltern eines wirklichen Fortschritts werden. Wer auf diese Weise seine Berufung – sei es zur Ehe, zum Priestertum oder zur Jungfräulichkeit – zu leben beginnt, macht sich auf den Weg zur Entfaltung einer Kreativität, die im Alltag viele Menschen neugierig werden lässt.

Eine authentische Moralität, ein stimmiger christlicher Lebensstil, bedeutet daher für Giussani das Miteinander einer von tiefer Zuneigung geprägten Nachfolge Christi und dem Einsatz der eigenen Freiheit. Die moralische Veränderung entstehe nicht aus einem Respekt gegenüber Regeln oder Gesetzen, betont der Gründer, sondern aus der Zustimmung der Freiheit und der Zuneigung zu Jesus Christus: Es gehe um die Nachfolge in der „Spur“ dessen, der unvorhergesehen und zugleich vollkommen den Erwartungen und Forderungen des eigenen Herzens entsprochen hat. Genau dies sei die Erfahrung des heiligen Petrus, der nach seinem dreimaligen Verrat zu Jesus sagte: „Ja Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe.“