Auf das Wirken des Geistes setzen

Zum Pfingstfest ruft die katholische Kirche in Deutschland und Österreich zu Offenheit und Zuversicht auf

Zeichen der Hoffnung: An Pfingsten fanden Taufen, Firmungen und Priesterweihen statt – wie hier in Hamburg mit Erzbischof Stefan Heße. Foto: KNAKNA
Zeichen der Hoffnung: An Pfingsten fanden Taufen, Firmungen und Priesterweihen statt – wie hier in Hamburg mit Erzbischo... Foto: KNAKNA

Bonn (DT/KNA/KAP/pd) Christen in aller Welt haben an Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes gefeiert. In ihren Predigten mahnten die katholischen Bischöfe in Deutschland zu Toleranz und Offenheit. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, warb für eine „geistliche Willkommenskultur“ in der Kirche. Das in der Bibel überlieferte Sprachenwunder zeichne das Bild einer „bunten, vielfältigen, multikulturellen Gemeinschaft“, sagte Marx am Sonntag im Münchner Liebfrauendom. „Menschen werden in der Kraft des Geistes zusammengeführt, dass sie sich füreinander öffnen.“ Eine solche Willkommenskultur gelte es auf allen Ebenen der Kirche zu schaffen, sagte der Kardinal, für „die zugezogenen Norddeutschen und die Bayern, die Mittelschicht und die Hartz IV-Empfänger, die Homosexuellen und die Heterosexuellen, die Geschiedenen und die Ehejubilare, die Flüchtlinge und die Gebirgsschützen, Ausländer und Einheimische, Frauen und Männer“. Dabei zählten „nicht die Unterschiede, sondern das, was uns verbindet“.

Nach den Worten des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki stellt Pfingsten die Christen vor die Entscheidung, „ob wir uns vom Geist der Selbstsucht, vom Geist der Verschleierung und Lüge, der Feindschaft, der Macht- und Profitgier leiten lassen, oder ob wir uns dem Geist Gottes überlassen, welcher der Geist der Güte, der Vergebung, des Verzeihens, der Besonnenheit, der Einheit und des Friedens ist“.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat zu Pfingsten eine allgemein verbreitete Geistlosigkeit bemängelt. Es sei schädlich für den Einzelnen wie für die Gesellschaft, dass gegenwärtig das Materielle und Effiziente, Körperliche und Dingliche immer bedeutender werde, sagte der Erzbischof. Der Geist als „das unbekannte Wesen“ werde dagegen bewusst zurückgedrängt oder unbewusst vergessen. Deswegen könnten auch viele mit dem Pfingstfest nichts mehr anfangen. Es sei aber der Geist, der dem Menschen Würde und Rechte gebe, „unabhängig von seiner Rasse und Nation, Gesundheit und Einsatzfähigkeit“. Der Geist verbinde die Menschen bei aller Verschiedenheit von Sprache, Kultur und Herkunft, betonte Schick. Ohne ihn gebe es „keine globale Menschheitsfamilie, sondern nur Globalisierung des Kapitals, der Technik und der Informationen, die oft den Menschen nur bewerten und verwerten“. Nur durch den Geist könne sich auch Kultur entwickeln, die zu Gerechtigkeit und Frieden beitrage. Wenn aber der „Primat der Materie“ die Oberhand gewinne, habe nur der perfekte Mensch noch Geltung.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker rief Christen zu Zuversicht auf. Die Jünger Jesu hätten sich an Pfingsten hinausgewagt in die Ferne. Auch die Kirche im Jahr 2015 dürfe nicht nur von vergangenen Zeiten träumen, in denen sie noch „Volkskirche“ gewesen sei. „Unsere Kirche und wir selbst in unserer Kirche müssen zunächst einmal realistisch auch die wenigen zur Kenntnis nehmen, die auch heute noch am Glauben interessiert sind und den Glauben leben wollen.“

Freiburgs Erzbischof Stephan Burger betonte, am Pfingstfest sei die Kraft und Gegenwart Gottes spürbar. Oft werde diese „lebensspendende Kraft“ im Verborgenen wirksam. Durch Versöhnung und Liebe oder auch durch Zuwendung und Nähe, „wo nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu erwarten ist“.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann bezeichnete den Geist als „Motor der Kirche“. Ohne ihn „erstarrt die Liebe, greift Todeskälte um sich, ereignet sich Chaos, Zerstörung und Tod“. Sein Geheimnis sei in der Natur und in jedem Menschen erlebbar, vor allem aber in der Kunst, von der Architektur über bildende Kunst und Literatur bis zur Musik. „Das, was wir in diesen Werken erfahren, übersteigt immer das Vermögen der Kunstschaffenden.“

Vor einem „Abfall von Gott“ warnte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen. Wenn die Emanzipation von Gott zum Programm erklärt werde, habe das fatale Folgen. Ein extremer Selbstgestaltungswille versuche, den Menschen vom vorgeburtlichen bis zum sterbenden Leben formend zu beherrschen. Wer dem widerstehen wolle, könne das, wenn es zum Schwure komme, nur im Namen Gottes.

Der Passauer Bischof Stefan Oster bezeichnete in einem Interview der „Passauer Neuen Presse“ das Pfingstereignis als Wende im Leben der Jünger Jesu. Er bekannte in dem Zeitungsinterview, er wäre beim Pfingstereignis gerne dabeigewesen. Theologisch beschäftige ihn dieses Fest mehr als Ostern und Weihnachten. Die Jünger Jesu seien vorher alle Feiglinge gewesen und vor dem Kreuz davongerannt. An Pfingsten aber seien „die Burschen alle raus, um für ihren Glauben zu sterben“. Oster kündigte für 2016 erstmals eine zentrale Fest- und Pilgerwoche für seine Diözese an. Die „Maria-Hilf-Woche“ soll vom 24. Juni bis zur Priesterweihe am 2. Juli stattfinden.

Der Münsteraner Bischof Felix Genn dankte den zwei am Pfingstsonntag neu geweihten Priestern dafür, dass sie sich von der Unruhe hätten einholen lassen, die sie durch den Ruf der Nachfolge Jesu verspürt hätten. „Sie haben sich der Prüfung dieses Gefühls gestellt und wollen, dass alle teilhaben an der Liebe Gottes“, sagt der Bischof in seiner Predigt. „Ihr Weg der Nachfolge erfährt heute hier im Dom eine Verdichtung“, so Genn. Am Anfang habe für die Kandidaten der „Fingerzeig Gottes“ gestanden – verbunden mit der Frage: „Meint er mich?“ Auf der Suche nach Antworten hätten sie sich „für Jesus entzünden“ lassen. Sie hätten erkannt, „welches Potenzial an Liebe und Kraft darin steckt, die Welt zu verändern.“

Auch der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sagte, in einer Zeit, in der Millionen Menschen durch Krieg und Terror bedroht seien, brauche es „mutige Zeugen eines lebensbejahenden Glaubens“.

In Speyer endete am Pfingstsonntag ein regionaler ökumenischer Kirchentag. Als eine „lebendige Vergegenwärtigung des ersten Pfingstereignisses“ bezeichnete Bischof Karl-Heinz Wiesemann dieses Ereignis. An der zweitägigen Veranstaltung nahmen insgesamt rund 20 000 Besucher teil.

In Regensburg firmte Bischof Rudolf Voderholzer 39 Erwachsene. „Die Firmung ist gewissermaßen Ihre Weihe als Weltchristen“, sagte Voderholzer zu den Frauen und Männern. „Geben Sie allen Zeugnis davon, was Ihnen im Glauben wichtig geworden ist.“ Sie sollten Verantwortung übernehmen in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und an vielen anderen Orten.

„Unsere dichteste Gotteserfahrung machen wir in der Eucharistie – lassen wir uns heute von ihr begeistern“, begrüßte Weihbischof Manfred Grothe im Bistum Limburg mehrere hundert Gläubige zum Pfingstfest am Sonntag. In seiner Predigt betonte Grothe, dass das Pfingstwunder als Beginn der Kirche auch heute noch Vorbild für moderne Kirchenarbeit sein könne: „Nicht die Jünger tun den ersten Schritt zur Ausbreitung des Evangeliums. Es findet keine gewalttätige Revolution statt. Vielmehr kommen die Menschen zu ihnen, weil bei ihnen etwas geschah, das sie neugierig, fragend machte – sozusagen im Innenraum der Kirche.“ Er distanzierte sich damit von modernen Pfingstbildern, in denen der Heilige Geist auf die verängstigten, ratlosen Jünger niederkam und diese wie in einer Explosion „in großer Begeisterung die Botschaft des Auferstandenen in alle Himmelsrichtungen“ verkünden. Zwar wirke dieses moderne Bild von Verkündigung „dynamisch und modern angesichts einer oft abgestandenen, müde gewordenen Christenheit“ – aber oftmals wenig verlockend auf Außenstehende: „Wirkt eine derart ekstatische Verkündigung nicht doch eher befremdend? Am Ende werden manche sagen: Jetzt verstehen wir sie gar nicht mehr, die Christen.“ Christen müssten ihren Glauben im Innenraum der Kirche „so überzeugend, glaubwürdig und befreiend leben“, dass er auch andere Menschen fasziniere. Hierzu brauche es Gläubige, die durch ihr Leben vom zugewandten, menschenfreundlichen Gott Zeugnis geben, „einfach, weil ihr Herz von ihm entbrannt ist“. Auch in der Kirche müssten sich Lernprozesse am Anfang orientieren – weshalb Pfingstlieder auch nie vom Besitz des Heiligen Geistes sprächen, sondern ihn unermüdlich herabriefen.

In Bad Kötzting stieg Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller zum elften Mal bei der größten Reiterprozession Europas in den Sattel. Mit mehr als 800 Reitern absolvierte er zweimal den sieben Kilometer langen Weg der mehr als 600 Jahre alten traditionellen Männerwallfahrt. Als Regensburger Bischof hatte Müller 2004 den geistlichen Charakter des zwischenzeitlich stark verweltlichten Brauches per Dekret wiederhergestellt.

Die österreichischen Diözesanbischöfe appellierten zu Pfingsten an die Gläubigen, auch in der heutigen Zeit offen zu sein für den Geist Gottes und dessen Geschenke anzunehmen. Im Leben aller Menschen bleibe vieles unvollendet. Der Heilige Geist aber vollende, „was bei uns Stückwerk“ bleibt, sagte etwa Kardinal Christoph Schönborn. Er schlug in seiner Predigt beim Pfingsthochamt am Sonntag im Wiener Stephansdom eine Brücke zum „Song Contest“, der in der Nacht zuvor in Wien zu Ende gegangen war. Schönborn verwies dazu auf das in der Bibel geschilderte pfingstliche Sprachwunder. Auch die Musik sei eine Sprache, die alle Menschen verstehen, so der Kardinal. „Bei aller Zwiespältigkeit“ des Ereignisses, sei am „Song Contest“ „eindrucksvoll, wie Musik und die Leidenschaft für den Gesang so viele Menschen rund um die Welt begeistert und fasziniert“. Der Geist Gottes führe aber über die Begeisterung hinaus zur wirklichen Gemeinschaft der Menschen, sagte Schönborn. Er rief die Gläubigen zum „Unterscheiden der Geister“ auf, nicht jeder Geist sei „vom Herrn“: „Der Zeitgeist ist nicht immer vom Heiligen Geist, auch wenn es im Zeitgeist durchaus manches gibt, was ein Zeichen des Heiligen Geistes sein kann.“

Salzburgs Erzbischof Franz Lackner wandte sich in seiner Pfingstpredigt im Salzburger Dom auch an die tausenden Jugendlichen, die noch bis Montag im und um die Kathedrale am „Fest der Jugend“ der Loretto-Gemeinschaft teilnehmen. Mit Pfingsten wolle Gott in die Alltäglichkeit der Menschen eintauchen, es sei das „Fest der Nähe Gottes“, sagte Lackner. Heute täten sich jedoch viele schwer mit Nähe; gerade auch die Nähe Gottes werde leicht übersehen. Mit Gott und dem Wirken des Heiligen Geistes konfrontiert, ließen sich viele Menschen nicht auf Neues ein und hielten stattdessen am Gewohnten fest. Lackner ermutigte dazu, das eigene Leben der Führung Gottes und dem Heiligen Geist anzuvertrauen. Dies heiße aber nicht, „die Hände in den Schoß zu legen“, stellte er klar. „Wir sollen uns anstrengen, und uns mit Kopf und Herzen bestmöglich in die Welt einbringen und Taten entfalten – das aber eingebettet wissen in ein größeres Ganzes, in den Plan Gottes, das Wirken seines Geistes. Das braucht die Welt von heute.“

Den Heiligen Geist als „das Lebensprinzip der Kirche“ hob der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz in seiner Predigt am Pfingstsonntag hervor. Er feierte das Pfingsthochamt mit hunderten Gläubigen in der Wiener Salesianerpfarre Neuerdberg. Der Gottesdienst wurde anlässlich des diesjährigen Jubiläumsjahrs zum 200. Geburtstag des Ordensgründers Johannes Bosco (1815–1888) live von ORF und ZDF übertragen. „Der Heilige Geist ist wie ein Motor im Herzen des Menschen, der ihn in Bewegung hält und zu den Mitmenschen führt, um ihnen die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes zu bezeugen“, sagte Bischof Schwarz, der selbst dem Salesianerorden angehört. Don Bosco habe aufgezeigt, „was es bedeutet unter Führung des Heiligen Geistes zu leben und zu handeln“, so der Bischof über den Turiner Jugendseelsorger und Sozialpionier. Der Heilige sei in den zwischenmenschlichen Beziehungen „herzlich, familiär und kontaktfreudig“ gewesen, „praktisch, lebensnah und kreativ“ in all seinem Tun. „Dieser Geist fördert ein Klima des Optimismus und der Freude – und führt hin zu Gott!“ Kennzeichnendes Merkmal Don Boscos, so der Salesianerbischof, war dessen Glaube an die jungen Menschen und das Vertrauen in sie. „Don Bosco wurde zum Vater und Lehrer der Jugend: er wollte ihre Begabungen entfalten und ihre Berufung als Menschen und Christen fördern“, würdigte Schwarz den Heiligen als Beispiel für die Christen als „Tür und die Werkstatt des Heiligen Geistes“.