Auf Fels bauen

Es geht um wahre Liebe: Wie aktuell ist „Humanae vitae“ am Beginn des 21. Jahrhunderts? Von José García

A couple kisses in Saint Peter's Square at the Vatican
Dass ihre Liebe Bestand haben soll wünschen sich alle Paare. Für Partnerschaft und Familiengründung ist die Lehre der Kirche eine wertvolle Hilfe. Foto: Symbolbild: Reuters
A couple kisses in Saint Peter's Square at the Vatican
Dass ihre Liebe Bestand haben soll wünschen sich alle Paare. Für Partnerschaft und Familiengründung ist die Lehre der Ki... Foto: Symbolbild: Reuters

Fünfzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung hat sich die Enzyklika ,Humanae vitae‘ als wahrhaft prophetisch erwiesen.“ Bischof Juan Antonio Reig Pla von Alcalá de Henares zählt im Gespräch mit der „Tagespost“ die Folgen ihrer Nichtbeachtung auf: Aus der im 17. Abschnitt des päpstlichen Schreibens angesprochenen „Logik der Empfängnisverhütung“ entstehe nicht nur ein „demografischer Winter“. Sie habe zur Abtreibung, zur Genderideologie sowie zum Posthumanismus und Transhumanismus geführt.

Die Diözese Alcalá de Henares veranstaltete kürzlich den Kongress „Der Triumph des Lebens und die Wahrheit der menschlichen Liebe“ aus Anlass der fünfzigsten Veröffentlichung von „Humanae vitae“ sowie der 25-jährigen Verkündung von „Veritatis splendor“. Der Kongress stand im Zeichen der Kontinuität im kirchlichen Lehramt. Eine solche Kontinuität mit der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums „Gaudium et spes“ stellte der Stellvertretende Vorsitzende des „Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie“ José Granados fest. Nach der sexuellen Revolution könne „Humanae vitae“ heute nur mit dem Schlüsselbegriff der „Sprache des Leibes“ gelesen werden, weil die sexuelle Revolution zur von Byung-Chul Han berühmt gemachten „Agonie des Eros“ geführt habe. Etwas außergewöhnlich hört sich zwar Granados' Formulierung an, „der Leib geht dem Ich voraus“. Bischof Reig Pla erläuterte sie jedoch: „Der Leib ist mir gegeben. Wir werden gezeugt. Wenn das Ich sich selbst bewusst wird, hat es bereits etwas empfangen – einen Leib, der von anderen gezeugt wurde, und der im Lichte des Glaubens als von Gott stammend wahrgenommen wird.“

Die „Sprache des Leibes“ führt zur „Theologie des Leibes“, die Johannes Paul II. insbesondere in 133 Mittwochskatechesen in den Jahren 1979–1984 entfaltete. Den „Katechesen über die menschliche Liebe im göttlichen Plan“ widmete der Direktor des Instituts für Religionswissenschaften Toledo, Alfonso Fernández Benito, einen breiten Raum. Die Erlösung des Leibes stehe im Zusammenhang mit der Einheit der Ziele in der Ehe: Im Gegensatz zur bis ins 20. Jahrhundert hineinwirkenden „Hierarchie der Ziele“ seien eheliche Liebe und Nachkommenschaft gleichberechtigt. Dies werde bereits in „Gaudium et spes“, der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, formuliert. Wie schon Granados, stellt auch Fernández Benito eine „harmonische Entwicklung“ von „Gaudium et spes“ zur Enzyklika „Humanae vitae“ fest. Der Direktor des Toledaner Instituts betonte insbesondere den 14. Abschnitt der Enzyklika Pauls VI.: „Völlig irrig ist (...) die Meinung, ein absichtlich unfruchtbar gemachter und damit in sich unsittlicher ehelicher Akt könne durch die fruchtbaren ehelichen Akte des gesamtehelichen Lebens seine Rechtfertigung erhalten.“ Es sei paradox, menschliches Leben zeugen und gleichzeitig es verhindern zu wollen.

Paradox scheint es allerdings ebenfalls, dass fünfzig Jahre nach der „sexuellen Revolution“ immer mehr Paare und Frauen wegen eines Kinderwunsches den Arzt aufsuchen. Auf dem Kongress berichtete die Ärztin Juncal Martínez Irazusta über ihre langjährige Erfahrung mit natürlichen Methoden zur Fruchtbarkeitsbeobachtung. Zur Zeit, als „Humanae vitae“ erschien, seien die natürlichen Methoden noch kaum erforscht gewesen. Ein Verdienst der Enzyklika sei gerade die Weiterentwicklung in diesem Bereich. Diese natürlichen Fruchtbarkeitsmethoden seien zwar um ein Vielfaches wirksamer als die künstliche Befruchtung. Mit Letzterer seien jedoch wirtschaftliche Interessen verbunden, weshalb viele Ärzte die natürlichen Methoden nicht ausreichend kennten.

Die natürlichen Fruchtbarkeitsmethoden brächten, so die Ärztin, auch einen bestimmten Standpunkt zur Sexualität zum Ausdruck. Dass diese Vorstellung Teil einer christlichen Lebensauffassung mit eigenen Merkmalen ist, unterstrich Juan José Pérez Soba, Professor für Pastoraltheologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. Unter Berufung auf den zweiten Abschnitt in Benedikts XVI. „Spes salvi“ führte Pérez Soba aus, dass das Wort Gottes nicht nur „informativ“, sondern auch „performativ“ sei. Gottes Wort sei ein Geschenk, das den Menschen verwandele. Diese Auffassung stehe einem verbreiteten Lebensentwurf entgegen, der eine autonome über die objektive Moral setzt: Was nicht aus dem Menschen selbst komme, werde abgelehnt. In der christlichen Lebens- und Moralauffassung spiele die Begegnung mit Christus aber eine entscheidende Rolle: „Der erste Akt der christlichen Moral ist die Begegnung mit der Gnade, die das menschliche Herz verwandelt.“

Der Professor für Pastoraltheologie ging insbesondere auf „Veritatis splendor“ ein, die „ebenso wie das Trienter Konzil“ von den Geboten spreche. Die Kirche solle nicht von „Werten“ („niemand weiß, was das genau bedeutet“), sondern von Tugenden sprechen. So wie Jesus mit Autorität redet, solle auch die Kirche in Moralfragen mit Autorität reden. Dies sei genau das Gegenteil davon, „politisch korrekt das zu sagen, was andere von ihr erwarten“.

Die Kasuistik, „von Fall zu Fall“ zu entscheiden, behandelte ebenfalls Livio Melina, von 2006–2016 Präsident des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II., im Zusammenhang mit „Amoris laetitia“. Denn die Enzyklika von Papst Franziskus tauchte zwar nicht im Untertitel des Kongresses auf, aber die Auseinandersetzungen um das päpstliche Schreiben, vor allem die Frage nach der Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten, standen im Hintergrund der Tagung. Melina zufolge soll „Amoris laetitia“ nach einer dreifachen Stimmigkeit gelesen werden: zur inneren Stimmigkeit der Enzyklika komme die Übereinstimmung mit der Bischofssynode hinzu. Die Enzyklika solle ebenfalls in Einklang mit dem Lehramt der vorangegangenen Päpste gelesen werden. Wenn etwa Kardinal Kasper vom Paradigmenwechsel spreche, dürfe dies kein Rückschritt in Richtung Situationsmoral oder Konsequenzialismus sein. Die Begleitung von Menschen in irregulären Situationen müsse auf der Grundlage der Schrift und der Tradition geschehen, ohne zu vergessen, dass es in sich schlechte Handlungen gibt. Livio Melina führte in dem Zusammenhang vier Punkte an, die zu beachten sind: Die Perspektive der Tugenden, die angemessene Anwendung der Klugheit, das für ein moralisch rechtes Leben günstige Ambiente sowie der christozentrische Charakter des Morallebens. Nur dann werde die Moralauffassung und das Leben auf Fels gebaut.

Dem Publikumsandrang nach zu urteilen besteht heute großes Interesse an „Humanae vitae“: Die Veranstalter hatten mit etwa 200 Teilnehmern gerechnet. Da sich aber 500 Zuhörer anmeldeten, musste in einem Raum neben der überfüllten Aula des Bischöflichen Palais ein Bildschirm aufgestellt werden. Der Bischof von Alcalá fasste es so zusammen: Zwar habe die Enzyklika Pauls VI. von Anfang an nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerkirchlich für Auflehnung gesorgt, dies ändere sich jedoch „wenn die Menschen die Lehre von ,Humanae vitae‘ kennenlernen“. Auf dem Spiel stehe nichts Geringeres als die Würde menschlichen Lebens, so Bischof Reig Pla.