„Auf Christus hoffen“

Ein neuer Bischof für Erfurt: Ulrich Neymeyr wurde am Samstag in sein neues Amt eingeführt. Von Reinhard Nixdorf

Segen für das neue Bistum nach langer Vakanz: Bischof Ulrich Neymeyr in seiner Bischofskirche. Foto: dpa
Segen für das neue Bistum nach langer Vakanz: Bischof Ulrich Neymeyr in seiner Bischofskirche. Foto: dpa

Auf diesen Tag hatten die gut 150 000 Katholiken im Bistum Erfurt lange warten müssen. Zwei Jahre, einen Monat und 22 Tage nachdem Papst Benedikt XVI. das gesundheitlich begründete Rücktrittsgesuch Bischof Wankes angenommen hatte, wurde der bisherige Mainzer Weihbischof Ulrich Neymeyr am Samstag im Erfurter St. Marien-Dom in sein neues Amt als Bischof von Erfurt eingeführt. Die Erfurter machten Ulrich Neymeyr das schönste Geschenk, das eine Gemeinde ihrem Bischof machen kann: ein vollbesetztes Gotteshaus. Bis auf den letzten Platz war der Erfurter Dom gefüllt, als der neue Bischof um 11.19 Uhr auf dem Bischofsstuhl Platz nahm und sein Vorgänger Joachim Wanke ihm den Erfurter Hirtenstab überreichte, dessen Krümme die Erfurter Bischofspatronin, die heilige Elisabeth, und viele Thüringer Wappen zeigt.

Fröhlich strahlend segnete Bischof Neymeyr die Gläubigen im Dom und in der benachbarten St. Severi-Kirche. Um 11.31 fiel die Gloriosa, die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt, ins Gloria ein. Ulrich Neymeyr ist der zweite Bischof des 1994 neugegründeten Bistums Erfurt, das jedoch durch seine erste Gründung im Jahr 742 durch den heiligen Bonifatius eine über zwölfhundertjährige Vorgeschichte hat.

Gemeinsam mit Bischof Neymeyr zelebrierten Weihbischof Hauke, Altbischof Wanke, Dompropst Arndt, der Apostolische Nuntius Erzbischof Eteroviæ, der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, und der Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker als Metropolit der Kirchenprovinz die Messe. Mit 28 Bischöfen, Diözesan-Administratoren und Weihbischöfen aus siebzehn deutschen Diözesen tauschte der neue Bischof nach seiner Amtseinführung den Friedensgruß aus; außerdem mit Vertretern der Katholiken im Bistum Erfurt. Jede der 63 Pfarreien des Bistums Erfurt war mit einer dreiköpfigen Abordnung bei der Amtseinführung vertreten.

,,Ein Hirte muss vorangehen, um den Weg anzuzeigen, er muss inmitten der Herde bleiben, um die Gemeinschaft zu fördern und hinter dem Volk sein, damit er die ermuntert, die stehengeblieben sind oder sehr langsam den Weg verfolgen", sagte Nuntius Nikola Eterovic in seinem Grußwort. ,,Diese Aufgabe wird Ihnen leicht fallen, denn Sie haben als Weihbischof in der Diözese Mainz ausreichend Erfahrungen gesammelt unter der weisen Führung Seiner Eminenz Karl Kardinal Lehmann, den ich herzlich grüße.“ Dem bisherigen Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, dankte Nuntius Eteroviæ unter großem Beifall für seinen 31 Jahre langen Dienst als Bischof in Erfurt, von denen Wanke dreizehn Jahre als Apostolischer Administrator und achtzehn Jahre als Bischof von Erfurt amtiert hatte. Viel Applaus gab es auch für Weihbischof Hauke, dem der Nuntius für seinen Dienst als Erfurter Diözesanadministrator während der Sedisvakanz dankte.

Das Bistum Erfurt ist weithin durch seine Diaspora-Struktur geprägt, der Glaube wird hier immer angefragt. In seiner Predigt machte Bischof Neymeyr den Gläubigen Mut, als „Salz der Erde“ zu wirken und für ihren Glauben einzustehen. „Die auf Jesus Christus hoffen, die daraus leben, dass seine Maßstäbe die gültigen sind, die sind von dieser Haltung her motiviert und geprägt, ihr Leben und ihre Welt zu gestalten“, sagte der Bischof. „Sie sind nicht einfach ein frommer Teil der Gesellschaft, der im Verborgenen seine Religion praktiziert.“ Vielmehr sei der Glaube an Jesus Christus für sie „der ständige Antrieb, die Welt besser zu verlassen, als wir sie angetroffen haben“.

„Die mit Salz gewürzten Worte sind die Sätze, die mit: ,Ich...‘ anfangen, also die Sätze, in denen wir nicht diskutieren und argumentieren, sondern persönliches Zeugnis von unserem Glauben geben“, sagte Neymeyr. Dies sei nicht immer einfach, „aber wir müssen uns als gläubige Christen zu erkennen geben“. Und der neue Bischof von Erfurt ging mit gutem Beispiel voran: Als er den Erfurtern von sich selbst und seiner Berufung nach Erfurt mit den Worten „Ich bin bereit. Hier bin ich“ berichtete, war der Beifall groß.

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Trelle von Hildesheim, hob in seinem Grußwort das „große Engagement“ Bischof Neymeyrs in der Jugendkommission und in der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz ebenso hervor wie seine Fähigkeiten als „Seelsorger und Persönlichkeit mit reicher pastoraler Erfahrung“: „Lass Deine ansteckende Lebensfreude und Fröhlichkeit auf die Gläubigen Deines Bistums überspringen. So wird lebendig, was Du in Deinem bischöflichen Wahlspruch ausdrückst: ,Christus hat uns angenommen‘.“ Bischof Trelle bestärkte den neuen Erfurter Bischof zur Weiterführung und Ausgestaltung des ökumenischen Dialogs und erinnerte an den Besuch Papst Benedikts XVI. im Erfurter Augustinerkloster: „Gerade in den kommenden Jahren werden wichtige Orte des reformatorischen Gedenkens in Deinem Bistum eine große Rolle spielen. Ich ermutige Dich dazu beizutragen, dass die ökumenischen Impulse, die hier insbesondere von Papst Benedikt XVI. gesetzt wurden, weiter reiche Frucht bringen. Erfurt bietet sich dafür in besonderer Weise an.“ Und zu Altbischof Joachim Wanke sagte Bischof Trelle: „Deine Erfahrungen in der DDR waren prägend und oft hast Du uns davon in der Bischofskonferenz berichtet. Trotz des politischen Drucks hast Du Dich nie unter Druck setzen lassen und den Gläubigen Mut gemacht.“

Der Bischof von Mainz, Kardinal Karl Lehmann, erinnerte an die Verbundenheit seines Bistums zu Erfurt, das mehr als ein Jahrtausend, bis 1802, zum damaligen Erzbistum Mainz gehörte. Auch während der DDR-Zeit habe es enge Kontakte in Seelsorge und Jugendarbeit gegeben. „Wenn nun Ulrich Neymeyr Bischof von Erfurt geworden ist, freuen wir uns bei allem Abschiedsschmerz über seine Berufung“, sagte Bischof Lehmann. „Dadurch wird die Beziehung zwischen Mainz und Erfurt auf einem neuen Fundament nun noch enger, zumal auch in seiner Familiengeschichte thüringische Ahnen sind.“

Die evangelische Landesbischöfin von Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hob die guten ökumenischen Beziehungen in Thüringen hervor: „Wir leben gemeinsam in einer Gesellschaft, in der der Glaube an Gott keine Selbstverständlichkeit ist.“ Sie sei neugierig auf Neymeyrs Sicht auf die Reformation; zumal er ihr bereits geschrieben habe, dass er in Worms im Schatten des weltgrößten Lutherdenkmals aufgewachsen sei.

Die Ministerpräsidentin von Thüringen Christine Lieberknecht (CDU), ermutigte Neymeyr, „klangvoll und klar“ in öffentlichen Debatten Position zu beziehen. „Auch die säkulare, plurale, freie Gesellschaft braucht die Stimme der Kirchen, sie braucht ihr Engagement.“ Die Kirchen könnten sinnstiftend wirken und Orientierung geben.

Im Bistum Erfurt hat man, nicht zuletzt durch den Ideenreichtum von Weihbischof Hauke, in den vergangenen Jahren viele niederschwellige Angebote für Kirchenferne ausprobiert: Die Feier der Lebenswende als Alternativangebot zur Jugendweihe gehört ebenso dazu wie die Segnungen von Paaren am Valentinstag. Dass der neue Bischof offen für diesen Weg ist, hat er schon angedeutet. Doch auch in Erfurt wird der Kirchenalltag immer stärker von leerer werdenden Kirchen und Priestermangel bestimmt: Sind in den sieben Dekanaten des Bistums derzeit noch 63 Pfarreien besetzt, werden es 2020 nur noch halb so viele sein. Auch die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück: Zählte das Bistum vor vierzehn Jahren noch 180 000 Katholiken, sind es heute nur noch 151 000. Große Gemeinden, wenig Priester – unter diesen Umständen christliches Leben erhalten oder gar voranzutreiben: Das ist nicht nur für die Katholiken im Land schwer. Es wird die Herausforderung des neuen Bischofs von Erfurt sein.