Auch Heilige haben Vorbilder

Pater Renault beschreibt das Verhältnis der heiligen Therese von Lisieux zu ihrer Ordensmutter Teresa von Ávila. Von Klaus-Peter Vosen

Teresa von Avila. Foto: Archiv
Teresa von Avila. Foto: Archiv

Heilige fallen nicht vom Himmel. Persönlichkeiten, die heute noch als große Glaubensgestalten beeindrucken, haben auch ihrerseits Leitsterne gehabt: Menschen, die ihnen wichtig wurden auf ihrem Weg zu Gott. Neben Frauen und Männern ihres persönlichen Lebensumfeldes waren dies oft Christuszeugen der Vergangenheit, über die man sich durch Biographien oder deren geistliche Schriften informierte. Für die heilige Therese von Lisieux war die Orientierung an ihrer Ordensmutter, der heiligen Teresa von Ávila, besonders bedeutsam. Eine eingehende, informative und zugleich gut lesbare Untersuchung zu diesem Thema verdanken wir Pater Emmanuel Renault, der 2010 verstorben ist. Sein Werk liegt nun in deutscher Übersetzung von Elisabeth Haas vor.

Vor Jahren behauptete Oskar Köhler in dem renommierten „Handbuch der Kirchengeschichte“, dass Teresa von Ávila mit ihrem Gedankengut ihre Ordensschwester in Lisieux eher in peripherer Weise beeinflusst habe. Theresia Martin hatte sich ihm zufolge in einer im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Manier höchstens für einige minder wichtige Akzente der geistlichen Botschaft ihrer Ordensmutter interessiert. Das meiste davon sei ihr unverständlich und fremd geblieben. Wiewohl die Absicht Köhlers anzuerkennen ist, Therese von Lisieux stärker in die religiöse Welt ihrer eigenen Zeit hineinzustellen und jene Umdeutung der Heiligen zur Existenzialistin abzuweisen, welche seit einigen Jahrzehnten beliebt ist und manchmal wunderliche Züge annimmt, liegt er mit seiner obigen Sichtweise völlig falsch. Dies wird von Renault deutlich herausgestellt.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die spanische Kirchenlehrerin die Namenspatronin Theresias war und schon deshalb diesem Kind aus glaubensstarker Familie wichtig sein musste. Nie vergaß Theresia, dass sie als kleines Kind während einer Predigt von ihrem Vater einen entsprechenden Hinweis bekam, wenn es gerade um ihre Namenspatronin ging. Auch die Eltern förderten also schon früh das Interesse des Mädchens für die große Spanierin. Es gibt auch eine Parallele biographischer Art zwischen den beiden Theresien: Beide verloren früh ihre leibliche Mutter und wählten sich gleichsam eine Pflegemutter. Bei Therese von Lisieux war dies ihre zweitälteste Schwester Pauline; Teresa von Ávila bat die Mutter Gottes, bei ihr fortan Mutterstelle zu vertreten. Mit dem Eintritt Pauline Martins in den Karmel im Jahr 1882 wurde dieser Orden, für dessen Reform Teresa von Ávila drei Jahrhunderte zuvor so eifrig gewirkt hatte, für ihre Schwester Theresia zu einer Angelegenheit besonders lebhaften Interesses. Theresia sehnte sich danach, Pauline in den Orden Teresas zu folgen und durfte ihre Schwester im Sprechzimmer des Konvents in der Rue de Livarot in Lisieux besuchen. Ganz natürlich wuchs so eine geistige Beheimatung im Klima des Karmels, das in vielem von der Ordensmutter geprägt war. Noch vor Beginn ihres eigenen Klosterlebens hat Theresia übrigens auch beide Bände der von den neuen Bollandisten im neunzehnten Jahrhundert herausgegebenen Lebensbeschreibung Teresas gelesen, die sie zutiefst beeinflusste.

Diese Durchdringung mit dem Geist der spanischen Kirchenlehrerin vollendete sich für Theresia Martin nach ihrem frühen Ordenseintritt 1888. Renault beschreibt den Geist des Konventes in Lisieux mit Worten, die gewiss auch auf andere Karmelklöster zutreffen. „Im Karmel wurde die Erinnerung an die Ordensgründerin so lebendig wachgerufen, dass man sie als ein Mitglied der Gemeinschaft hätte ansehen können, ja es war beinahe so, wie wenn sich die Tür öffnete und sie inmitten ihrer Schwestern erschien! In der Tat: ,Unsere Mutter, die heilige Teresa‘, wie sie einfach genannt wurde, gab Anregungen und stand allen Aktivitäten des Hauses vor: im Chor, im Refektorium sowie bei allen Hausarbeiten. Sie war die Luft, die man atmete, von der man erfüllt war, ohne es zu merken und ohne sich Fragen zu stellen.“

Was aber nahm Therese von Lisieux nun von Teresa von Ávila – zum Beispiel durch die klösterliche Tischlesung – an Gedankengut konkret auf? Wie wird deren Einfluss auf ihre französische Jüngerin manifest? Der Begegnung mit Teresa verdankt Theresia Martin letztlich das Bild vom Adler und dem kleinen Vogel, das in den Schriften der Normannin relativ häufig auftaucht. Beeindruckend war für Theresia von Lisieux auch Teresas glühende Christusliebe und deren Verlangen nach höchstmöglicher Heiligkeit. Beides hat Theresia Martins Christozentrik und Heiligkeitsstreben unterstützt, entflammt und herausgefordert. Hinzu kommt noch etwas anderes. Auf ihrer Romwallfahrt 1887 erkannte Theresia Martin die Notwendigkeit, für die Priester zu beten. In diesem Gebetsanliegen sah sie nach eigener Aussage auch eine Hauptaufgabe ihres Klosterlebens. Auch für Teresa war das Beten für diejenigen, die im priesterlichen Dienst standen, von größter Wichtigkeit. Sicher hat die im 19. Jahrhundert lebende Kirchenlehrerin aus Lisieux an diesem Punkt wiederum Impulse der ebenso mit diesem Titel geschmückten Namensschwester von Ávila aufgenommen. Dabei blieb es freilich nicht: Renault schreibt: „Während das ,Gebet für die Priester‘ und der ,Wunsch nach der höchsten Heiligkeit‘ die zwei bestimmendsten und direktesten Formen des Einflusses der Heiligen aus Ávila auf Therese waren, zeigen sich die beiden anderen, die ,Liebe zur Kirche‘ und die ,geistliche Mutterschaft‘, auf eine fortschreitende und zurückhaltendere Weise.“ Dennoch sind sie gut feststellbar, wie Renault darstellt. Theresia übernimmt Anstöße Teresas sicher auf eine unverwechselbare Weise, sie ist eine eigenständige religiöse Persönlichkeit. Aber – das ist das Ergebnis von Renaults Untersuchung – ihre Beziehung zu Teresa von Ávila ist authentisch, eng und lebendig. So kann er mit einem markanten Wort von Blanchard schließen: „Therese von Lisieux ist bei aller geistigen Beheimatung in ihrer eigenen Epoche „einzuordnen in die Ausstrahlung der Teresa von Ávila und des Johannes vom Kreuz. Sie von ihrer Herkunft zu trennen heißt, sie zu verstümmeln.“

Ein kleiner Fehler ist anzumerken: Die bei Renault zitierten Diktate, die Theresia Martin wohl auf Anweisung ihrer Lehrerin Madame Papinau zu schreiben hatte, können nicht aus dem Frühjahr 1889 stammen, weil die spätere Heilige zu diesem Zeitpunkt bereits im Kloster lebte. Vermutlich steht „1889“ irrtümlich für 1887. Dies mindert den Wert des Buches aber in keiner Weise.

Emmanuel Renault OCD: Der Einfluss von Teresa von Ávila auf Therese von Lisieux. Echter Verlag, Würzburg 2015, 192 Seiten, ISBN: 978-3-429-03850-2, EUR 19,80