An den Brennpunkten menschlicher Not präsent

Eine charismatische Konvertitin mit überzeugendem sozialem Engagement – Zur Seligsprechung von Hildegard Burjan. Von Michaela Sohn-Kronthaler

Mit Hildegard Burjan wird am Sonntag eine Frau seliggesprochen, die nicht nur das katholische soziale Leben Österreichs in der Zwischenkriegszeit nachhaltig geprägt hat, sondern auch heute noch in Gesellschaft und Politik weithin bekannt ist. Die Beatifikation wird Kurienkardinal Angelo Amato, der zuständige Präfekt der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, im Wiener Stephansdom vornehmen.

Hildegard Burjan verbrachte Stationen ihres Lebens in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Als Hildegard Lea Freund wurde sie am 30. Januar 1883 als zweites und jüngstes Kind einer jüdisch-liberalen Kaufmannsfamilie in Görlitz an der Neiße geboren. Ihre Schulausbildung erhielt sie dort, dann in Berlin und Zürich, wohin ihre Angehörigen aus beruflichen Gründen übersiedelten. Mit 20 Jahren maturierte sie in Basel und begann mit dem Philosophie- und Germanistikstudium in Zürich und Berlin. Noch vor ihrem Studienabschluss ehelichte sie 1907 den aus einer jüdischen Mittelstandsfamilie stammenden Ingenieur Alexander Burjan aus Györ.

Zwar absolvierte Hildegard Burjan ein Jahr später erfolgreich ihr Doktorexamen in Zürich; die Fertigstellung der Dissertation für die Drucklegung entsprechend den einschlägigen rechtlichen Vorschriften gelang ihr jedoch wegen einer schweren Nieren- und Darmerkrankung sowie wegen ihrer Übersiedelung nach Österreich nicht mehr. Nach vielen Monaten ärztlicher Behandlung im katholischen St. Hedwigs-Spital in Berlin galt die mehrfach operierte, mit starken Schmerzmitteln versorgte Patientin am Karsamstag des Jahres 1909 medizinisch als aufgegeben – doch zwei Wochen nach Ostern konnte sie das Krankenhaus als „geheilt“ verlassen. Dieses überraschende Ereignis empfanden die Ärzte, das Pflegepersonal und die Patientin selbst als großes Wunder. Das hingebungsvolle, opferbereite Wirken der geistlichen Krankenschwestern aus der Kongregation der Borromäerinnen bewog Hildegard Burjan, die sich schon als Studentin mit dem katholischen Glauben intensiv auseinandergesetzt hatte, noch im Sommer desselben Jahres zum Katholizismus zu konvertieren.

Ende August 1909 übersiedelte sie mit ihrem Ehemann nach Wien, wo dieser eine leitende Stelle bei der österreichischen Telephonfabrik AG annahm. Ein Jahr später brachte sie unter Lebensgefahr ihre Tochter Elisabeth zur Welt, obwohl ihr zu einem Schwangerschaftsabbruch geraten worden war. Elisabeth blieb ihr einziges Kind. Ein starkes Gottvertrauen nahm in Burjans zutiefst christlichem Leben einen zentralen Platz ein. Ab diesem Zeitpunkt entfaltete die charismatische Katholikin in Österreich ein beachtliches soziales Engagement, das bis zu ihrem frühen Tod am 11. Juni 1933 anhielt.

Blickt man auf das kurze Leben der neuen Seligen, so finden sich darin scheinbare Gegensätze, die sie mit ihrem bemerkenswerten sozialkaritativen und -politischen Handeln auszugleichen suchte. Ihre innovativen Projekte wirken bis in die Gegenwart. Obwohl Hildegard Burjan durch die berufliche Position ihres Gatten, der in der Zwischenkriegszeit zum Generaldirektor seiner Firma aufstieg, dem gehobenen Bürgertum angehörte, wandte sie sich den Problemen der weiblichen Arbeiterschaft zu. Sie setzte Maßnahmen für Strukturreformen und organisierte die Arbeiterinnen gegen Ende des Ersten Weltkrieges in diversen Vereinen – ja, sie selbst stellte sich sogar als „Arbeiterinnenführerin“ an die Spitze des katholischen Reichsverbandes. Zuvor hatte die Akademikerin im Jahr 1912 einen beispielgebenden Verein für Heimarbeiterinnen in Wien gegründet, dessen Leitung sie zunächst innehatte.

Nachdem den Frauen in Österreich erstmals im November 1918 das aktive und gleiche Wahlrecht zuerkannt worden war, kandidierte Burjan als Vertreterin der katholischen Arbeiterschaft bei den ersten Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919 und wurde als erste und einzige christlich-soziale Abgeordnete gewählt. Kurz zuvor war sie vom Wiener Bürgermeister Richard Weiskirchner als eine der ersten Frauen in den Gemeinderat der Stadt Wien berufen worden. Burjan wusste, dass ohne den direkten politischen Einfluss soziale Verbesserungen auf gesetzlicher Grundlage nur schwer verwirklicht würden. Als Abgeordnete vertrat sie christliche Werte und betrieb beharrlich den Ausbau des Sozialstaates mit, nicht zuletzt durch Anträge zugunsten des weiblichen Geschlechts und gesellschaftlich Benachteiligter. Ihr Name ist vor allem mit der Realisierung des „Hausgehilfengesetzes“ verbunden. Als Katholikin musste sie den Spagat bewältigen, für manche kirchlichen Kreise als zu progressiv oder „emanzipatorisch“ zu gelten, da sie sich als Frau aktiv politisch betätigte und in männlich dominierte Bereiche vordrang. Hingegen betrachteten sie Vertreterinnen aus dem nichtkirchlichen Milieu wegen ihrer wertkonservativen Haltung und ihres Engagements für die katholische Kirche als „rückständig“.

Nach nur eineinhalb Jahren zog sich Burjan als Abgeordnete überraschend aus dem politischen Leben zurück. Neben gesundheitlichen Gründen spielte auch der Antisemitismus innerhalb ihrer Partei eine Rolle. Vor allem kam die Konzentration auf ihr Lebenswerk, die Caritas Socialis, hinzu. Diese sozial tätige Frauenvereinigung hatte Burjan unter Mithilfe von Prälat Ignaz Seipel und dem geistlichen Präses der katholischen Arbeiterinnen, August Schaurhofer, gegründet. Aus dem Verein Caritas Socialis, dessen Zweck die religiöse Vertiefung und Verinnerlichung sowie fachliche Schulung der Mitarbeiterinnen war, entwickelte sich organisch eine gleichnamige religiöse Schwesterngemeinschaft. Deren erste zehn Mitglieder legten am 4. Oktober 1919 in der Kapelle des Hauses Pramergasse 9 in Wien ihr Versprechen im Rahmen eines Gottesdienstes ab. Burjan selbst blieb als Ehefrau und Mutter bis zu ihrem Tod Vorsteherin dieser apostolisch wirkenden geistlichen Frauenvereinigung.

Das Bemerkenswerte an dieser Pionierin christlicher Sozialpolitik ist das Beschreiten neuer Wege in der katholischen Sozialarbeit. Sie forcierte die Familienpflege, mit der neben sachlicher Hilfe den Familien und Müttern in schwerer Zeit auch persönlicher Beistand gewährt wurde. Sie betrieb mit ihrer Caritas Socialis, die als „Hilfstruppe der Kirche“ im „vollsten Einvernehmen“ mit dem damaligen Wiener Erzbischof Kardinal Friedrich Gustav Piffl arbeitete, die Fürsorge für sittlich entgleiste und gefährdete Mädchen sowie für geschlechtskranke Frauen und ledige Mütter. Sie führte die „St. Elisabeth-Tische“ für den durch die kritische Wirtschaftslage verarmten Mittelstand ein und initiierte für ihren priesterlichen Wegbegleiter Seipel, den prägenden österreichischen Bundeskanzler der Zwischenkriegszeit, den Bau einer Gedächtniskirche und eines Volksfürsorgehauses in einem Arbeiterviertel Wiens. Die Caritas Socialis zeichnete sich – wie heute auch – durch „jeweils der Not der Zeit“ angepasste Sozialprojekte aus. Gegenwärtig wirkt die Schwesterngemeinschaft in Österreich, Italien, Deutschland und Brasilien.

Der selige Johannes Paul II. besuchte anlässlich seiner dritten Pastoralreise nach Österreich 1998 das Hospiz der Caritas Socialis am Wiener Rennweg. In seiner Ansprache würdigte er dieses wie auch die Schwestern, die sich „vom Anliegen ihrer Gründerin Hildegard Burjan leiten lassen, die als ,charismatische Künderin sozialer Liebe‘ an den Brennpunkten menschlicher Not präsent sein wollte“.

Heute erinnern ein Bild im österreichischen Parlament, der Hildegard-Burjan-Platz im XV. Wiener Gemeindebezirk und eine Wohnhausanlage an die neue Selige, in Görlitz der Hildegard-Burjan-Platz und das Hildegard-Burjan-Pflegeheim.

Die Autorin ist Professorin für Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz