Religion

Eine Rechtfertigung Gottes

Die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt und die Empörung darüber ist keine neue Frage. Eine Erholung vom Fiebertraum des Atheismus ist möglich.

Es gibt viele Grunde, nicht einverstanden zu sein. Der Weg zum sicheren Glück ist zwar bekannt, er heißt Zustimmung zu Gott und Welt, aber er ist voller Hindernisse. Und wer ist schon Herr im eigenen Haus? Ich kann nicht zustimmen, wenn ich das Leid der Kinder und Tiere in der Welt sehe, ich kann nicht zustimmen, wenn ich von Kriegen höre mit ihren unzahligen Opfern. Ich kann nicht zustimmen, wenn ...

Lesen Sie auch:

Daher ist die Theodizee so beliebt im Menschengeschlecht: Die Anklage als umgekehrte Zustimmung! Zwar hatte Luther die Frage gestellt: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Doch die Frage kippte schnell um: Wie bekommt Gott einen gnädigen Menschen? Dem Dichter Georg Buchner ist dafür eine große Formel gelungen, für ihn ist das Leiden der Felsen des Atheismus.

Die Trennungsphilosophie der Neuzeit

Das Umkippen kommt wohl aus der Trennungsphilosophie der Neuzeit. Nach dieser Denkweise sollen alle Dinge getrennt sein, sowohl Objekte als auch Subjekte. Gott wirkt nicht in den Personen, und keine Person wirkt in einer anderen Person! Gott kann mir keinen Anteil an seinem Leben geben, weil ich völlig von ihm getrennt bin. Aus der Lehre der Konkurrenz folgt ohne weiteres der Atheismus, weil ich nur noch ein Ziel haben kann: die Stelle Gottes einnehmen! Bei Luther heißt es daher vom Menschen: „Von Natur aus kann er Gott nicht Gott sein lassen; er muss vielmehr Gott nicht Gott sein lassen, um selbst Gott zu sein.“ Luther ist kein Atheist, er will am Abgrund stehen bleiben, aber noch einen Schritt weiter und der Mensch stößt Gott vom Thron.

Die Wahrheit der Naturwissenschaft

Die Naturwissenschaft geht in die gleiche Richtung. Sie ist wahr, soweit die Dinge trennbar sind. Der Protest Goethes gegen die Physik Newtons oder der Protest des Vitalismus gegen die Evolutionslehre Darwins richtete sich gegen diese Trennung, ohne viel zu bewirken. Newton spaltete in seiner Wissenschaft die Wirklichkeit in Teile auf, und die Gesetze hielten die Teile dann zusammen. Typisch dafür ist etwa diese Methode: Wir nehmen an, die Masse der Sonne sei in einem Punkt versammelt, und die Masse der Erde in einem anderen. Das ergibt eine Gleichung, zu der man eine Lösung finden kann. Wir können damit den Weg des Planeten um die Sonne beschreiben. Diese zerlegende Denkweise war ungeheuer erfolgreich, die Menschheit hat es heute so weit gebracht, wie keine Generation vor ihr. Ich meine also, die Theodizee-Frage kann nicht ganz ursprünglich sein. Sie verdeckt ein Begehren, wie es sich im Titanismus von Wissenschaft und Technik ausdrückt.

Identität in der Natur befestigen

Nehmen wir als Beispiel den Philosophen Hans Blumenberg (1920–1996). Bei ihm kann man die Absage an Gott und das Vertrauen auf die Natur in Klarheit studieren. Sein Grundbegriff heißt „Absolutismus der Wirklichkeit“. Ist das nun Gott oder die Natur? Es ist zunächst beides. Gegen das Ergriffenwerden von Gott will sich Blumenberg zur Wehr setzen, um alle Wirklichkeit zu ergreifen, die dann die Natur heißt.

Entsprechend sucht Blumenberg seine Identitat in der Natur zu befestigen. Da gibt es aber ein Problem: „Wenn die Wissenschaftsidee der Neuzeit dadurch charakterisiert sein wird, indem sie auf eine Wertung ihrer Gegenstande und auf Unterscheidung von Wissenswurdigem und Beliebigem verzichtet, so wird das nur moglich sein durch die Ausschaltung eben dieses Einwandes der dem Subjekt gegebenen endlichen Zeit, indem die ‚Methode‘ die Integration einer potenziell unendlichen Reihe forschender und in zeitubergreifenden Funktionskomplexen tatiger Subjekte vollzieht (...).“

Eigentlich ist es ganz einfach. Blumenberg meint, alle Wirklichkeit sei Natur. Aber sie ist uns nur in Teilen bekannt. Um sie voll zu begreifen, soll der Forscher sich aufgeben und dem Kollektiv der Forschenden beitreten. Eingereiht in die unendliche Reihe aber werde es dem Forscher gelingen, das Ziel zu erreichen, meint er. Ich habe nur ein Gegenargument: Den Zufall in der Quantentheorie schafft keine unendliche Reihe forschender Subjekte hinweg.

Die neue Empörung

Aber es gibt seit dem 20. Jahrhundert eine neue Empörung, die wenig bekannt ist. Ich meine, die Empörer selber kennen sie kaum, weil sie so merkwurdig ist. Es ist eine Empörung gegen die Natur. Die alte Empörung ist eine praktische Haltung. Da Gott dieses Tal der Tränen geschaffen hat, empören wir uns gegen ihn und verbessern die Welt. Als Strafe für den unfähigen Schöpfer leugnen wir seine Existenz. So rief Ludwig Feuerbach es den Hörern zu, die er 1848 um sich versammelt hatte: Ich bin gekommen, um aus Kandidaten des Jenseits neue Studenten zu machen, und zwar des Diesseits.

Die neue Empörung ab dem 20. Jahrhundert ist nur theoretisch, sie blickt auf die Natur und ist verstört. Verbessern lasst sich hier nichts. Gegen die Empörung über die Natur hilft keine Praxis mehr. Welche Welt sollte ich bauen, wenn ich mit der Natur nicht zufrieden bin? Nicht Himmel noch Erde stehen mir zur Verfügung, wenn die Natur falsch ist. Diese Falschheit ist das Grundgefühl der Wissenschaft von heute.

Flucht in das Es

Als Pate dieser Empörung nehme ich Albert Einstein. Der Ursprung der Verwicklung liegt in seiner Entscheidung, Physiker zu werden. Er blickt um 1950 zurück: „Es zeigt mir das Buch deutlich, vor was ich geflohen bin, als ich mich mit Haut und Haar der Wissenschaft verschrieb: Flucht vom Ich und vom Wir in das Es.“ Später allerdings bemerkt er, wie wenig sein Blick auf die Natur haltbar ist. Am 15. Januar 1927 schreibt er: „Lebendiger Inhalt und Klarheit sind Antipoden, einer räumt das Feld vor dem andern. Das erleben wir gerade jetzt tragisch in der Physik.“ Tragik ist das richtige Wort. Er hatte 1905 die Theorie der Quanten erfolgreich benutzt, ohne zu bemerken, wie sehr ihm diese Theorie das Leben zerstören musste. Die Flucht in das Es ist mit der Quantentheorie nicht mehr möglich. Das Fazit zieht Paul Davies 1995: „Aus Einsteins Gedankenexperiment sind jedenfalls inzwischen eine Reihe wirklicher Experimente geworden, deren Ergebnisse bestätigt haben, wie sehr Bohr eindeutig recht hatte und Einstein bedauerlicherweise Unrecht.“

Es bleibt die Frage: Wogegen soll sich jetzt die Empörung richten? Es bleibt nur der Zorn auf die Natur selbst übrig. Wie sieht so etwas aus? Wenn die Natur die letzte Wirklichkeit ist, muss sie den ganzen Zorn tragen, wobei ich zugleich den Ast absäge, auf dem ich sitze. Eine zweite Natur, die mir gefällt, kann ich mir nicht zulegen.

Das falsche Pferd

Auch der irische Physiker John Bell (1928–1990) hat wohl auf das falsche Pferd gesetzt, indem er an die Objektivitat der Natur glauben wollte. Deshalb hat er das EPR-Paradoxon Einsteins von 1935 praktikabel gemacht. Er hoffte, die klassische Determination wieder herstellen zu können. Die Natur entschied im Experiment gegen ihn. Einer der ersten Physiker, Alain d‘Aspect, der hier Ergebnisse erzielte, sagt: „Wir müssen John Bell danken, denn er hat uns gezeigt, wie eine philosophische Frage über die Wirklichkeit übersetzt werden konnte in ein Problem, zu dem naive experimentelle Physiker etwas beitragen können.“ D‘Aspect nimmt sich selbst und auch John Bell auf den Arm. Der kleine Praktiker im Labor preist den großen Theoretiker Bell für seine Kunst, philosophische Fragen entscheidbar zu machen, wobei allerdings das Gegenteil dessen herauskommt, was der Theoretiker gewünscht hatte.

Zum Schluss noch ein Blick auf einen Philosophen, der sich noch zu Lebzeiten von der Empörung erholt hat. Ich meine Paul Feyerabend, 1924 in Wien geboren und 1994 gestorben. Seine Formel „Anything goes – Alles ist möglich“ hat Schlagzeilen gemacht. In einem Interview, das er 1993 in Rom gegeben hat, blickt Feyerabend auf sein Leben zurück. „Ich war ein rabiater Atheist, aber jetzt im Augenblick – keine Spur.“

Die Trümmer des Weltbildes

In seinem Buch „Naturphilosophie“ zieht er die Konsequenzen. „Wir müssen uns mit den Trümmern des klassischen Weltbildes begnügen (...) In dieser neuen Welt ist der Determinismus nicht mehr voll gültig.“ Mehr als drei Jahrhunderte lang war der Geist der Wissenschaft von der Idee getragen gewesen, er könne sagen, was die Wirklichkeit ist. Einfache Gemüter träumten von der Weltformel. Natürlich hat es sie nie gegeben, aber die Idee war da.

Das letzte Buch von Feyerabend heißt „Zeitverschwendung“. Darin schreibt er, im Rückblick erkenne er, wie wenig ein moralischer Mensch allein durch Vernunft, durch Erziehung, durch den Willen erschaffen werden kann. Es kommt auf Zufälle an, wie etwa elterliche Sorge, stabiles Umfeld, Freundschaften und anderes mehr. Und dann kommt ein wunderbarer Satz: „Wir können die Umstände für den gelungenen Menschen bereitstellen: Das Gelingen selbst schaffen wir nicht.“ Die Wirklichkeit voll zu ergreifen, gelingt uns nicht, die Wirklichkeit behält sich etwas vor, sie ergreift uns von sich aus. Das ist die Erkenntnis Gottes. Hier hat sich ein Philosoph vom Fiebertraum des Atheismus erholt.

Der Autor ist emeritierter Professor für Dogmatik und promovierter Mathematiker.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Habermas
Philosophie

Habermas' letzte Worte Premium Inhalt

Haste Töne? Der sich religiös unmusikalisch wähnende Philosoph Jürgen Habermas hat sich auf bemerkenswerte Weise noch einmal in Sachen Religion zu Wort gemeldet.
26.08.2021, 19  Uhr
Dieter Hattrup
Ein Auge
Berlin

Im Naturalismus gefangen Premium Inhalt

Der amerikanische Philosoph Willard Van Orman Quine warf die Tradition über Bord und begnügte sich mit Sinnesdaten.
06.09.2020, 17  Uhr
Alexander Riebel
Themen & Autoren
Dieter Hattrup Absolutismus Albert Einstein Atheismus Atheisten Gedankenexperimente Gott Hans Blumenberg Johann Wolfgang von Goethe John Bell Ludwig Feuerbach Naturphilosophie Neuzeit (seit 1517) Paul Davies Paul Feyerabend Philosophen Physik Physikerinnen und Physiker Quantentheorie Zorn

Kirche