Philosophie

48 Stunden bis zum Strang

Christian Wolffs Rede „Von der Sittenlehre der Chinesen“ sorgte vor 300 Jahren für einen Skandal, der dem Philosophen der preußischen Frühaufklärung fast den Kopf gekostet hätte.
Christian Freiherr von Wolff
Foto: imago stock&people | Christian Freiherr von Wolff (1679 - 1754), ein deutscher Universalgelehrter, Jurist, Mathematiker und Philosoph der Aufklärung.

Heute gäbe es wohl einen shitstorm. Und zwei, drei Talkshows. Damals – wir sind im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts – folgten mehr als zweihundert Streitschriften. Stein des Anstoßes: eine Rede des Philosophen Christian Wolff anlässlich der satzungsgemäßen Übergabe des Prorektorats der Universität Halle im Juli 1721. Zu Gast waren u.a. die Kollegen Francke, Michaelis und Lange aus der Theologischen Fakultät. Diese störten sich an der These Wolffs, dass Moral unabhängig von jeder theologischen Offenbarung sei und sich allein auf die Vernunft stützen könne.

Ein Star der Frühaufklärung

Der Redner Christian Wolff war einer der Stars der preußischen Frühaufklärung. Am 24. Januar 1679 in Breslau als zweiter Sohn eines protestantischen Gerbers geboren, wuchs Wolff, im Gegensatz zu Leibniz und Thomasius, die Professorensöhne waren, in einer Handwerkerfamilie auf. Sein Vater war gleichwohl sehr bemüht um die Bildung des jungen Christian, ermöglichte ihm eine gute Schulbildung und später das Studium. Wolffs Jugendjahre waren von weltanschaulicher Ambivalenz geprägt: Auf der einen Seite erhielt er von weltoffenen, progressiven Lehrern (Caspar Neumann, Christian Gryphius) Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften und kartesischer Philosophie, auf der anderen Seite wurde er Zeuge des Konfessionsstreits, der sich nicht auflösen ließ, da jede Partei – Katholiken wie Protestanten – für sich in Anspruch nahmen, im Recht zu sein. Wolff verband nun das Handwerkszeug seiner schulischen Ausbildung mit dem wahrgenommenen Konflikt, indem er sich zum Ziel setzte, mit Hilfe der Mathematik die „Wahrheit in der Theologie so deutlich zu zeigen, dass sie keinen Widerspruch leide“.

„Vernünftige Gedanken von...“

Mit 20 Jahren immatrikulierte sich Wolff an der Universität Jena, wo er auf Wunsch seines Vaters Theologie studierte, sich jedoch mehr und mehr mit Mathematik und Naturwissenschaften auseinandersetzte. 1702 ging er nach Leipzig und legte die Magisterprüfung ab, ein Jahr später habilitierte er sich für Mathematik und Naturwissenschaften. In Leipzig lernte Wolff Leibniz‘ Schriften kennen, die ihn nachhaltig beeinflussten, dort brachte er die erste gelehrte Zeitschrift in Deutschland mit heraus (Acta eruditorium Lipsiensium). 1706 folgte er dem Ruf nach Halle, wo er Mathematik und Naturwissenschaften lehrte, ab 1709 auch Philosophie. Nach dem Vorbild Thomasius’ lehrte und schrieb er in Deutsch und begründete dabei eine deutsche philosophische Terminologie, u.a. durch Einführung der Begriffe „Bewusstsein“, „Vorstellung“, „Begriff“ und „Wissenschaft“. Kant erbte von ihm das berühmte „Ding an sich“.

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In Leipzig und Marburg entstanden Wolffs deutsche Schriften, in denen er unter dem gemeinsamen Obertitel „Vernünftige Gedanken von...“ seine Ansichten zu Logik (1712), Metaphysik (1719), Ethik (1720), Gesellschaftstheorie (1721), Physik (1723), Teleologie (1723) und Biologie (1725) publiziert, stets unter der Maßgabe, all diese Phänomene rational erschließen, begrifflich eindeutig erklären und in einem logischen, widerspruchsfreien System philosophischer Deutung im Sinne einer lückenlosen Beweiskette zusammenfassen zu können. Wolffs Ziel ist dabei zum einem, die entstehenden Einzelwissenschaften philosophisch zu begründen, zum anderen die Glückseligkeit und Vollkommenheit des Menschen zu befördern, die seiner Meinung nach wiederum zwingende Konsequenz einer vorurteilsfreien, vernünftigen Aufklärung seien.

Rationalität, nicht Religion

Die These, Moralität sei Ergebnis von Rationalität und nicht von Religion, hatte Wolff bereits in seiner Gesellschaftstheorie (Vernünftige Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen und insonderheit dem gemeinen Wesen, 1721) behandelt und war zu dem Schluss gekommen, dass die Religion allenfalls den moralischen Druck erhöhe, „da die Furcht Gottes, welche durch die Religion bestehet, den Menschen verbindet, das Gute zu thun und das Böse zu lassen, was er wegen seiner Unwissenheit und aus Mangel der Einsicht in die Beschaffenheit der freyen Handlungen nicht thun, noch lassen würde“. Kein Ruhmesblatt für die Christenheit. Dagegen lobt Wolff in seiner Rede den Konfuzianismus, mit dem die „Sineser“ – keinen Gott kennend, fern jeglicher Einflüsse des Christentums und allein „natürlichen Kräften“ unterworfen –, in der Lage waren, handlungsorientierte Normen für ein stabiles Gemeinwesen zu schaffen. „Die Sineser“, so Wolff, „drungen also darauf, daß die Vernunft vor allen Dingen geübt werden möchte, indem einer zu einer deutlichen Erkenntnis des Guten und Bösen gelangen müsse, der sich ohne Furcht vor den Obern und ohne Hoffnung von denselben eine Belohnung zu erhalten, der Tugend widmen wollte“.

Der chinesische Weg

Das Lob für den chinesischen Weg zur „Erkenntnis des Guten und Bösen durch Vernunftsschluß in der Seele“ führte zum Bruch mit den hallischen Theologen, die ihn fortan mobbten. Damals ging das dadurch, dass man nicht nur vehement gegen Wolffs Thesen anpredigte, sondern ihn über ranghohe Militärs (etwa die Generäle von Natzmer und von Loeben) beim König anschwärzte. Steter Tropfen höhlt den Stein: Zwei Jahre später folgte Wolffs Ausweisung aus Preußen – wegen staatsgefährdenden Atheismus’ (obgleich Wolff nur zu dem Gedankenexperiment einlud, wie die Moral qua Vernunft zu motivieren sei, wenn es keinen Gott gäbe). König Friedrich Wilhelm I. gab dem Philosophen „bey Strafe des Stranges“ 48 Stunden Zeit, das Land zu verlassen. Wolff floh nach Marburg und lehrte an der dortigen Universität. In dieser Zeit entstanden dann einige seiner bedeutendsten lateinischen Schriften, die ihm europäischen Ruhm einbrachten, so Psychologia empirica (1732), Psychologia rationalis (1734) und Theologia naturalis (1736-37).

Religion und Moral

Jenseits dieser Science-Crime-Story – was ist davon zu halten? Wie ist das Verhältnis von Religion und Moral zu sehen? Befolgen Christen nur blind die Gebote Gottes? Nein, zumindest nicht, wenn sie sich der katholischen Tradition bewusst sind, die seit Thomas von Aquin die Vernunft in der Moraltheorie zentriert und auch nicht-religiöse Ethikansätze (etwa die aristotelische Eudaimonie) aufnimmt. Es gibt eine vernünftige Ethik, ohne einen religiösen Glauben oder sonst ein weltanschauliches Bekenntnis zur unbedingten Voraussetzung zu machen. Und der christliche Glaube wiederum erschöpft sich auch nicht darin, aus Menschen bessere oder gar „gute“ Menschen machen zu wollen. Dass der Glauben zur Lebensgestaltung nicht „gebraucht“ wird, individuell und sozial, sollte im Christentum klar sein, in dessen Gottesvorstellung es nicht um Nutzen und Hilfe, sondern um Wahrheit und Heil geht.

Dennoch gibt es einen nicht zu unterschätzenden Zusammenhang zwischen Religion und Moral. Das Stichwort ist: Motivation. Kants Kategorischer Imperativ mag mich intellektuell überzeugen, aber dennoch könnte ich dazu neigen, mir selbst Ausnahmen zuzugestehen. Auch Kant sah das bereits und griff zum Strohhalm eines funktionalen Gottes, der als regulative Idee die nötigen Inspirationen und Motive schenkt, die den Menschen nicht nur einsehen lassen, was gut wäre (das leistet die autonome Vernunft – ohne alles, auch ohne Gottesglauben), sondern ihm dabei zu helfen vermögen, zu tun, was gut ist. Dazu braucht es dann doch den Glauben an die Erhabenheit des Sittengesetzes, die uns anrührt, die es uns ehrfürchtig befolgen lässt und hinter dem wir Gott vermuten dürfen. Und der Christ hat dann in Jesus von Nazareth ein konkretes Vorbild für gutes Handeln bzw. es werden ihm dafür von Jesus konkrete Vorbilder gegeben, wie der barmherzige Samariter. Das kann helfen, ungemein.

Verwurzelung im Glauben

Dass eine feste Verwurzelung in einem religiösen Glauben tatsächlich moralisches Handeln befördert, zeigen auch Befunde der empirischen Sozialforschung zur deskriptiven Ethik. Der Religionssoziologe Andreas Püttmann hat überzeugend herausgearbeitet, dass der Glaube des Einzelnen zum Guten führt und dass es eine Gesellschaft ohne Gott zumindest schwerer hat, moralisch gut zu funktionieren. Christian Wolff war anderer Ansicht. Obgleich auch er nicht abstreitet, dass der religiöse, das heißt christliche Glaube wichtig ist, verneint er dessen Unbedingtheit in der Ethik. Er meint damit jedoch nur, der Glaube an Gott sei nicht zwingend nötig, um ein gut handelnder Mensch sein zu können. Katholiken ist das seit der affirmativen Aristoteles-Rezeption und der Naturrechtsethik der Scholastik klar, den Pietisten in Halle war es zu viel. Immerhin: Friedrich II. – der „aufgeklärte Monarch“ – rehabilitierte Christian Wolff 1740 und dieser konnte nach Halle zurückkehren, wo er 1743 Kanzler der Universität wurde. Hier entstand sein achtbändiges Ius naturae (1740–48), hier starb der Aufklärer am 9. April 1754. Und hier wurde 2017 die Christian-Wolff-Gesellschaft gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den „fast vergessenen Philosophen“ in Ehren zu halten.

Kurz gefasst

1721 hält Christian Wolff seine Rede „Von der Sittenlehre der Sineser“ (gemeint sind die Chinesen) und sorgt für einen Skandal: Nicht der Glaube sei für das Gute entscheidend, sondern die Vernunft, so seine These. Vollzieht man deren Folgen historisch nach, kommt schnell die immer noch aktuelle Frage des Verhältnisses von Religion und Rationalität in Bezug auf die Moral in den Blick. Die modifizierte These lautet, dass der Glaube zwar nicht notwendig ist, um ein guter Mensch zu sein, dass eine feste Verwurzelung in einer Religion jedoch tatsächlich moralisches Handeln befördert, weil dadurch Inspirationen und Motive verfügbar werden, die es in dieser Form nur im Hinblick auf Gott gibt.

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