Unterkunft im Wiener Kloster

Gästehaus der Benediktiner im Schottenstift verwöhnt mit Ruhe. Von Gaby Dräger
| Der Frühstücksraum im Schottenstift mit Buffet. Foto: kathbild/Franz Josef Rupprecht
| Der Frühstücksraum im Schottenstift mit Buffet. Foto: kathbild/Franz Josef Rupprecht

Ruhe und Stille in einer hektischen Zeit erfahren, zu sich selbst finden oder einfach nur in einem ganz besonderen Ambiente ein paar Tage ausspannen, das kann man am besten in einem Kloster. In Wien hat man die Möglichkeit, sich beides zu gönnen, die Ruhe eines Klosters und das pulsierende Leben der Stadt mit ihrer Geschichte.

Das Gästehaus des Schottenstifts liegt im Herzens Wiens an der Freyung. Die Haustür ist geöffnet und dann wird es spannend. Was wird einen erwarten? Bei den Benediktinern ist die Gastfreundschaft besonders wichtig, „Alle Gäste, die kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden“, erklärt Michaela Hlousa-Weinmann an der Rezeption die Benediktusregel. Sie organisiert seit mehr als 20 Jahren das Gästehaus, dass vor 30 Jahren für Exerzitien gegründet und aufgrund der großen Nachfrage von Gästen aus kirchlichen Organisationen und Besuchern weltweit erweitert wurde. „Wiener kennen das Gästehaus oft nicht, aber Besucher sogar aus Australien kennen unser Haus“, sagt Hlousa-Weinmann.

Zuerst ist es eine herbe Enttäuschung, dass es keinen Fernseher im Zimmer gibt. Doch je länger man im Benediktushaus ist, desto weniger vermisst man den Berieselungskasten. „Wir haben bewusst keine Fernseher, um die Ruhe beizubehalten“, sagt Hlousa-Weinmann. Die Zimmer sind schlicht und sauber und die kleine Servicestation im Zimmer zum Tee- und Kaffeekochen ist nützlich. Im vierten Stock ist gerade der Teppichboden durch Parkett ersetzt worden, das Mobiliar in schlichtem Holz gehalten. Die dicken Mauern des alten Stifts geben ein Gefühl der Geborgenheit und sorgen für meditative Stille, was die innere Ruhe befördert. Der Straßenlärm und die Hektik der Innenstadt bleiben draußen. Ganz leise, wie von fern, hört man nur das Zwölfuhrläuten, das zum Mittagsgebet in die Stiftskirche ruft. In dem prunkvollen Kirchenschiff ziehen Mönche ein und rezitieren Psalmen im Sprechgesang. Ein Sonnenstrahl findet eine Lücke in den Wolken und taucht das Kircheninnere in goldgelbes Licht. Eine Viertelstunde dauert die Mittagshore und dann ist man wieder bereit für den hohen Geräuschpegel der Wirklichkeit.

Die zentrale Lage des Gästehauses lädt zum Erkunden der Innenstadt ein. Der Stephansdom und die Hofburg sind in ein paar Minuten zu Fuß zu erreichen. Zurück im Stift weiß man die Ruhe noch mehr zu schätzen.

Heinrich II. Jasomirgott war Herzog von Bayern und anschließend Herzog von Österreich. Er war es, der 1155 schottische Mönche, die in Regensburg lebten, nach Wien einlud, um ein Kloster zu gründen. Im 15. Jahrhundert verließen die Schotten Wien und gingen zurück nach Regensburg, da sie finanzielle Probleme hatten und sie einheimische Novizen aufnehmen sollten, dies aber nicht wollten. Kurze Zeit später zogen deutsche Benediktiner in das Kloster ein. Heute leben 20 Mönche im Konvent. Pater Prior ist Laurentius Eschlböck, der auch Lehrer im klostereigenen Schottengymnasium ist. Einige andere Mönche unterrichten ebenfalls, sind in Pfarren tätig oder widmen sich wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität.

Die romanisch-gotische Stiftskirche wurde durch verheerende Brände und durch mehrere Erdbeben schwer beschädigt, um ein Drittel verkleinert und barockisiert. Das zeigen der reiche Stuck an den Gewölben und die Altarbilder von Tobias Pock.

Ein ganz besonderer Ort ist die kleine romanische Kapelle mit ihren freigelegten Kapitellen der romanischen Basilika aus der Entstehungszeit von 1155 bis 1177. Die Marienstatue erfüllt mit ihrem liebevollen Lächeln den Raum. Das Kloster wurde „Unserer Lieben Frau zu den Schotten“ geweiht. Die Statue von 1250 ist die älteste Marienstatue Wiens.

Die gut besuchte Abendmesse beginnt um sechs Uhr mit der Eucharistiefeier und der anschließenden Laudes, in der Psalmen ohne Orgelbegleitung gesungen werden. Zwei Stunden später findet die Komplet in der romanischen Kapelle statt, hier können auch Gäste des Benediktushauses teilnehmen. Die Komplet schließt immer mit einem Marienchoral zu Ehren des Gnadenbildes ab. So fällt der letzte Blick des Tages immer auf Maria. Danach ist der Abend frei für den Besuch der Staatsoper oder des legendären Burgtheaters. Für die weltlichen Genüsse gibt es die typisch wienerische Küche mit Schnitzel, Tafelspitz, Kaiserschmarrn oder man taucht in die Mehlspeisen oder Schokoladen Wiener Confiserien ein. Der Besuch eines Heurigen mit einem Glas „gemischter Satz“ gehört unbedingt zu einem Wienbesuch, zeigt er die fröhlich-lockere Stadt.

Durch die unbeschreibliche Ruhe kann man im Benediktushaus herrlich tief und fest schlafen und auch leicht die Glocken zum Morgengebet überhören. Doch wer den Tag auf besondere Weise beginnen möchte, geht um sechs Uhr zur Vigil und Meditation in die Stiftskirche. Die Mönche singen Psalmen im Sprechgesang, was eine getragene und feierliche Stimmung verbreitet. Frühstück gibt es von sieben bis zehn Uhr. Und es gibt alles, was man für den Start in den Tag braucht, Semmeln, Brot, Müsli, Käse, Wurst und Marmelade, verschiedene Säfte und natürliche Kaffee und Tee. Auf jedem Tisch stehen frische Blumen. Eine Wand im Frühstücksraum ist unverputzt und zeigt die romanische Außenwand der Kapelle.

Unbedingt sollte der Gast den Klosterladen besuchen. Er hat eine Doppelfunktion, er ist Laden und auch gleichzeitig die Klosterpforte für den Konvent. Reges Treiben herrscht im Laden. „Gibt es heute wieder Äpfel?“, fragt ein Käufer. „Die kommen morgen“, antwortet Alfred Kleinhappel, der den Klosterladen mit Clemens Haag betreibt. Sie sind keine Mönche, sie führen ein weltliches Leben, das aber eng mit dem Schottenstift verknüpft ist. Sie verströmen ansteckende Fröhlichkeit.

Der Klosterladen ist ein Schlemmerparadies. Die Produkte verschiedener Klöster werden wegen ihrer Qualität und ihres nachhaltigen Anbaus gerne gekauft. Liköre, vor allem der Magenbitter aus dem Stift Engelszell und der echte Karmelitergeist aus dem Karmeliter Kloster in Wien, den es schon seit 1751 gibt, warten in den Regalen. Es gibt Kekse, Lebkuchen, Schokolade, Marmeladen und Wurstwaren aus St. Lambrecht. Eigener Apfelsaft wird angeboten. Die Weine kommen vorwiegend vom Kloster St. Paul und besonders das Bier der Stiftsbrauerei Schlägl lockt. Außer Lebensmittel gibt es auch Naturkosmetik, Seifen, Grußkarten, Bücher, Kalender, Spielzeug und CDs. Kerzen, Rosenkränze und Kreuze dürfen natürlich nicht fehlen. „Ganz wichtig ist, dass die Einkäufe im Sackerl, in der Papiertüte des Klosterladens, verstaut werden“, sagt Alfred Kleinhappel, „so zeigt der Kunde stolz, dass er im Klosterladen eingekauft hat.“

In das Museum im ersten Stock gelangt man durch den Klosterladen. Das Glanzstück in der umfangreichen Sammlung von Gemälden, Möbeln und liturgischen Gewändern ist der Schottenmeister Flügelaltar. Er zeigt Szenen aus dem Leben Jesu Christi und der Muttergottes. Der Flügelaltar ist von 1480 und wurde wahrscheinlich von einem Wandermaler gemalt, der in der Gemäldetafel „Flucht nach Ägypten“ im Hintergrund die älteste Stadtansicht Wiens mit dem Stephansdom dargestellt hat. Vom Museum sind es ein paar Schritte zur Stiftskirche – das Mittagsgebet wartet.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer