Sylts dänische Schwester

Zwischen Eiderenten und Austern: Wattwandern auf der Insel R?m?. Von Andreas Heimann
Foto: dpa | Wattwandern mit der ganzen Familie.
Foto: dpa | Wattwandern mit der ganzen Familie.

Auf R?m? gibt es deutlich mehr Schafe als Einwohner. Der Himmel ist weit. Und bei Ebbe ist es das reinste Vergnügen, auf einer Wattwanderung über den feuchten Boden zu stapfen. Da gibt es Herzmuscheln und Säbelschnäbler zu sehen und sogar Austern zu finden. Es ist Ebbe, auf dem Wattboden vor der dänischen Insel R?m? glitzert nur hier und da noch Wasser. Zwischen vielen Muscheln liegen ein paar Schlieren Seetang – das ist die Welt von Inger S?nnichsen. Sie führt regelmäßig Touristen ins Wattenmeer an R?m?s Ostküste. Dabei erzählt sie von Pottwalen und Tintenfischen und versteht sich auf das Austernsammeln. Inger hat eine Grabegabel dabei und zeigt damit auf den Boden: „Die Große Sandmuschel hier lebt bis zu zehn Jahre 30 Zentimeter tief im Boden, die Herzmuschel nur einen Zentimeter. Und oft graben die Austernfischer sie aus.“ Austernfischer stehen auf Herzmuscheln.

Seevögel gibt es hier viele: Im ganzen dänischen Wattenmeer werden jedes Jahr 20 Millionen gezählt. Und R?m? ist ein Vogelparadies, mehr als 280 Arten leben hier. Zugvögel kommen in großen Scharen auf die Insel direkt nördlich von Sylt. Die Nachbarinsel ist so nah, dass manche deutschen Touristen über R?m? anreisen – auch weil man auf die dänische Insel über einen Damm mit dem Auto fahren und dann mit der Fähre nach Sylt übersetzen kann.

Der Himmel ist weit, das Wasser hat sich in den Atlantik zurückgezogen. Inger S?nnichsen erzählt, wie die Eiderente mit Miesmuscheln fertig wird: Sie schluckt sie einfach herunter, die Magensäure zersetzt die Muschelschale. Der größte Feind der Miesmuschel aber ist der Seestern: „Er legt sich einfach über sie und saugt sie aus.“ Inger hat ein paar winzige Wattschnecken gesammelt. „Die essen gerne Kieselalgen“, erzählt sie. Pottwale dagegen mögen Tintenfische. „Sie verschlucken sie einfach“, erzählt Inger. Vor R?m? sind Wale üblicherweise nicht zu sehen, aber die Insulaner waren in früheren Jahrhunderten große Walfänger. Um 1770 waren die besten Jahre im Walfang-Geschäft der Insel, die damals 1 900 Einwohner zählte. Heute sind es nur noch 670, dafür gibt es rund 1 100 Schafe.

Eine Reihe von Pottwalen, die sich verschwommen hatten, sind an der westlichen Inselseite Mitte der 1990er Jahre gestrandet. Der größte davon war 15 Meter lang und 40 Tonnen schwer. Sein Skelett wird im Museum in Toftum im Nordosten der Insel gezeigt. Anders als Wale sind Seehunde oft live zu beobachten – die jungen werden vor allem im Juni und Juli geboren. In der Nordsee ganz alltäglich sind Garnelen, im Volksmund Krabben genannt. „Sie werden von den Fischern noch auf dem Schiff gekocht, an holländische Firmen verkauft, nach Marokko gebracht und da gepult“, erklärt Inger.

Auf dem Boden liegen hier und da grüne Streifen: „Das ist Seegras“, erklärt die Wattführerin. „Früher haben wir es für Stuhlkissen oder Matratzen benutzt.“ Seesalat enthält sogar Mineralien und Vitamine. „Man kann ihn kochen oder roh essen, er schmeckt ein bisschen nach Meer, aber auch ein bisschen nach Plastik.“ Die kleinen Spaghettihaufen daneben sind Spuren der Bürstenwürmer, die hier im Boden leben. „Und das hier ist ein Wattwurm, ein ganz kleiner, der geht wohl noch in die erste Klasse“, sagt Inger. „Nehmt ihn ruhig mal in die Hand, der kitzelt so schön!“ Ein Höhepunkt ihrer Wattwanderungen ist die Suche nach Austern.

„Die einheimische Art ist schon seit Mitte der 50er Jahre ausgestorben“, sagt Inger. „Was heute hier lebt, sind japanische Austern.“ Sie sind größer, und ihre Schalen sind stärker gezackt. Lecker sind sie auch, versichert sie. „Man kann sie gut mit etwas Zitrone essen oder in Butter braten.“ Manche sind sogar kleine Schatztruhen: „So ungefähr jede 1 000. enthält eine Perle.“

Themen & Autoren

Kirche