Klingende religiöse Bilder aus alter Zeit

Seit zwei Jahrzehnten gibt es eine Sammlung mechanischer Musikinstrumente von Friedrich Wilhelm Kalina in Lindau. Von Rocco Thiede
Foto: Thiede | Farbenfrohe kleine Kunstwerke sind die religiösen Musik-Bilder in Lindau.
Foto: Thiede | Farbenfrohe kleine Kunstwerke sind die religiösen Musik-Bilder in Lindau.

„Nach Einwurf des Geldstücks spendet der Automat gewünschte Waren unter Musikbegleitung.“ Diesen Hinweis findet der Besucher in der Lindauer Musikhistorischen Sammlung. „Ich kenne diese Automaten noch“, sagt eine ältere Besucherin aus Greifswald, die einige Tage am Bodensee Urlaub macht. „Mein Großvater hat aus ihnen für zehn Reichspfennige immer seine Zigarren gezogen.“ Aber auch für die Kinder spielten die in Bahnhöfen oder Theatergarderoben stehenden Automaten ihre Melodien und spuckten Bonbons oder Schokolade aus. „Das war noch wahrer Genuss“, sagte der grauhaarige Begleiter der Greifswalderin, „Süßes und Musik. Herrlich!“

Seit zwei Jahrzehnten existiert die einzigartige Sammlung von mechanischen Musikinstrumenten im Stadtmuseum Lindau. Laut Museumsbroschüre bietet sie „Kindern und Erwachsenen vergnügliche Unterhaltung und gleichzeitig abwechs- lungs- und lehrreiche Informationen“. Trotz anfänglicher Zurückhaltung wollen die Kinder gar nicht mehr von den Kurbeln lassen, welche mehrfach bedient werden müssen, um die Klänge aus den Musikautomaten, Orchestrien, Walzen, Metallplattenspielern und mechanischen Klavieren zu bekommen. Die neunjährige Lia von der katholischen Schule Bernhardinum in Fürstenwalde darf die Kurbel am Drehplattenspieler bedienen. Von einer Lochplatte ertönt „O, Du lieber Augustin – Volkslied von C. Augustin n. 1402“, wie auf der Platte zu lesen ist. Die anderen Kinder ihrer Reisegruppe stimmen lauthals in dieses alte Volkslied ein.

1990 vermachte Friedrich Wilhelm Kalina dem Stadtmuseum Lindau seine mechanischen Instrumente, die von ihren Anfängen bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts reichen. Der vertriebene Ostpreuße Kalina war ein leidenschaftlicher Sammler der alten mechanischen Instrumente. 1950 kam er nach Lindau, wo er 1992 verstarb. Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwarb Kalina, der mit Metall und Schrott ein kleines Vermögen machte, ein Fotoalbum, das auf mechanische Weise Musik erklingen ließ. Er reinigte und reparierte einige Instrumente selbst. Im Lauf von beinahe 40 Jahren erwarb er fast 70 Instrumente. Seine kleinen Wunderwerke der Mechanik, wie die Flötenuhren, Trompeten, Drehorgeln oder mechanische Flügel, sind technische Schmuckstücke und Kunstwerke zugleich. Wenn die Münzen in die Musikautomaten fallen, tanzen kleine Püppchen, galoppieren Pferde, singen Vögelchen und ganze Orchester mit Glöckchen, Flöten, Triangeln und Trommeln beginnen zu spielen.

Neben winzigen, fast zerbrechlichen Spieldosen gibt es auch ein schwergewichtiges Welte-Mignon-Klavier von 1904 aus dem Bayerischen Königshaus. Zwar ist es momentan nicht spielfähig, „weil es für Gleichstrom konzipiert ist und erst umgebaut werden müsste, aber wenn das elektrisch betriebene Instrument mit mehr als 140 Rollen von Wagner-Opern bis hin zu großen Orchester-Partituren in Fahrt kommt, erfüllt es nahezu jeden Musikwunsch“, erklärt Barbara Reil, die als Volontärin für das Museum arbeitet.

Das größte funktionstüchtige Instrument ist deshalb ein Orchestra-Schrank von Hupfeld mit Trommel, Triangel und Hammerwerk und fast zwei Metern Höhe. „Unsere kleinsten Instrumente sind dagegen die Spieldosen mit zum Teil nicht mehr als 10 Zentimeter Durchmesser“, sagt die Museumsführerin. Eine echte Rarität ist das „Deutsche Waaren-Haus“, ein Polyphon-Musikautomat, „der nach Einwurf eines Geldstückes zu Musikbegleitung wahlweise Zigaretten oder Schokolade spendet. Hierbei handelt es sich um ein echtes Unikat“, weiß Reil.

Der „Schallplattenapparat“ unserer Urgroßeltern war eine gelochte Metallplatte, die 1885 von Lochmans Musikwerke AG in Leipzig erstmals hergestellt wurde.

Ob Märsche, Nationalhymnen, Walzer oder Polkas, klassische Opernarien, Volkslieder oder populäre Schlager – die Tonqualität der Instrumente ist perfekt wie vor über 100 Jahren. Mit der Schellack-Platte verloren die mechanischen Musikinstrumente langsam an Bedeutung. So kann das jüngste Gerät der Kalina-Sammlung sowohl Metallplatten als auch Schellackplatten abspielen.

Eine besondere Gruppe der Lindauer Sammlung bilden die Drehorgeln, die alle aus Berlin stammen. Darunter ist eine Bacigalupo-Drehorgel mit Bambuspfeifen und eine weitere mit Zinnflöten. Unter dem italienischen Namen Bacigalupo wirkte von 1879 bis 1975 eine Familiendynastie von Drehorgelbauern in Berlin, die ihren Stammsitz in der Schönhauser Allee hatte. Damals nutzten diese Straßendrehorgeln besonders Bettler, die über die Hinterhöfe von Berlin zogen, um so ihr Geld zu verdienen.

„Jesus, Maria & Josef – Erleuchtet, rettet, helft uns“ steht auf einem plastischen Bild. Auf einem anderen „Heilige Familie bitt für uns!“ und schon zieht die Museumsführerin die Spieldose auf. Es erklingt „Großer Gott wir loben Dich“ – ein Bild mit Musik zur persönlichen Erbauung. Im Anschluss folgt „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die Besucher stehen vor einer weiteren beachtenswerten Gruppe der Kalina-Sammlung in Lindau, die religiösen Musik-Bilder. Ein weiteres Glasgemälde in Neorenaissance-Formen zeigt die Heiligen Petrus und Paulus. Hinter dem Glas stehen in einer Nische die plastischen Figuren – mehr dem Typus einer Devotionalie ähnelnd in neogotischer Altarform. In den kunstvoll verzierten Ornamentrahmen ist auch eine fest montierte Maria-Königin-Figur zu bewundern. Seitlich kann man mit einem Schlüssel das Bild aufziehen. Noch das „Ave Maria“ im Ohr, verlassen die Kinder dieses Museumskleinod in Lindau.

Info: Der Besuch der mechanischen Musikinstrumente ist nur mit Führung und im Winter ausschließlich mit Anmeldung möglich. Stadtmuseum

Lindau, Marktplatz 6,

Tel. +49-(0) 83 82/94 40 73

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann