Im Herzen der Alpen

Vor 100 Jahren wurde der erste Nationalpark Mitteleuropas gegründet, Rückzugsgebiet für bedrohte Tiere und Wanderfreunde. Er ist bis heute der einzige Nationalpark in der Schweiz. Von Ulrich Willenberg
Foto: Ulrich Willenberg | 80 Kilometer Wanderwege erschließen den Schweizer Nationalpark für Besucher.
Foto: Ulrich Willenberg | 80 Kilometer Wanderwege erschließen den Schweizer Nationalpark für Besucher.

Er ist der erste Nationalpark Mitteleuropas. Vor 100 Jahren wurde das Schutzgebiet im Schweizer Engadin gegründet. Bis heute ein einzigartiges Freiluftlaboratorium für Wissenschaftler und ein beliebtes Ziel von wanderfreudigen Touristen. Im Herzen der Alpen gelegen, beherbergt der Park eine einzigartige Flora und Fauna.

Exkursionsleiter Martin Schmutz zeigt Gästen die Geheimnisse des Nationalparks, der sich bis auf 3 200 Metern Höhe erstreckt. Mit wachem Blick entdeckt er Tiere und Pflanzen, die manchem Besucher sonst verborgen blieben. Ihm entgeht keine noch so weit entfernte Bewegung. Martin zeigt zum Himmel. „Da schaut, dort fliegt ein Steinadler. Er jagt nach Murmeltieren.“ Die meisten entdecken den stolzen Vogel erst bei einem Blick durch sein Fernglas. Die Murmeltiere haben die Gefahr längst erkannt. Mit einem schrillen Pfiff warnen die pummeligen Pelzträger ihre Artgenossen und flitzen in die sicheren Höhlen.

Inzwischen ist auch der vom Aussterben bedrohte Bartgeier hier wieder heimisch, eine von 100 Vogelarten im Parc Naziunal Svizzer. Parkwächter haben seit Anfang der 1990er Jahre 26 Jungvögel angesiedelt. Früher machten Menschen Jagd auf den imposanten Vogel, dessen Spannweite fast drei Meter beträgt. „Die Einheimischen glaubten, dass er sich Lämmer und sogar Kinder holt“, berichtet Martin. Das ist natürlich Unsinn, wie man längst weiß. Auf seinem Speiseplan stehen auch Knochen von verendeten Tieren. „Die kann er bis zu einer Länge von 40 Zentimeter schlucken“, weiß Martin. Und wenn ein Knochen doch zu groß ist, dann lassen sie ihn aus großer Höhe auf Felsen fallen, bis er in schnabelgerechte Stücke zerspringt.

Unrecht getan haben die Menschen lange Zeit auch dem Tannenhäher, der das Logo des Nationalparks ziert. Früher wurden Prämien für jedes getötete Tier gezahlt. „Er galt als schlechter Vogel, weil er die Samen der Arvenbäume frisst“, erklärt Martin. Einheimische fürchteten deshalb, dass sich die Bäume nicht weiter vermehren könnten. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie Forscher erst vor 50 Jahren feststellten. „Der Tannenhäher sorgt für die Verbreitung der Arven“, sagt Martin.

Und das funktioniert so: Um über den Winter zu kommen, sammelt jeder der weiß gepunkteten Vögel unglaubliche 10 000 Samen ein und versteckt sie als Futtervorrat. Bei einem Gedächtniswettbewerb würde der Tannenhäher jeden Menschen schlagen, findet er doch 80 Prozent wieder. Den kleineren Rest vergisst er. Genug, damit sich die Bäume weiter verbreiten. „Den haben die Vögel gepflanzt“, sagt Martin und zeigt auf einen jungen Arvenwald. Die Stämme sind von Flechten überzogen, was für die gute Luftqualität spricht.

Zahlreiche Bäche durchziehen den waldreichen Nationalpark und ergießen sich in den Inn, um nach einer tausende Kilometer langen Reise im Schwarzen Meer aufzugehen. Bis zu 150 000 Besucher kommen jedes Jahr, um den bis heute einzigen Schweizer Nationalpark zu erkunden. Erlaubt ist dies nur auf dem 80 Kilometer langen Wegenetz. Darüber wacht auch Martin, der immer wieder unvernünftige Besucher zurechtweist, die abseits der erlaubten Pfade unterwegs sind. Mit einer Ausnahme: Da es keine Toiletten gibt, darf man sich zur Not auch mal in die Büsche schlagen. Lärm zu machen ist verboten. „Sprechen ist aber erlaubt“, sagt Martin lachend. Doch viel besser ist es, einfach zu schweigen und die Natur still zu genießen. Um das Wild nicht zu stören, müssen Hunde daheim bleiben. Radfahren geht gar nicht. Konditionsstarke Mountainbiker können den Park jedoch außerhalb auf einer sehr anspruchsvollen Strecke umrunden.

Ursprünglich wurde der älteste und am besten geschützte Nationalpark der Alpen zu Forschungszwecken eingerichtet. Wissenschaftler wollten herausfinden, wie sich die Natur ohne Zutun des Menschen entwickelt. Bis heute bleiben Tiere und Pflanzen sich selbst überlassen. Dadurch verfügt der Park über die ältesten botanischen Dauerbeobachtungsflächen weltweit. Nichts darf hier verändert werden. Umgestürzte Bäume bleiben liegen, in deren morschen Holz sich Käfer einnisten. Über 600 Pflanzen, darunter Enzian, Edelweiß und der leuchtend gelbe Rhätische Mohn gedeihen ungestört auf satten Almwiesen oder inmitten von Geröllhalden. Wer die farbenprächtige Alpenflora erleben möchte, sollte im Juni und Juli kommen. In dieser Zeit lassen sich auch die meisten Jungtiere beobachten. Noch immer laufen rund 50 wissenschaftliche Studien in dem Park, unter anderem zum Klimawandel. Auf den haben Schmetterlinge offenbar bereits reagiert, die Biologen auch in höheren Lagen entdeckten. „Das ist ein Hinweis auf die Erderwärmung“, berichtet Martin.

Der Herbst mit seinen bunten Farben und angenehmen Temperaturen ist eine ideale Zeit, um den Park zu besuchen. Mit der Ruhe ist es dann zwar vorbei, wenn die Hirsche in der Brunft um die Wette röhren. Die Gäste in dem Hotel auf dem Ofenpass finden nur schwer Schlaf. Manche wollen das auch gar nicht. Ein Gast saß die halbe Nacht draußen, um dem Spektakel zu lauschen, erzählt Martin. „Das Röhren ist ein Zeichen von Dominanz und bedeutet: Hau ab, hier bin ich. Die Stiere wollen auch den Hirschkühen imponieren, die sich den stärksten Kerl aussuchen.“ Hirsche gab es vor 100 Jahren keine mehr im Nationalpark, heute sind es bis zu 2 000 Exemplare. Besonders gut sind sie im wunderschönen Val Trupchun zu beobachten, das als berühmtestes Hirschtal der Alpen gilt. „Die machen hier Sommerferien“, sagt Martin.

Auch der Alpensteinbock war in der Schweiz ausgerottet, bevor er vor fast 100 Jahren wieder angesiedelt wurde. Heute leben im Nationalpark mehrere hundert Tiere. Martin hält die eindrucksvollen Hörner eines Steinbocks hoch. „Die können bis zu sieben Kilogramm wiegen.“

Ab und zu ziehen auch Bären durch den Nationalpark, die aus dem norditalienischen Trentino einwandern, wo rund 40 Tiere leben. „Sie sind hier willkommen“, sagt Martin. Doch nicht überall in der Schweiz. Südlich des Parks in Puschlav nahe der italienischen Grenze wurde im Februar 2013 Braunbär „M 13“ abgeschossen. Immer wieder hatte er sich in Dörfern herumgetrieben und keine Scheu vor Menschen gezeigt. Zuletzt sorgte der Bär für Schlagzeilen, als er eine 14-Jährige so sehr erschreckte, dass sie mit einem Schock in eine Klinik eingeliefert wurde.

Wenn im Oktober die lärmende Brunft vorbei ist und sich die Lärchen in leuchtendes Gold verwandeln, dann wird es ganz ruhig im Park. Fällt der erste Schnee, dann steigen die Hirsche hinab in die grünen Täler außerhalb des Nationalparks, um zu äsen.

Längst haben es sich die Murmeltiere in ihren mit Heu ausgepolsterten Höhlen gemütlich gemacht. Ganze 200 Tage dauert ihr Winterschlaf. In dieser Zeit setzen die Tiere keine Pfote außerhalb ihres fast zwei Meter tiefen Baus. Damit alles sauber bleibt, haben sie vorher ihren Darm entleert. Dann fasten sie bis zum Frühling und zehren von ihren Fettreserven. „Das ist kein lustiges Leben“, glaubt Martin. Die Temperatur der Murmeltiere sinkt während des Winterschlafs von 38 bis auf etwa fünf Grad ab, das Herz schlägt nur zweimal die Minute.

Im Winter ist der Nationalpark gesperrt. Zugang haben nur die acht Parkwächter sowie Wissenschaftler. Martin arbeitet dann als Skilehrer. Außerhalb des Parks, versteht sich. Touristen können sich das ganze Jahr im Besucherzentrum in Zernez über das Schutzgebiet informieren. Der 2008 fertiggestellte Bau des Bündner Architekten Valerio Olgiati ist umstritten. Der schnörkellose Kubus, der von weitem wie ein modernes Gefängnis wirkt, soll ein „Spannungsfeld zwischen Architektur und Natur“ schaffen. Heidiland war gestern. Manche empfinden den unverputzten Betonklotz als einen Schandfleck, ein Besuch der interaktiven Ausstellung lohnt aber auf jeden Fall. Vor allem Kinder. Besonders spannend ist der simulierte Flug eines Bartgeiers über die Alpen, die Route lässt sich per Mausklick bestimmen. Eine hübsche Idee ist auch die „Geweihdrehorgel“. Die Installation ermöglicht es den Gästen, einem ausgestopften Hirschkopf unterschiedlich entwickelte Geweihe aufzusetzen. Und sie können im begehbaren Murmeltierbau einen Eindruck vom Leben unter Tage gewinnen.

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