Fast wie im Himmel

Eine Reise entlang der Oberschwäbischen Barockstraße. Von Christoph Wendt
Foto: Wendt | Klosterbibliothek Schussenried.
Foto: Wendt | Klosterbibliothek Schussenried.

Es ist ein Samstagabend wie im Bilderbuch. Von der hoch über dem Städtchen gelegenen Basilika klingen die Glocken über das oberschwäbische Land und rufen die Gläubigen zur Vorabendmesse. Als wir die Basilika betreten und im Eingang stehen bleiben, geradezu erschlagen von der Pracht des Barock im Inneren, beginnt Orgelspiel. Könnte es etwa so sein, fragen wir uns in unserer irdischen Naivität, wenn wir in den Himmel kommen?

Die Basilika der Abtei Weingarten ist die größte und prächtigste Barockkirche in einer Landschaft, in der man tatsächlich wie im Himmelreiche unterwegs sein kann. Denn wo anders gäbe es allenthalben pausbäckige Barockengel, die hier an der oberschwäbischen Barockstraße von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten führen.

Kleine Straßen winden sich dabei durch liebliches Hügelland, schwingen sich unvermittelt auf Kuppen hinauf, tauchen dann wieder jäh hinab in Wiesentäler. Mittendrin in dieser ländlichen Idylle ragt weithin über das Land sichtbar ein mächtiger Kirchturm in die Höhe, der Kirchturm von Steinhausen.

Steinhausen, das ist ein Name, der nach Ansicht mancher für die schönste Dorfkirche der Welt steht. Das gilt für die Architektur dieser 1733 durch den genialen Barockbaumeister Dominikus Zimmermann fertig gestellten Kirche, aber noch mehr für das Innere, das den Besucher mit einem einzigartigen Rausch von Formen und Farben gefangen nimmt. Wohin soll man sich wenden, wohin zuerst schauen, wenn man das ovale Kircheninnere betritt? Vielleicht wird der Blick zuerst von Johann Baptist Zimmermanns großartigem Deckenfresko geradezu in die Höhe gelenkt. Es zeigt die vier damals bekannten Erdteile, Australien war ja noch nicht entdeckt. Oder beeindrucken nicht sofort die bunten Blumen, die über die Wände gesponnen scheinen? Oder die kleinen und großen Tiere, die sich auf Kapitellen und in Fensterlaibungen tummeln?

Es ist, als ob alles, was da draußen in der Riedlandschaft, wächst und blüht, kreucht und fleucht vom Meister in dieser Kirche zum Lobe des Schöpfers versammelt worden wäre. Alles scheint darauf abgestimmt zu sein dem Besucher einen Blick ins Himmelreich zu eröffnen. Den Abt des Prämonstratenserklosters Schussenried, der sich seinerzeit von Dominikus Zimmermnann ein „ feines rissl“, also einen Bauplan für die Kirche hatte fertigen lassen und ihn daraufhin mit dem Bau beauftragte, ist die Erschaffung dieses Paradieses allerdings teuer zu stehen gekommen. Weil die veranschlagten Baukosten um ein Mehrfaches überschritten und die Finanzen des Klosters dadurch ruiniert wurden, verlor er sein Amt. Steinhausen ist die berühmteste und wohl auch sehenswerteste Kirche an der Oberschwäbischen Barockstraße. Diese Touristenroute wurde 1966 geschaffen als Gegenstück zur längst weltweit berühmten Romantischen Straße. Sie sollte aufmerksam machen auf eine Landschaft, die zwischen Donau und Bodensee, zwischen Schwarzwald und dem Allgäu heute gerne als das Oberschwäbische Himmelreich bezeichnet wird. Für Kunstfreunde ist es wahrhaft eine Reise durch das Himmelreich, auf dieser Oberschwäbischen Barockstraße unterwegs zu sein. Der große Ansturm auf diese Route, den sich die Initiatoren wohl gewünscht haben mögen, blieb indessen aus. Selbst eine so ins Auge springende Kunstrichtung wie der Barock ist nichts für Massentourismus. Das Oberschwäbische Paradies, diese Landschaft, die ebenso heiter und andererseits wieder verträumt wirkt wie die Kunst des Barock, blieb eine Landschaft für Individualisten.

Wie es sich für eine Straße ins oder durch das Himmelreich gehört, haben die Schöpfer dieser Touristenroute einen pausbäckigen kleinen Engelskopf dazu ausersehen, überall an Kreuzungen, Gabelungen oder anderen wichtigen Punkten dem Reisenden, der unterwegs ist ins Paradies, den rechten Weg, sprich die Oberschwäbische Barockstraße zu zeigen. Ursprünglich war die Route so angelegt, dass sie von Ulm durch das Schwabenland an den Bodensee führte durch eine Landschaft, die regelrecht vollgestopft ist mit barocken Kirchen, Kapellen und Klöstern, Schlössern, Residenzen und Rathäusern. Entlang dieser Route, die inzwischen durch Varianten nach Süden, Westen und Osten ergänzt wird und bis ins österreichische Vorarlberg und zum Schweizer St. Gallen führt, reihen sich die Namen berühmter Barockbauten aneinander wie die sprichwörtlichen Perlen an einer Kette. So lauert der kleine, verschmitzte Putto denn allenthalben den Reisenden auf, weist sie zur doppeltürmigen Münsterkirche von Zwiefalten und zur alten Prämonstratenserabtei Marchtal über der Donau, deren Kirche bei ihrer Fertigstellung um 1700 als schönstes Gotteshaus Schwabens bezeichnet wurde. Nach Bad Schussenried zeigt der goldene Engel auf grünem Grund zum betörend prunkvollen Bibliothekssaal in der ehemaligen Abtei und zum einzigartig kostbar geschnitzten Chorgestühl in der barocken St. Magnuskirche.

Wie Festungen Gottes wirken so manche teils ehemaligen, teils heute noch aktiven Abteien wie etwa Ochsenhausen, einst als Benediktiner-Reichsabtei Mittelpunkt eines kleinen, reichsunmittelbaren geistlichen und zugleich weltlichen Fürstentums. Wer ein wenig weiter fährt, die frühere Reichsabtei Rot an der Rot anzuschauen, muss den gewaltigen Klosterbezirk immer noch durch eins der prächtigen barocken Tore durchfahren. Dann steht er in einem Komplex, der noch ganz die geschlossene Welt der einstigen Abtei mit all ihren Nebengebäuden umfasst. Es sind in Rot nicht nur die prunkvolle Barockkirche mit ihren Ausmalungen und dem Chorgestühl, hier bestechen auch die geschickt und aufwändig restaurierten Ökonomiegebäude.

Die vielen Schlösser in dieser Landschaft sprechen ebenso eine beredte Sprache wie die einstigen fürstlichen Klosterresidenzen. Sie erzählen von der Zeit, da dieses Land wie kein anderer Teil Deutschlands in geradezu unzählige geistliche und weltliche Territorien aufgesplittet war. Und als es nach den furchtbaren Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges an den Wiederaufbau ging, bedienten sich die Fürsten und Fürstäbte des neuen von Italien heraufgekommenen Barockstils. So kam Oberschwaben zu seiner einmaligen Fülle an Barockschätzen.

Zahlreich sind die vielen oft von ihrer Lage und Ausstattung überwältigenden Schlösser Oberschwabens, die zum Teil noch von ihren fürstlichen Besitzern bewohnt werden, trotzdem aber meist besichtigt werden können. Wolfsegg und Tettnang gehören dazu, ebenso wie das Neue Schloss in Kisslegg, Schloss Waldburg in beherrschender Lage über dem Land, Heiligenberg nahe dem Bodensee oder das heute als internationales Nobelinternat berühmte ehemalige Klosterschloss Salem. In einem letzten gewaltigen Akkord klingt die Barockseligkeit am Bodensee aus in der Klosterkirche Birnau. Hebt schon die faszinierende Lage dieser Kirche inmitten der Weinberge über dem Bodensee Birnau heraus, so gilt das erst recht für seine reichhaltige Ausmalung. Dabei hat eine kleine Engelsgestalt Birnau weltberühmt gemacht, der Honigschlecker, ein aus dem Bienenkorb naschender Putto. Er wurde geradezu zum Wahrzeichen der Barockstraße, des Oberschwäbischen Himmelreiches.

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