Auf langem Weg zu König Olav

Über knapp 500 Kilometer zwischen Hamar und Trondheim können Pilger zur Grabstätte eines der populärsten Heiligen Norwegens wandern. Von Christoph Wendt
Foto: Christoph Wendt | Am Ziel der beschwerlichen Wanderung: Das Westwerk der Kathedrale in Trondheim, in der der heilige König Olav begraben liegt.
Foto: Christoph Wendt | Am Ziel der beschwerlichen Wanderung: Das Westwerk der Kathedrale in Trondheim, in der der heilige König Olav begraben liegt.

Manchmal ist der Weg kein Weg mehr, sondern nur noch ein Pfad, der steil und steinig bergan führt. Kilometer weit. Der Weg zum Himmel ist steil und mühsam. Der Weg zur einer Art Zwischenstation nicht minder: etwa zum Grab eines der prominentesten und populärsten Heiligen des Mittelalters, des heiligen Königs Olav von Norwegen im Dom zu Trondheim. Der Weg, der manchmal eben kein Weg, sondern nur mehr ein Pfad ist, wurde nach König Olav benannt.

In Norwegen, einem Land, dessen Bevölkerung zu fast neunzig Prozent protestantisch ist, zum Grab eines mittelalterlichen Heiligen pilgern? Das passt großartig, denn allen Änderungen im religiösen Leben dieses Landes als Folge der Reformation zum Trotz wird Sankt Olav, der im elften Jahrhundert in Norwegen nicht nur das Christentum eingeführt hat, sondern auch die bis dahin vielen einzelnen kleinen Herrschaften zu einem einheitlichen Königreich zusammenzwang, im heutigen Norwegen als Nationalheiliger verehrt.

Es ist kein Zufall, dass der Olavsweg, der 1997 vom norwegischen Kronprinzen Haakon eingeweiht wurde, in Hamar beginnt. Hier am Südostende der Mj?sa, Norwegens größtem Binnensee, erinnert die heute unter einem Glaszelt geschützte Ruine des einst mächtigen Domes daran, dass Hamar im Mittelalter wie Trondheim am Ende des Pilgerweges ein wichtiges geistliches Zentrum des Landes war. 488 Kilometer, von hier bis zum Nidarosdom in Trondheim, heißt es auf dem Kilometerstein am Startpunkt der Pilgerfahrt in Hamar. 488 Kilometer, sind die in 20 Tagen zu schaffen? Theoretisch schon, doch dann qualmen einem nicht erst am Ende der Pilgerfahrt die Füße und man hat einen derart schmerzenden Rücken, dass man nur noch waagrecht gehen kann: „Pilegrimsleden“. Der Pilgerweg ist schließlich kein bequemer, gut angelegter Wanderweg. Trotz guter Markierung mit dem Olavskreuz muss man den Weg, den Pfad oder die im Moor ausgelegten Bohlen bisweilen suchen. Da bleibt dann nur noch Zeit für Stoßgebete.

Wer es eilig hat, kann streckenweise den Bus nehmen und den ein oder anderen Abschnitt des Weges überschlagen. Doch Vorsicht: Es gibt auf diesem Weg zum heiligen Olav keine Etappe, die getrost weglassen werden könnte. Denn dieser fast 500 Kilometer lange Weg ist geradezu gespickt mit Sehenswürdigkeiten landschaftlicher, historischer, kultureller oder auch technischer Art. Nur ein ganz kurzes Stück geht es von Hamar aus am See entlang und dann steil in den Wald hinauf: Das entpuppt sich alsbald als Warnung, das Pilgervorhaben nicht zu leicht zu nehmen. Doch kaum aus dem Wald herausgekommen, fällt der Blick bald auf eine einsame alte Kirche, bald auf einen alten Hof – behäbig ausgebreitet mit seinen dazugehörenden Gebäuden, alles aus Holz gebaut und bunt gestrichen. Dann wieder geht es an einem Komplex von Blockhäusern vorbei, auf deren rasengedeckten Dächern Ziegen weiden. Weit kann man von hier oben über die Landschaft schauen, Hedmark heißt sie, und sie macht einen freundlichen, fruchtbaren Eindruck.

Lillehammer, die Stadt der Olympischen Winterspiele 1994 und Hauptstadt des bis in die eisige Hochgebirgswelt Jotunheimens reichenden Regierungsbezirks Opland ist für den Olavsweg eine Zäsur. Von hier aus führt er ins Gudbransdal hinein, das geschichtsträchtige Tal uralter Bauernkultur und mehrerer Stätten, die untrennbar mit der Vita, der Lebensgeschichte des heiligen Olav und seiner Verehrung verbunden sind. Das sind nicht immer Stätten frommer Erinnerung. Olav war kein Heiliger, der dank einer besonderen Spiritualität zur Ehre der Altäre erhoben wurde, wie man das auf Kirchendeutsch nennt. Er war ein König, ein Krieger, der das Evangelium auch durch den Einsatz des Schwertes verkündete. Nicht von ungefähr ist er im großartigen Bildprogramm im Westwerk der Nidaroskathedrale in Trondheim mit der Streitaxt in der Hand dargestellt.

Ein Höhepunkt in diesem Tal ist die um 1200 erbaute Ringebu Stabkirche. Im Inneren ist sie farbenprächtig ausgemalt, und sie ist die einzige der noch erhaltenen Wikingerkirchen des Landes, in der noch regelmäßig sonntags der Gemeindegottesdienst zelebriert wird. Weiter nördlich erreicht der Pilgerweg den für die Pilger zentralen Ort des Gudbrandsdales, das Pilgerzentrum Dale Gudbrands Gaard. Hier soll der Überlieferung nach die für Olavs Bemühungen um die Christianisierung und die Einigung des Landes entscheidende Begegnung stattgefunden haben: das Treffen zwischen dem König und dem einflussreichen lokalen Häuptling Dale Gudbrand.

Nahe dabei kann man auch im Sygard Grytting Hof einkehren. Dieser uralte Hof, ein Juwel der Gudbrandsdaler Bauernkultur mit seiner kostbaren historischen Einrichtung liegt nicht nur am Weg der Olavspilger, sondern auch am Königsweg und war Einkehr- und Übernachtungsstätte für die norwegischen Könige im Mittelalter, wenn sie unterwegs waren zum Nidarosdom in Trondheim, wo sie am Grabe des heiligen Olav gekrönt wurden. Zwei Tagesetappen weiter bietet das J?rundgaard Middelaldersenter eine günstige, stilvolle Pilgerherberge. Dieser Hof ist der Nachbau eines mittelalterlichen Hofes des 12. Jahrhunderts, als Kulisse erbaut für die Verfilmung des mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Romans „Kristin Lavranstochter“ von Sigrid Unset unter der Regie von Liv Ullmann, die auch die Rolle der Titelheldin spielt. Zentrale Kapitel dieses Romans sind die als Buße unternommene Pilgerfahrt der Kristin zum Grab des heiligen Olav zu einer Zeit, lange bevor die große Pilgerbewegung späterer Jahrhunderte nach Nidaros, dem heutigen Trondheim sich entwickelte.

Gewiss wird der ein oder andere auch heute noch auf dem Olavsweg gen Trondheim ziehen der Buße wegen. Am Abend kann man etwa in der Unterkunft mit einer kleinen Gruppe ins Gespräch kommen und erfahren, dass da Strafgefangene mit einem Pfarrer unterwegs sind. Nicht um Buße zu tun für einen Autodiebstahl oder eine Betrügerei, sondern um sich Haftverkürzung zu verdienen. So etwas gibt’s wohl nur in Norwegen.

Der Olavsweg ist nicht die Pilgerrennbahn Jakobsweg

Dovre, am Ende des Gudbrandsdales, sollten die Pilger zum Einkauf von Lebensmitteln nutzen. Denn nun steht die größte Herausforderung des Pilgerweges bevor: der Aufstieg auf das Dovrefjell und die Überquerung des wilden, einsamen Hochgebirgsplateaus. Dafür muss man mit fünf bis sechs Tagen rechnen. Es gibt hier auf mehr als 100 Kilometern zwar zum Teil stilvolle, ja luxuriöse Übernachtungsmöglichkeiten wie die Kongsvold Fjellstue, aber nicht überall Verpflegung und keinerlei Einkaufsmöglichkeit.

Das Dovrefjell, das mit der 2 286 Meter hohen Sn?hetta seinen höchsten Gipfel erreicht, ist mit seiner für mitteleuropäische Verhältnisse unvorstellbaren Weite und Einsamkeit für manchen Pilger eine Offenbarung: Der Olavsweg ist nicht die Pilgerrennbahn wie der Jakobsweg. Als Pilger ist man hier oft stundenlang allein oder in seiner kleinen Gruppe. Und angesichts einer Fernsicht bei klarem Wetter auf vergletscherte Bergketten nach drei Seiten zwingt er immer wieder dazu, anzuhalten, sich auf dem nächsten Felsbrocken niederzulassen und andächtig schweigend zu staunen. Aber nicht immer eignet sich das Wetter dort oben zum Innehalten. An manchen Tagen käme durch das Wetter für Olavspilger im Dovrefjell die Stunde der Wahrheit, erzählt Hans Jakob Dahl, der Pilgerpastor des Dovre-Pilgerzentrums in Hjerkinn. Der Rucksack, zusätzlich voll mit Lebensmitteln, drücke auf Rücken und Schultern, die Einsamkeit einer für Mitteleuropäer unvorstellbaren, mitunter, wenn die Nebelschwaden über die Moore wabern und der Bach, der neben dem Weg gluckst, kaum noch zu sehen ist, geradezu lebensfeindlich wirkenden Naturlandschaft, aufs Gemüt. Wenn dann plötzlich aus dem Nebel, oder aus den Regenwänden, die den Pilger umgeben, in einiger Entfernung die Schlange der rostroten eleganten Wagen der Dovrebahn, des Intercityzuges von Oslo nach Trondheim wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt auftaucht und vorbeigleitet, mag so mancher diese Erscheinung als die Versuchung durch den Bösen empfinden und über den Sinn der selbst auferlegten Kasteiung zu sinnieren beginnen. In solchen Stunden fragt der frustrierte Pilger dann wohl, wo denn die gleißende Gletscherwelt der Sn?hetta sei, die so oft gerühmte, oder selbst die für Norwegen mit seiner verschwenderischen Natur so besonders üppige Blumenwelt des Dovrefjells. Von den Moschusochsen, jenen einst aus Grönland hierher verpflanzten zottigen Wildrindern ganz zu schweigen.

Solchermaßen entmutigten Pilgern, die ihn nach dem Fahrplan der Intercityzüge fragten, rate er dann, einen Ruhetag einzulegen, erzählt der Pilgerpastor. Und der ein oder andere, der am Abend zum Aufgeben entschlossen sei, wandere am nächsten Tag zur nahe gelegenen Eysteinkirche, die 1969 eigens für die Pilger gebaut worden sei, und wo man einen Pilgerstempel bekommen könne. Ordnung muss schließlich sein, auch beim Pilgern. Und nur wer die nötigen Stempel vorweisen kann, bekommt in Trondheim die begehrte Pilgerurkunde.

Informationen: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 040/2294150, www.visitnorway.no und www.olavswege.de

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