Ehe und Familie

Mann und Frau fühlen sich „selbstbestimmt“

Ein ZDF-Zweiteiler stellt unterschiedliche Lebens- und Elternschaftsentwürfe einfach nebeneinander – ohne der jeweils zugrunde liegenden „Idee“ analytisch auf den Grund zu gehen. Auch die Folgen für schutzbedürftige Abhängige, für die Kinder, die solchen „selbstbestimmten Lebensmodellen“ entstammen, scheinen nicht wert, einen Gedanken daran zu verschwenden.

Vater und Tochter
Steffen Schulz träumte davon, Millionär werden – heute ist er als alleinerziehender Papa arbeitslos und glücklich. Foto: ZDF/Felix Korfmann

Der technische Fortschritt, der seit einigen Jahrzehnten in so gut wie allen Arbeitsbereichen – Stichwort Digitalisierung und „Homeoffice“ – Einzug gehalten hat, verändert die Beziehungen zwischen Arbeit und Familie. Aber auch Denkströmungen wie Feminismus, Gendermainstreaming und „neue Männlichkeit“ haben den gesellschaftlichen Wandel im Beziehungsgeflecht Arbeit, Familie und Partnerschaft verschärft.

Dem „Wandel der traditionellen Rollenbilder“ geht nun eine zweiteilige ZDF-Dokumentation nach: Welche Rolle spielen das Frausein und das Mannsein noch? In einer Senderankündigung heißt es: Die Interviews „geben einen sehr persönlichen und oft überraschenden Einblick in die geschlechtsspezifischen Lebensrealitäten von Männern und Frauen in Deutschland. Familie, Kinder, Karriere, Liebe oder Sex – über diesen Themen schwebt immer auch die Frage: Wie selbstbestimmt kann Mann oder Frau heute leben?

Verunsicherte Männer

Der Sendung nach zu urteilen kann es auf die Frage nur eine Antwort geben: uneingeschränkt selbstbestimmt. Die 35- beziehungsweise 33-minütigen Beiträge unterstreichen, dass es früher ausschließlich einen Lebensentwurf mit traditionellen Rollen gegeben habe, heute aber Vielfalt möglich sei. Im Supermarkt der Familien- und Lebensentwürfe kann sich jeder nach eigenem Gusto selbst bedienen, von der Familie, in der sich beide Eltern den Haushalt und die Betreuung des Kindes zu gleichen Hälften teilen, über ein Lesben-Paar – das erstaunlicherweise eine sehr „traditionelle“ Sicht auf die „Familie“ hat: Eine der Frauen arbeitet als Soldatin außer Haus, die andere kümmert sich um den Haushalt und das Kind – bis hin zur „Regenbogenfamilie“, in der ein schwuler Mann und eine Freundin ein Kind gezeugt haben, und nun getrennt, aber in nebeneinanderliegenden Wohnungen leben. Denn es sei wichtig, dass das Kind „jeden Tag Papa und Mama“ sehe.

Auch in Fragen Mutterschaft kommen sehr unterschiedliche Meinungen zur Sprache: Von der jungen Frau, die sich die Gebärmutter hat entfernen lassen, bis zur 69-jährigen Evelyn Globig-Meyer: „Die Geburt ist ein Erlebnis, das sich kein Mann vorstellen kann.“ Einem stärkeren Bewusstsein bei den Frauen steht eine gewisse Verunsicherung bei der Frage gegenüber, was einen Mann ausmache. Der Einfluss bestimmter Ideologien wird aber deutlich, wenn ein junger Mann äußert: „Es würde das Bewusstsein von dem einen oder andern ändern, wenn alle Männer immer korrekt gendern müssten, damit sie sich bewusst machen, dass es in der Welt auch Frauen gibt.“ Auf die Kirche kommt der Zweiteiler ein einziges Mal zu sprechen. Evelyn Globig-Meyer, die sich als gläubige und engagierte Katholikin bezeichnet, findet, es könne „nicht weitergehen“, dass in der Kirche „immer noch Männer den Frauen ihren Platz zuweisen“.

Alles ist gleich gültig

Die ZDF-Dokumentation stellt all diese Lebensentwürfe nebeneinander gleichberechtigt und gleich gültig. Denn in dem Zweiteiler geht es ausschließlich um Ansichten und Gefühle. Eine weiterreichende Analyse bleibt genauso aus, wie irgendwelche Hinweise, um unterschiedliche Lebensentwürfe zu beurteilen.

Dennoch: Einflüsse von außen spielen ebenfalls eine Rolle. So äußert ein junger Mann: „Männlichkeit ist nicht gerade gesellschaftlich akzeptiert dadurch, dass die Bewegung dahin geht, dass man versucht, alle Menschen gleich zu machen.“ Sind also Männer (und auch Frauen) doch nicht so ganz selbstbestimmt, wie die Dokumentation vorgibt?


Doku-Zweiteiler „Traditionelle Rollenbilder im Wandel“: 1. „Frau Sein“, Regie: Denise Jacobs, 35 Min. 2. „Mann sein“, Regie: Philipp Katzer, 33. Min. Deutschland 2020 in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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