Missbrauch

Frust: Wenn Recherche nicht das erwartete Ergebnis bringt

Dennis Leiffels recherchierte für die ARD zu einem Fall von Missbrauch im Bistum Speyer. In einer Gerichtsverhandlung waren spektakuläre Anschuldigungen gegen die Kirche erhoben worden. Die sollten durch die Recherche belegt werden. Frustriert stellt Leiffels nach vier Monaten fest, dass er keinerlei Belege für die phantastischen Gerüchte gibt.

Rabiat: In Gottes Namen
Die Vorwürfe eines Einzelnen sind spektakulär, Beweise, weitere Zeugen oder auch nur Anhaltspunkte gibt es keine: Betätigten sich Nonnen in Speyer als Zuhälterinnen? Foto: Radio Bremen/P. Dosanjh

Die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche beschäftigen weiterhin die Medien. Zuletzt geriet das Bistum Speyer ins Visier der ARD-Sendung „Rabiat“: Am 10. Mai strahlte sie den Beitrag „In Gottes Namen“ von „Rabiat“-Reporter Dennis Leiffels unter Mitarbeit von Stephan Alfter vom „Mannheimer Morgen“ aus. Nach eigenen Angaben recherchierte Dennis Leiffels vier Monate lang für die Reportage.

Kern des „Rabiat“-Beitrags sind die Anschuldigungen, die der 63-jährige „Herr O.“ gegen das Bistum Speyer und das katholische Kinderheim in der Engelsgasse erhebt, wo Herr O. im Alter von 5 Jahren im März 1963 aufgenommen wurde. Das Kinderheim, so der Pressesprecher des Bistums Markus Herr gegenüber der „Tagespost“, befand sich „in Trägerschaft der Dompfarrei und wurde von den Niederbronner Schwestern geführt.“

Die Jahre im Kinderheim seien eine Zeit des ständigen Missbrauchs gewesen, so Herr O. Er gehe von 1000 Missbrauchsfällen aus. Haupttäter sei Prälat Dr. Rudolf Motzenbäcker gewesen. Motzenbäcker war von 1959 bis 1968 Generalvikar und von 1969 bis 1995 Offizial des Bistums Speyer; er starb 1998.

Versorgung nach Opfer-Entschädigungsgesetz

Im Mai 2020 entschied das von Herrn O. angerufene Sozialgericht Darmstadt in einem rechtskräftigen Urteil, dass die „Gesundheitsstörung posttraumatische Belastungsstörung“ eine „Beschädigtenversorgung nach dem Opferentschädigungsgesetz“ begründe. Auf der Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens halte das Gericht „das Vorbringen“ des Herrn O. „zu den selbst erlebten Misshandlungen, sexuellen Übergriffen und seelischen Leiden“ für glaubhaft.

Für die Glaubhaftigkeit des Herrn O. tritt ebenfalls Brigitte Bosse vom Trauma Institut Mainz ein, die in der ARD-Reportage interviewt wird. Sie, die zu der siebenköpfigen „Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen“ gehört, erläutert im Gespräch mit der „Tagespost“, dass sie keine grundsätzlichen Zweifel an der Glaubhaftigkeit des „Herrn O.“ habe, obwohl „Erinnerungen trügen können.“ Im Laufe ihrer Arbeit habe sie schließlich vieles gehört, „was unfassbar scheint“.

Denn die Trauma-Therapeutin behandelt Menschen, die unter schlimmen Symptomen leiden, die vermutlich durch eben diese Gewalterlebnisse ausgelöst wurden. „Dabei geht es mir tatsächlich nicht vorrangig um die Suche nach d e r Wahrheit“, sagt sie, „sondern darum, das Leiden der Betroffenen zu verringern. Ich behandle ja keine Tatsachen, sondern Patienten, die u.a. unter Traumafolgestörungen leiden.“ Aus ihrer langjährigen Erfahrung benennt Brigitte Bosse auch die Schwere von sexualisierter Gewalt gerade in der Kirche: „Das Vertrauen in Gott und Kirche wird irreparabel beschädigt. Jemand die Möglichkeit zu nehmen, ein Gottvertrauen aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, das finde ich wirklich Sünde.“

Es gibt keine Hinweise auf „Sexpartys“

Damit spricht Brigitte Bosse auch etwas an, was bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs stets gegenwärtig sein sollte: Was der Kirche wirklich schadet, ist nicht die Aufdeckung von Verbrechen, die ihrer Reputation abträglich sein könnte, sondern die tatsächlichen abscheulichen Taten, die von Menschen begangen werden, die eigentlich Vorbild sein sollten. Im Falle des ehemaligen Generalvikars scheinen die Indizien erdrückend zu sein: „Es gibt insgesamt vier Betroffene, die Prälat Motzenbäcker unabhängig voneinander belasten“, bestätigt Markus Herr.

Das Urteil des Sozialgerichts Darmstadt gibt allerdings darüber hinaus die Aussagen von Herrn O. wieder, laut denen der ehemalige Generalvikar „auch andere Personen (Freunde und Politiker) zu sog. ,Sexpartys? eingeladen habe.“ Die Schwestern hätten an den Kindesmissbräuchen verdient. Von einem „Zuhälterring“ ist die Rede. Die Anschuldigungen gipfeln in der Aussage, Herr O. habe eine 12-Jährige, die schwanger geworden sei, eines Morgens erhängt aufgefunden. „Er glaube jedoch nicht an Selbstmord“ – so zitiert das Urteil Herrn. O –. „Es habe keine Aufstiegshilfe gegeben. Er vermutet, dass das Mädchen zu viel gewusst habe.“ Auf die diesbezügliche Anfrage der „Tagespost“ antwortet Markus Herr kurz und bündig: „Dem Bistum liegen keine weiteren Hinweise auf ,Sexpartys? oder einen ,Zuhälterring? vor.“

„Gerüchte über Gerüchte.
Jeder kennt eine Geschichte, aber keiner die Fakten“

Schwester Barbara Geißinger, die heutige Oberin der Niederbronner Schwestern, äußert sich ausführlicher gegenüber dieser Zeitung: Von Herrn O. habe sie erstmals 2011 gehört, als er sich an das Bistum gewandt habe. Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums habe damals ihn und zwei Schwestern angehört und mit dem Beauftragten der Kongregation zusammengearbeitet. „Viele Schilderungen im Text des Urteils haben wir in der darin beschriebenen Form allerdings zum ersten Mal zur Kenntnis erhalten. So zum Beispiel, dass beim Suizid des Mädchens nun – abweichend von früheren Schilderungen – keine Aufstiegshilfe mehr vorhanden war.“

Zu den Ausführungen des Urteils sagt Schwester Barbara: „Wir haben keinen Anlass, die Bewertung der Glaubwürdigkeit des Betroffenen durch das Gericht in Frage zu stellen. Ebenso gehen wir fest davon aus, dass der Betroffene schwerwiegende Missbrauchserfahrungen gemacht hat. Einige von ihm im Gerichtsverfahren vorgetragenen Details sind für uns allerdings nicht nachvollziehbar, weil uns dazu keine Belege vorliegen und diese weder durch eine Befragung von Schwestern noch durch die Staatsanwaltschaft bestätigt werden konnten.“ Dies betreffe die angeblichen „Sexpartys“ und auch das „Auffinden eines ermordeten Heimkindes“.

Das Gericht hatte den Wahrheitsgehalt nicht zu prüfen

Denn Aufgabe des Sozialgerichts sei es gewesen, „zu prüfen, ob Herrn O. für die Geltendmachung seiner Ansprüche eine hinreichende Glaubwürdigkeit zugesprochen werden kann. Das hat das Gericht bejaht. Die Ausführungen im Urteil, insbesondere in der von den Parteien übernommenen Tatbestandsschilderung, können nicht so gewertet werden, dass das Gericht damit zugleich jedes einzelne Detail als bestätigt angesehen hat.“ Dies sei im Gegensatz zu einem Strafprozess „nicht Zweck und Aufgabe des Sozialgerichtsverfahrens.“

 

Damit stimmt Dennis Leiffels überein: „Was genau passiert ist, wurde vom Sozialgericht nicht verhandelt.“ Deshalb setzte sich der Autor teilweise mit tatkräftiger Unterstützung durch Stephan Alfter für seine Reportage zum Ziel, Beweise für die Behauptungen von Herrn O. zu finden – der ja selbst keine Namen nennt, sondern vage von „Geschäftsleuten und Politikern“ spricht.

Beweise fand Leiffels keine

Der „Rabiat“-Beitrag hinterlässt zunächst einmal den Eindruck, er sei auf einen Riesenskandal gestoßen – wozu die Kommentare des Autors erheblich beitragen: „Die Vorwürfe im Bistum Speyer sind gewaltig“, oder auch: „Wer kann dieser Kirche noch vertrauen? Ich nicht. Die Kirche zerstört sich selbst“, oder auch: „Die Kirche kämpft ums nackte Überleben“.

Rabiat: In Gottes Namen
Journalist Leiffels bei seinen Recherchen. Foto: Radio Bremen / Dennis Leiffels

Beim näheren Hinsehen setzt sich aber die Einsicht durch, dass der Beitrag im Gegensatz zu solchen Aussagen ein anderes Ergebnis liefert, und sich Leiffels gerade deshalb „frustriert“ zeigt. Denn nach viermonatiger intensiver Recherche bleibt als Fazit: „Gerüchte über Gerüchte. Jeder kennt eine Geschichte, aber keiner die Fakten“. Beweise für die Existenz von „Sexpartys“ oder eines „Zuhälterrings“ fand er keine. So bleibt am Ende der Rabiat-Reportage „In Gottes Namen“ die nüchterne Erkenntnis, dass nach so viel Jahren die Suche nach der Wahrheit kaum möglich ist. Eine endgültige Aufklärung ist zwar eher unwahrscheinlich, aber sowohl das Bistum Speyer als auch die Niederbronner Schwestern betonen, dass sie weiterhin alles tun werden, um aufzuklären und aufzuarbeiten.

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