Bonn

Der dicke Hund: „(Nicht) Alle sind Spinner!“

Die Beiträge öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten zur Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin, erreichen die Standards des journalistischen Handwerks nicht und verstoßen darüber hinaus gegen den journalistischen Kodex.

Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Berlin
In Berlin waren Zehntausende unterwegs, um der Regierung ihren Unmut über deren pandemiebedingten Eingriffe in die Rechte der Bürger mitzuteilen. Manchen Journalisten scheint das zuviel der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit gewesen zu sein. Foto: dpa

Zum kleinen ABC des Journalisten gehört Verantwortung. Sie zeigt sich unter anderem darin, dass er sich um Fairness und eine möglichst saubere Information bemüht, wozu auch der Respekt vor denen zählt, denen er mit seiner Informationsvermittlung ein eigenes Urteil ermöglichen soll. Die Dienstleistung beinhaltet selbstverständlich auch, zwischen möglichst objektiver Berichterstattung und möglichst subjektiver Kommentierung unterscheiden zu können. Es gilt: Kommentare haben sich an den Fakten zu orientieren und sollten keine „fakenews“ transportieren.

Ob dieser Grundsatz souveräner Medienmacher bei den Öffentlich-Rechtlichen noch gilt? Man darf doch sehr zweifeln. Seit es deren Lobbyisten gelang, auf dem Höhepunkt der Corona-Krise eine Gebührenerhöhung aus den ohnehin gebeutelten Taschen aller durchzuwinken, scheinen Verantwortungsbewusstsein und Selbstkritik noch mehr durch ideologische Selbstgerechtigkeit und Vorurteilsliebe ersetzt. Vertreter von ARD und ZDF treten offenbar zum Wettlauf um Schamlosigkeit an.

Ob gegen Rassismus oder Corona-Regeln - Demonstrationen gehören zur demokratischen Meinungsäußerung. Journalisten mögen eine Demo mehr oder weniger gut finden. Doch Hass und Hetze gehören eben nicht zu den Pflichten eines Journalisten! Vorverurteilungen und miese Stimmungsmache ebenso nicht.

Die große Demo in Berlin gegen Corona-Maßnahmen, bei der wieder einmal sehr viele Demokraten aus ganz Deutschland ihre Meinung kundtaten, scheint so manchen Medienverantwortlichen zu überfordern. Vorher und nachher. Und die Tatsache, dass einige Radikale sich unters Demo-Volk mischten, scheint manchem gar sehr passend zu sein. Vielleicht auch Oliver Jarasch vom RBB - dessen Frau als Landesvorsitzende der Grünen in Berlin sicher keinen Einfluss nahm. Im Voraus wusste er in einem Kommentar der Tagesthemen: „Nicht alle sind Spinner.“ Wie beruhigend, möchte man sagen, aber es klingt auch mit: wohl aber die meisten. Und er „wusste“ schon am Vorabend: „Auf jeden Fall aber werden Rechtsradikale und Antisemiten unter den Demonstranten sein.“ Später rührt er dann die objektive Soße zusammen und spricht nur noch so, als seien alle Teilnehmer letztlich Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten. Ja, selbst eine unglaubliche Assoziation scheint der „objektive“ „Journalist“ zulassen zu wollen, indem er, der von Antisemiten redet, Coronaleugner als Wirrköpfe „angesichts von Tausenden von Toten“ stempelt. Pfui! Auch so etwas ist ein unglaublicher Missbrauch eines offenbar rücksichtslosen Gebührengepamperten.

Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF, zieht dann treu assistierend nach der Demo nach und spricht vor allem von Rechtsextremen. Offensichtlich hat sich bei ihm das zusammengeschnittene und von „Antifa Zeckenbiss“ ins Netz gestellte Video, das den (falschen) Eindruck eines „Sturms“ auf den Reichstag suggeriert, fest ins parteipolitisch unabhängige Hirn gebrannt.Frey stellt sofort einen Zusammenhang zum Reichtagsbrand 1933 her, reiht die größte Oppositionspartei im Bundestag pauschal und differenzierungs-„frey“ unter die „militanten Gegner unseres Staates“ ein.

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich so manche gebührenfinanzierte Medienleute schwer tun, fair zu sein. Das ist nicht gut für eine Demokratie, die dringend freie Journalisten braucht, die sich widersetzen, zum parteipolitischen Staatsfernsehen zu werden. Doch leider liefern die einstigen Qualitätsmedien immer wieder Stoff für den „Dicken Hund“.

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