Würzburg

Der Dicke Hund: Deutschlands Böhmermannisierung

Polizisten auf die Müllhalde? Mit dem Stichwort "Satire" wird mittlerweile viel gerechtfertigt.

taz
Sind Beleidigungen erlaubt, wenn sie als "Satire" veröffentlicht werden? Die Diskussion um die die Polizei verunglimpfenden Kolumne in der "taz" zeigt gesellschaftliche Schieflagen auf. Foto: Soeren Stache (dpa-Zentralbild)

In Deutschland schreitet die Böhmermannisierung voran. Beleidigung ist dann erlaubt, wenn sie das Label „Satire“ trägt. Die bekannteste Anekdote lieferte der TV-Moderator, als er den türkischen Präsidenten in Form eines „satirischen“ Gedichtes ehrte, das aus einer Aneinanderreihung von Beleidigungen niedrigsten Pennälerhumors bestand. Wenige Jahre zuvor hatte Deniz Yücel – der im Gegensatz zu Böhmermann das Verließ des Sultans kennenlernte – einen Text publiziert, der „den baldigen Abgang der Deutschen“ als „Völkersterben von seiner schönsten Seite“ bezeichnete. Yücel schrieb in der taz. Der Text war als Satire gemeint.

Neun Jahre später erschüttert eine Kolumnistin die Republik, weil sie dasselbe Genre bedient. Wieder ist es in der taz. Wieder ist es Satire. Polizisten sollten nach der Abwiegelung des Kapitalismus auf der Mülldeponie landen, „wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind“, denn unter „Ihresgleichen“ fühlten sie sich bestimmt „am wohlsten“. Die Sozialen Netzwerke liefen heiß, die taz sah sich zu einem Gegenartikel im eigenen Blatt genötigt, Journalisten und Politiker schalteten sich ein. Die Gewerkschaft der Polizei sprach von „Menschenverachtung“, Horst Seehofer drohte als Innenminister mit einer Anzeige. Sofort folgten beschwichtigende, ja, empörte Töne, weil die Satire keiner verstanden habe. Es erinnerte an die Debatte um Günter Grass, der in seinem Wende-Roman „Ein weites Feld“ die Wiedervereinigung kritisiert und die DDR verharmlost hatte. Ihm sprang die Literaturkritikerin Sigrid Löffler zur Seite, die meinte, es handele sich ja nur um Romanfiguren, die diese Aussagen tätigten. Dass Grass tatsächlich so dachte und sein Ventil in der Literatur fand, wusste damals hingegen schon jeder.

Polizei-Beleidigung als höhere Literatur?

Die aktuelle Medienlandschaft brachte gleich ein Dutzend Löfflers hervor, welche die Anwürfe gegen deutsche Polizisten als höhere Literatur wegdefinierten. Margarete Stokowski schrieb im Spiegel über „Die Polizei, dein Feind und Hater“ und warf der Politik vor, sich lieber an einem taz-Artikel abzuarbeiten statt am Rassismus der Polizei; Patrick Bahners von der FAZ sah sich auf Twitter bemüßigt, den Witz zu erklären; und im Internet richtete sich ein offener Brief an die Bundeskanzlerin, den Innenminister in die Schranken zu weisen. Unter den Unterzeichnern ganz oben: Jan Böhmermann.

Die Hysterie um ein fades Textlein in einer linken Tageszeitung hatte jedoch immer noch nicht seinen Anschlag erreicht: nun hatten deutsche Sicherheitskräfte nicht nur von gestern auf heute ein veritables Problem mit Polizeigewalt und Rassismus, sondern auch die Pressefreiheit war in Gefahr. Zumindest das brachte laut Süddeutscher Zeitung die Kanzlerin auf den Plan, um ihren Innenminister in die Schranken zu weisen und die Anzeige zu verzögern. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ sei ein „weit“ verbreitetes Phänomen und damit ein Missstand innerhalb der Polizei, weswegen ein „Polizeibeauftragter“ ins Leben gerufen werden müsste, der über das Fehlverhalten von Polizisten berichtet – so lautete just ein Gesetzesentwurf der Grünen im Bundestag letzte Woche. Offensichtlich gilt gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht, wenn es sich bei der Gruppe um Polizisten handelt. Während linksextreme Demonstranten in zehntausenden Fällen die Corona-Regeln mit Füßen treten und ein Mob in Stuttgart die Anarchie feiert, sitzen Polizisten als potenzielle Gewalttäter, Rassisten und Rechtsextremisten auf der politischen und medialen Anklagebank. Das ist nicht nur ein dicker Hund – das ist schon eher ein dickes Hunderudel.

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