Berlin

Nach dem Zittern

Transparenz und Privatheit - zwischen diesen auseinanderstrebenden Ansprüchen entscheidet sich die Moral der Medien bei Berichten über Prominente.

Bundeskanzlerin Merkel in Sachsen
Ein Handschlag in der Öffentlichkeit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Foto: dpa

Mehrmals hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Wochen bei Staatsempfängen ungewöhnlich lange gezittert. Bereits 2017 gab es einen ähnlichen Vorfall bei ihrem Besuch in Mexiko. Die Republik nahm via Medien in Echtzeit Teil und Anteil. Die Zitteranfälle selbst warfen Fragen auf, etwa die, ob die Bundeskanzlerin überhaupt noch in der Lage ist, das hohe Amt auszuführen. Aber auch die Berichterstattung über das Zittern gab Anlass, medienethische Grundsatzfragen anzusprechen. Dabei geht es vor allem um das Verhältnis von Transparenz und Privatheit.

Dieses Verhältnis kann man von zwei Seiten betrachten – mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Fest steht: Der Gesundheitszustand eines Menschen gehört grundsätzlich zur schützenswerten Privatsphäre (so das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung aus dem Jahr 1972). Zur öffentlichen (und damit berichtenswerten) Angelegenheit kann er, der Gesundheitszustand, werden, wenn es sich bei diesem Menschen um eine Person des öffentlichen Interesses handelt, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden hat; Spitzenpolitiker mit Amt und/oder Mandat gehören zu dieser Gruppe. Also auch Angela Merkel.

Soll man tun, was man tun darf?

Ergo: Man darf Frau Merkel zitternd zeigen, nach geltendem Medienrecht. Ob man die Kanzlerin aber unbedingt bei ihrem Zitteranfall in Nahaufnahmen zeigen und das Zittern eigens thematisieren muss, ist medienethisch fragwürdig, weil man damit „Experten“-Spekulationen in den Sozialen Medien initiiert, über mögliche auslösende Krankheiten und die Folgen für die Politikfähigkeit der Regierungschefin. Diese Debatten gab es, in zum Teil übergriffiger Diktion. Dass es sie geben würde, war klar. Insoweit wäre auch Zurückhaltung eine Option gewesen. Die Frage bleibt also bestehen: Wie viel Transparenz ist nötig, wie viel Privatheit möglich. Während die einen meinen, Merkel verweigere sich „den Grundsätzen der transparenten Rechnungslegung, die beim Spitzenpersonal immer auch den eigenen Gesundheitszustand einschließt“ (Gabor Steingart in seinem „Morning Briefing“) oder gar „die Offenlegung der Gesundheitsdaten sämtlicher Politiker“ fordern (Peter Nowak, Telepolis), verweisen die anderen auf den Intimbereich des Menschen, der in Gefahr ist.

Das Problem „strukturell indiskreter“ Medien

Ganz besonders eindringlich tut dies Bernhard Pörksen in der „Zeit“. Der Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen meint, in der Berichterstattung über das Zittern der Kanzlerin zeige sich „die Grausamkeit der Mediengesellschaft“ und „die Verachtung von Schwäche“. Er kritisiert das Fernsehen, das seine Kameraobjektive „in sensationalistischer Spählust den Körper hinabfahren“ lasse und damit Bilder produziere, die nur wenig später in den Sozialen Medien mehr als hämisch kommentiert werden: „Ich hoffe sie stirbt beim nächsten Anfall.“ – „Aller guten Dinge sind 3. Jetzt verrecken.“ – „Ich hab da kein Mitleid mehr ... zur Hölle soll sie fahren!!!“

Es sind nicht die Kameraleute und auch nicht die Regisseure, die das schreiben, richtig. Dennoch sieht auch Pörksen einen Zusammenhang und wirft den „strukturell indiskreten“ Medien zwischen den Zeilen vor, einen unnötigen Beitrag zu dieser Eskalation geleistet zu haben.

Halten wir fest: Die dystopische Vorstellung einer Welt ohne Rückzugsorte persönlicher Lebensgestaltung (nicht zuletzt cineastisch gekonnt thematisiert im Film „The Circle“) scheint einigen zu gefallen, andere abzuschrecken. Medien tun gut daran, keine willfährigen Erfüllungsgehilfen der „Transparenzgesellschaft“ (Byung-Chul Han) zu sein und die Privatsphäre so weit wie möglich zu achten und zu schützen – auch die von Politikern und anderen Persönlichkeiten.

Demokratie ist mehr als „Transparenz“. Der „gläserne Politiker“ garantiert noch keine guten Entscheidungen, so wenig wie der „offene Diskurs“. Im Gegenteil: Es kann durchaus sein, dass wir durch die schrankenlose Beteiligung und schamlose Offenheit immer mehr den Blick für das Wesentliche verlieren und die kritische Ausdeutung dessen, was wir in den Medien finden, hinter die Aktualität der nächsten Enthüllung zurücktritt. Von Spottvideos und Hasskommentaren einmal ganz abgesehen.