Würzburg

Medien-ABC: Z wie Zeitungskrise

Mit dem Beginn der Online-Ära sind die Tageszeitungen in eine tiefe Krise geraten. Ihre Bedeutung für als Teil der „Vierten Gewalt“ des Staates ist jedoch ungebrochen.

Zeitungskrise
Zeitungen sind auch im Online-Zeitalter unverzichtbar. Ihr Stärke liegt gegenüber den Sozialen Medien etwa vor allem im Bereich der Hintergrundberichterstattung und Einordnung von Themen. Foto: dpa

Eine der wohl größten Fehleinschätzungen bezieht sich auf den Papierverbrauch im Computer-Zeitalter. In den 1980er Jahren wurde prognostiziert, dass er durch den Einsatz der EDV sinken werde. Das Gegenteil war der Fall: der Papierverbrauch stieg deutlich an; in Deutschland von 157 Kilogramm pro Kopf (1980) auf zuletzt 242 Kilogramm pro Kopf (2018). Das liegt nicht nur daran, dass vieles, was elektronisch angeboten wird, zusätzlich auch noch ausgedruckt wird, sondern auch am ungebrochenen Bücher-Boom und am aufblühenden Online-Handel: Papier wird vor allem als Verpackungsmaterial gebraucht; 96 Kilogramm waren es 2018, etwa 40 Prozent des Gesamtverbrauchs. Rückläufig ist hingegen der jährliche Verbrauch an Zeitungspapier. Dieser ist in Deutschland von 2,9 Tonnen (2001) auf 1,8 Tonnen (2017) gesunken, also um 38 Prozent.

Tatsächlich sind die Tageszeitungen in Deutschland mit dem Beginn der medialen Online-Ära vor etwa 20 Jahren in eine tiefe Krise geraten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte zur Jahrtausendwende noch eine verkaufte Auflage von etwa 400 000. Im Jahr 2018 waren es noch ungefähr 227 000 Exemplare, ein Rückgang von etwa 43 Prozent. Die verkaufte Auflage der FAZ ist in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 4,5 Prozent pro Jahr gesunken. Ähnliche Zahlen auch bei der Konkurrenz in Sachen „Leitmedium Print“: Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte noch 2008 eine verkaufte Auflage von rund 440 000. Zehn Jahre danach waren es nur noch 327 000 Stück – minus 26 Prozent oder etwa 2,6 Prozent jährlich. Auch die „Neue Zürcher Zeitung“ ist von der Zeitungskrise betroffen: Die verkaufte Auflage fiel seit 2008 um etwa 43 000 von 143 000 auf 100 000 Exemplare. Das entspricht einem Rückgang von ungefähr 30 Prozent. Hält der Trend an, werden die Flaggschiffe hochwertiger deutschsprachiger Printpublizistik Mitte des 21. Jahrhunderts praktisch verschwunden sein.

Ohne Zeitungen droht ein Bedeutungsverlust der Medien als „Vierte Gewalt“

Freilich war die Zeitungskrise absehbar und die großen Verlagshäuser haben darauf längst reagiert. Eine zunehmend crossmediale Ausrichtung (Verzahnung von Print, Hörfunk, TV und Internet) und eine erhöhte Relevanz des Online-Angebots sind typische Antworten darauf, dass immer weniger Menschen die Nachrichten und Kommentare gedruckt lesen wollen. Das Internet bietet dasselbe in Echtzeit. Die Tageszeitung berichtet über Ereignisse, die längst schon ihr Twitter-Trending und ihre Facebook-Kommentarschlacht hinter sich haben. Eine gewisse Chance haben in diesem medialen Umfeld nur die hintergründigen und einordnenden Wochenzeitungen. „Die Zeit“ konnte ihre verkaufte Auflage in den letzten 20 Jahren sogar leicht steigern, von etwa 440 000 auf rund 500 000 Exemplare, immerhin ein Zuwachs von fast 14 Prozent.

Insgesamt aber keine rosigen Aussichten für die Zeitungsbranche. Was bedauerlich ist. Denn ohne die Zeitungen droht ein Bedeutungsverlust der Medien als „Vierte Gewalt“ im Staat, die in ihrer Kontrollfunktion gegenüber den drei eigentlichen Staatsgewalten unverzichtbar sind. Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: „Wenn ich zu entscheiden hätte, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, würde ich ohne Zögern das Letztere vorziehen.“ Die Bedeutung der Zeitungen ist also trotz der Krise ungebrochen. Und ein Umstand macht dabei Hoffnung: Tageszeitungen genießen ein vergleichsweise hohes Vertrauen. Eine Umfrage aus dem November 2019 zeigt, dass etwa drei Viertel der Deutschen ihre Zeitung für glaubwürdig halten.

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