Würzburg

"Ich will einen schwarzen Papst"

Milo Yiannopoulos, Internetcelebrity und Verteidiger konservativer Werte, überrascht mit katholischen Aussagen - wie passt das zusammen mit seiner Homosexualität?

Milo Yiannopoulos - Nur ein oberflächlicher Narzisst?
Nur ein oberflächlicher Narzisst? Milo Yiannopoulos. Foto: IN

Gäbe es einen Preis für Kontroverse, ginge er höchstwahrscheinlich an den Briten Milo Yiannopoulos. Milo ist katholisch, schwul, hat jüdische Vorfahren, einen griechischen Nachnamen, ist halb Journalist, halb Komödiant, schreibt Bücher, unterstützte Donald Trump im Wahlkampf – dies ist nur ein kleiner Auszug aus einer noch längeren Liste an schillernden Eigenschaften und Aktivitäten. Seitdem 2017 alle seine Social Media-Accounts gesperrt wurden und er von der Bildfläche verschwand, ist es ruhiger geworden um ihn. Wie kam es dazu und wer ist der 34-Jährige?

Geschlagen und psychisch missbraucht

„Ich hatte eine unglückliche Kindheit und Jugend“, beschreibt Milo. Als er sechs Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Sein neuer Stiefvater schlug ihn und missbrauchte ihn psychisch, Liebe hat er in seinem Elternhaus nicht kennengelernt, wie der Brite in Interviews erzählt. Erst von seiner Großmutter, bei der er als Teenager lebte, erfuhr er „bedingungslose Liebe und Unterstützung“. Nach einem abgebrochenen Studium der Englischen Literatur arbeitete sich der Rebell als Journalist hoch. Er begann bei dem „Catholic Herald“ und landete beim Technologie-Journalismus. Schon früh bezeichnete er sich als „Fundamentalisten für die freie Rede“, der gegen die „autoritären Ideologien“ der Linken kämpfte.

Größere Bekanntheit erlangte Yiannopoulos durch seine Rolle in der „Gamergate Affäre“, wo er die Politisierung von Computerspielen durch feministische Agenden kritisierte – und das nicht gerade auf die feine englische Art. Das Enfant Terrible nimmt aus Prinzip kein Blatt vor den Mund. Er bezeichnete den Feminismus als „Krebs“, warnte vor Flüchtlingen und dem Islam und ist ein Abtreibungsgegner. Sich selbst nannte er „Amerikas gefährlichste Schwuchtel“. Mit solchen Aussagen provoziert Milo, doch gerade das möchte er bezwecken. Der gutaussehende Engländer tourte zwei Jahre lang quer durch Amerika, um auf Universitäten Reden zu halten. In diesen prangerte er die Einschränkung der Meinungsfreiheit durch den linksliberalen Mainstream an und machte Wahlwerbung für Donald Trump, den er stets „Daddy“ nannte.

Milos letzter geplanter Auftritt an der Uni Berkley wurde abgesagt, da es im Vorfeld zu gewaltsamen Protesten kam. Bei soviel Affront gegenüber seiner Person war ein Absturz vorhersehbar. Yiannopoulos, der als 14-Jähriger sexuellen Kontakt mit einem 29-jährigen Priester hatte, sieht sich nicht als dessen Missbrauchsopfer. Es sei eine gängige Praxis, dass ein Pubertärer mit homosexueller Neigung, der sich von seinem Umfeld nicht verstanden fühlt, sich einem älteren Mann anvertraue, der ihm hilft, seine Identität zu entdecken und ihm Rückhalt biete, so Milo. Diese Aussagen gingen konservativen Kreisen, die ihn bis dato unterstützten, zu weit. Sie kosteten dem jungen Mann einen Auftritt bei einer großen Konferenz der amerikanischen konservativen Aktivisten sowie einen hochdotierten Buchvertrag.

Man könnte versucht sein, den Schluss zu ziehen, Yiannopoulos sei ein oberflächlicher, substanzloser Narzisst, der es liebt, auf der Bühne zu stehen und für Unterhaltung zu sorgen. Hier lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Der kanadische Star-Psychologe Jordan Peterson verglich Yiannopoulos mit einem Hofnarren oder Komödianten, den keiner wirklich ernst nimmt, der aber auf Gegebenheiten hinweist, die jedem bewusst sind, die sich aber niemand traut zuzugeben. Diese Fähigkeit stellte Milo vor einigen Monaten in einem Gespräch mit Peterson unter Beweis. Hier wirkt er besonnen und gewährt Einblicke in sein Denken und seine Person. Zum Beispiel sagt er, dass er die Gabe besitzt zu erkennen, was Menschen antreibt: „Ich habe herausgefunden, dass die heutigen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit im Inneren verletzt sind und wollen, dass andere genauso verletzt werden wie sie.“ Er meint, er kann sie verstehen, da er sich damals als Teenager, als sein Vater ihn missbrauchte, genauso gefühlt hatte.

„Leider ist das Christentum ziemlich freudlos geworden“

Auf die Frage, was ihn trotz seiner Widersprüche so beliebt machte bei US-Republikanern, antwortet er kurz: „Die Freude!“ Laut Milo mangelt es den meisten konservativen Aktivisten genau an dieser Gabe. „Die Freude ist das große Geschenk der Christenheit an die Zivilisation. Leider ist das Christentum selber ziemlich freudlos geworden, mit Ausnahme der schwarzen Gemeinden. Hier gibt es noch fröhlichen Lobpreis“, so der Engländer, der auf Bildern stets mit Kreuz-Kettchen um den Hals zu sehen ist. Dies sind faszinierende Aussagen für einen Katholiken, der 2017 seinen Langzeit-Partner, einen Afro-Amerikaner, auf Hawaii heiratete. Doch es kommt noch kontroverser: Peterson gegenüber äußert er, dass das größte Problem der katholischen Kirche in unseren Tagen darin bestehe, dass sie die Augen vor der Sünde verschließe. Daher wünscht sich Yiannopoulos einen schwarzen Papst, der konservative Doktrinen verfolgt – im Gegensatz zu Papst Franziskus.

Kann man schwul und traditionalistisch gleichzeitig sein? Milo ist sich über diesen Widerspruch vollkommen im Klaren. „Ich kann mit den Spannungen leben, es muss nicht alles Sinn ergeben“, so der Katholik. Lassen wir uns überraschen, wie seine Reise weitergehen wird!