Mainz

„Es gibt keine nennenswerte Machtverschiebung“

Traditionelle Medien haben in Deutschland immer noch einen größeren Einfluss als online-Medien, sagt der Medienwissenschaftler Hans-Mathias Kepplinger. Dennoch ist auch in der Politik ein Trend zur Nutzung Sozialer Medien erkennbar.

Mediale Machtverschiebung?
Während der CDU-Politiker Merz in der politischen Meinungsäußerung eine deutliche Machtverschiebung zugunsten der Sozialen Medien sieht, hält Medienforscher Hans-Mathias Kepplinger den Einfluss der herkömmlichen Medien für größer. Foto: dpa

Donald Trump twittert. Boris Johnson lässt sich vorwiegend von eigenen Leuten filmen und stellt Medien die Bilder zur Verfügung. Pressestellen betreiben Webseiten wie eigene Nachrichtenportale. Nachrichten werden heute zum Teil von denen gemacht, die sie am Ende auch verbreiten. Andere lassen scheinbar objektive Nachrichtenportale in ihrem Auftrag betreiben. Ein neuer Trend zeigt sich in der Medienwelt, indem Politiker und andere Personen, die der Öffentlichkeit bedürfen, zum Beispiel mehr auf Twitter und Instagram setzen als auf klassische Medien.

Sowohl die Konsumenten als auch die Produzenten der Nachrichten empfinden das Agieren klassischer Medien als einseitig. Da bleibt es kaum aus, dass man nach Alternativen sucht. So sieht der CDU-Politiker Friedrich Merz geradezu eine Machtverschiebung zwischen denen, die Nachrichten produzieren, und denen, die Nachrichten verbreiten. Man könne, so Merz, heute über eigene Social-Media-Kanäle, etwa über YouTube, ein Publikum erreichen, welches teilweise die Öffentlich-Rechtlichen und auch die privaten Medien nicht mehr erreichten. Wenn man das richtig nutze und es gut mache, dann habe man über diese Kanäle eine Möglichkeit, eigene Interessen wahrzunehmen und die eigene Deutungshoheit über das Gesagte zu behalten. Merz bezeichnete das als die gute Nachricht der Digitalisierung.

Viele Journalisten haben den Kontakt zur Masse verloren

Die Akzeptanz der klassischen Medien sinkt auch in der Bevölkerung. Der Medienwissenschaftler Hans-Mathias Kepplinger sieht den Grund dafür in dem Kontaktverlust vieler Journalisten zu den Sichtweisen der Masse der Bevölkerung. Die Aufgabe des Ideals der neutralen Berichterstattung zugunsten subjektiver Gewichtungen und Bewertungen, so Kepplinger, werde euphemistisch als „Haltungsjournalismus“ bezeichnet. Am Beispiel des Automobils, das dem meisten Menschen näher steht als theoretische Erwägungen zu Medien, erklärt der Medienwissenschaftler: „Was mit Autos geschieht, die nicht den Erwartungen an Reichweiten und Nutzbarkeit zum Beispiel im Ausland genügen, kann man an E-Autos sehen. Viele Nachrichten und Nachrichtenmagazine sind die E-Autos der Informationsgesellschaft. Da helfen auch keine Subventionen und Zwangsgebühren.“

Hans-Mathias Kepplinger
Der Medienwissenschaftler Hans-Mathias Kepplinger sieht bei vielen Journalisten einen Kontaktverlust zu den Sichtweisen ... Foto: Thomas Hartmann/Uni Mainz (dpa)

Hinsichtlich der Machtverschiebung widerspricht der Medienwissenschaftler dem Politiker. Noch einmal Kepplinger wörtlich: „Es gibt aber in Deutschland keine nennenswerte Machtverschiebung, weil der Einfluss der traditionellen Medien nach wie vor weitaus größer ist als der Einfluss der online-Medien: Die traditionellen Medien erreichen 40 bis 50 Millionen Menschen offline und online – und das jeden Tag. Die nur-online-Medien zusammen sind im Vergleich dazu eine streitbare Versammlung von Zwergen.“ Die praktischen Erfahrungen des Politikers stehen hier im Gegensatz zu den Erkenntnissen des Wissenschaftlers. Die kommenden Jahre dürften zeigen, wohin der Weg geht.

Entscheidend ist die Person des Nachrichtenerzeugers

Der Kandidat für den CDU-Vorsitz jedenfalls hat mit seinen Äußerungen eine große Welle ausgelöst. Der Deutsche Journalistenverband stieß sich besonders an der Aussage, man brauche die klassischen Medien nicht mehr. Merz betonte allerdings, dies so nicht gemeint zu haben. Vielmehr habe er sich mit seiner Aussage allein auf die neuen Medien bezogen, mit denen er direkten Zugang zu den Nutzern und Lesern habe. Friedrich Merz beitreibt einen YouTube-Kanal, über den er seine Reden und Auftritte einem breiten Publikum vorstellt, welches in der Tat kaum auf klassische Medien zurückgreift. Eine Facebookseite, ein Instagram- und ein Twitteraccount runden den Social Media-Auftritt ab. Auch die eigene Webseite des Politikers ist ganz und gar auf Verbreitung von eigenen Nachrichten über soziale Medien ausgerichtet. Allerdings zeigt die Kolumne des Politikers in der „Welt“, dass es ganz ohne klassische Medien auch für Merz nicht geht. Der Trend scheint von Merz in richtiger Weise erfasst. Seine Videos werden bei YouTube von 10 000 Zuschauern im Schnitt gesehen. Für einen Politiker ist das viel. Der CDU-eigene YouTube-Kanal bleibt bei den Zuschauerzahlen höchstens vierstellig. Was die von Friedrich Merz bemerkte Machtverschiebung angeht, so hängt diese doch offensichtlich noch mehr an der Person des Nachrichtenerzeugers, als an der Struktur der Medienlandschaft.

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