Lindau

Zwischen Kitsch und Pilgermassen

Joris-Karl Huysmans wirft einen sehr differenzierten Blick auf den Erscheinungsort Lourdes.

Joris-Karl Huysmans sah in Lourdes einen Glauben
Joris-Karl Huysmans sah in Lourdes einen Glauben, der wie „glühende Lava aufwallt und der niemals wankt“. Foto: dpa

Mehr als hundert Jahre nach seinem Erscheinen wird ein Buch über Lourdes erstmals ins Deutsche übersetzt. Gibt es nicht schon genügend Bücher über den französischen Marienerscheinungsort? Kann ein Buch aus dem Jahr 1906 dem heutigen Leser etwas sagen, was andere Bücher nicht können?

Beim vorliegenden Buch „Lourdes – Mystik und Massen“ ist zunächst einmal der Autor bemerkenswert. Der aus einer niederländischen Malerfamilie stammende französische Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848–1907) war zunächst ein Vertreter des Naturalismus um Emile Zola (1840–1902), fand dann aber nach langer religiöser Suche zum katholischen Glauben und schuf mit dem „spirituellen Naturalismus“ schließlich eine eigene Literaturgattung. Der Wert seines Lourdes-Buches liegt daher schon einmal in der einzigartigen und ausführlichen Beschreibung des dortigen Wallfahrtsbetriebs, die uns ein plastisches Bild der Religiosität zu Beginn des 20. Jahrhunderts bietet.

„Wenn es einen gibt, der niemals den Wunsch gehabt hat,
Lourdes zu sehen, dann bin ich es“

Doch das ist nicht alles. Huysmans war über viele Jahre hinweg ein religiös Suchender. Und wenn er schließlich auch in der katholischen Kirche fündig geworden ist, blieb ihm als Ästhet doch manche Ausdrucksform des Glaubens fremd. So ist er nicht der typische Lourdes-Pilger. „Wenn es einen gibt, der niemals den Wunsch gehabt hat, Lourdes zu sehen, dann bin ich es“, schreibt er selbst. In den Jahren 1903 und 1904 hält er sich jeweils für mehrere Wochen an dem Wallfahrtsort in Südfrankreich auf. Mit distanziertem Blick nähert er sich dem berühmten Ort und den dortigen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit.

Lourdes – Mystik und Massen

Dass sein Buch keine glatte Lobeshymne wird, war daher von vorneherein klar. Doch gerade durch den distanzierenden Blick Huysmans' gewinnt sein Buch an Überzeugungskraft. Im Original trägt es den Titel „Les foules de Lourdes“ – wörtlich „Die Massen von Lourdes“. Der Lilienfeld Verlag hat für die deutsche Ausgabe den Titel „Lourdes – Mystik und Massen“ gewählt. Das assoziiert, dass Übernatürliches angepriesen wird, aber letztendlich nur ein Massenphänomen mit all seinen negativen Komponenten angetroffen werden kann.

Die umgekehrte Formulierung „Massen und Mystik“ wäre wohl passender gewesen – und zwar aus einem doppelten Grund: Erstens wiegt so in der Wahrnehmung des Lesers das Positive an Lourdes stärker und das entspricht auch dem Inhalt des Buches. Zweitens zeigt das den Weg, den auch Huysmans selbst gegangen ist. Er kam als einer, der einem Massenereignis grundsätzlich reserviert gegenübersteht und der sich auch mit großer Skepsis nach Lourdes begeben hat, dann aber doch zur Überzeugung gelangt ist, dass hier sehr Wertvolles geschieht, ja dass die Gottesmutter Maria und Gott selbst hier wirken.

Der ursprünglich von Huysmans vorgesehene Titel des Buches „Die zwei Seiten von Lourdes“ ist jetzt die Überschrift für das letzte Kapitel. Die Kapitelüberschriften stammen von Hartmut Sommer, dem Übersetzer und Verfasser des Nachworts. Er hat auch die Reihenfolge der Kapitel leicht verändert, indem er das erste Kapitel als Anhang nachstellt. In diesem Kapitel setzt Huysmans die Marienerscheinungen in Lourdes in Beziehung zu denen in La Salette und in der Rue du Bac in Paris. Auch erwähnt er kleinere Marienheiligtümer im Umkreis von Lourdes. Während dieses Kapitel eher theoretisch-theologischer Natur ist, sind alle anderen Kapitel ein persönlicher Erlebnisbericht des Autors selbst. Huysmans nimmt den möglichen Kritiker solcher Erscheinungsorte mit, indem er ausführlich und oft mit gnadenlosem Urteil alle Negativerscheinungen dieses Ortes schildert.

Bereits zwölf Jahre vor Huysmans hat sein ehemaliger literarischer Weggefährte Zola ein Buch mit dem Titel „Lourdes“ (1894) geschrieben. Schon er kritisierte Wundersucht, Devotionalienhandel, Profitgier der ortsansässigen Unternehmen, quantitatives Gebetsverständnis sowie ein weitverbreitetes Do-ut-des-Denken. Vor allem aber ließ er Wunder nur als psychosomatischen Prozess gelten. In seinem Roman verdrehte er sogar manche Tatsachen, um keine Wunder anerkennen zu müssen. Genau hier ist der Unterschied zu Huysmans. Er geht absolut redlich mit den Tatsachen um, die er vorfindet.

"Es handelt sich hier um die absolute handwerkliche Unfähigkeit,
gesteigert durch die infantile Sentimentalität des Arbeiters
aus katholischem Umfeld, der einen im Tee hat."

Kritik übt Huysmans am unaufhörlichen lauten Beten der zahlreichen Pilger, das eine Innerlichkeit und wahre Gottesbegegnung geradezu unmöglich macht. Ebenso kritisiert er die zahllosen Messen, die schnell heruntergelesen werden. Auch der massenhaft anzutreffende Kitsch in den Wallfahrtsläden findet vor Huysmans keine Gnade. Am heftigsten aber fällt sein Urteil über die Basilika aus, „dieses wassersüchtige Zirkuszelt, dessen Schmerbauch sich unter den Füßen der Basilika bläht“. Er vermisst einen klassischen Baustil und meint, „es handelt sich hier um die absolute handwerkliche Unfähigkeit, gesteigert durch die infantile Sentimentalität des Arbeiters aus katholischem Umfeld, der einen im Tee hat“. Da für Huysmans die Schönheit ein wichtiges Attribut Gottes ist, sieht er im Hässlichen direkt den Teufel selbst am Werk. Mit seinem Urteil steht Huysmans auch nicht allein. Die beiden von ihm scharf kritisierten Altäre in der Basilika sowie die erste Kreuzwegstation im Freien, über die er ausgiebig spottet, wurden inzwischen entfernt.

Überzeugend weil unvoreingenommen

Ausführlich aber setzt sich Huysmans mit den Wundern auseinander, die sich in Lourdes ereignet haben sollen. Zwar konstatiert er eine gewisse Wundersucht im gläubigen Volk, merkt aber positiv an, dass die Kirche jedes Wunder sehr genau und kritisch prüft. Dazu begibt er sich auch ins Konstatierungsbüro von Doktor Boissarie, das für diese Phänomene zuständig ist. Der von Zola und anderen Zeitgenossen vertretenen Auffassung, die Wunder seien durch Autosuggestion erfolgt, erteilt er eine deutliche Absage. So führt er das Beispiel sehr kleiner Kinder an und auch das Beispiel einer Ordensfrau, die gar nicht geheilt werden wollte, sondern nur im Gehorsam gegenüber ihrer Oberin nach Lourdes gefahren ist. Gerade hier wird Huysmans zum überzeugenden weil unvoreingenommenen Verteidiger von Lourdes.

Während einige Jahrzehnte später der Schriftsteller Franz Werfel (1890–1945) in seinem Roman „Das Lied von Bernadette“ (1941) nach eigenen Worten „einen epischen Gesang“ auf den südfranzösischen Erscheinungsort anstimmt, kommt Huysmans als Kritiker, der die Schattenseiten deutlich beim Namen nennt, der aber sich auch überzeugen lässt, dass hier nicht alles rein irdisch erklärbar ist, sondern der Himmel selbst Wunder wirkt.

Am Ende des Buches zieht Huysmans das Fazit: Lourdes „ist eine Essenz des Grauens, die in ein Fass praller Freudigkeit gestopft ist, es ist zugleich schmerzlich, närrisch und flegelhaft. Nirgendwo sonst gibt es eine so abgeschmackte Frömmigkeit, einen Fetischismus bis hin zu postlagernden Briefen an die Jungfrau, nirgendwo sonst hat sich der Satanismus der Hässlichkeit derart vehement und zynisch aufgeprägt. Ja, sicherlich, das ist ziemlich erbärmlich, es reizt dazu, die Stadt zu verlassen und sie niemals wieder zu betreten, aber das ist die schamlose Kehrseite eines unvergleichlichen Ortes; sein Gesicht ist, Gott sei Dank, ein anderes. Zunächst ist da der Glaube der Menschen, die zusammenkommen, um die Jungfrau anzurufen – ein Glaube, der nirgendwo sonst so wie hier als glühende Lava aufwallt und der niemals wankt... Dann gibt es in Lourdes mehr als überall sonst auf der Welt eine leidenschaftliche Nächstenliebe… Schließlich ist die Jungfrau hier anwesend, mitfühlend und mild, in manchen Augenblicken gegenwärtiger und uns näher als irgendwo sonst. Sie selbst hat durch ihre Heilungen die Wallfahrt weltweit berühmt gemacht.“

Joris-Karl Huysmans: Lourdes – Mystik und Massen.
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Hartmut Sommer.
Lilienfeld Verlag, 320 Seiten, mit historischen Fotographien, Halbleinen mit Leseband, ISBN 978-3-940357-65-6, EUR 22,–

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