Jerusalem

Rezension: Leben aus der Schrift

Wenn Bibellektüre zur Existenzfrage wird: Till Magnus Steiner betrachtet das Buch der Bücher.

Bibelstand auf dem Cannstatter Volksfest
Wie ein roter Faden bietet die Schrift Wegweisung. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Kann Exegese existenziell sein? Ist es möglich, dass die Lektüre der Bibel zur Deutung dessen beitragen kann, was in unserem Alltag heute geschieht? Till Magnus Steiner, Tagespostkorrespondent und Leiter des Büros in Jerusalem meint: ja!  Und sein neues Buch, „Burnout der Propheten. Die Bibel im Kontext der Gegenwart“ ist der spannend zu lesende Beleg für diese These. Geistlicher Gewinn, eine Tiefenschau auf die Fragen von Rollen- und Familienbildern, den Umgang mit Flucht und Migration, Armut und Reichtum, Schöpfung und Verantwortung sind die Nebenwirkungen der empfehlenswerten Lektüre.

Steiner reflektiert über Glaubensbilder in der Krise

Steiner reflektiert über Glaubensbilder in der Krise, zeichnet biblisch konzipierte Familienbilder vom geglaubten Idel bis zur gelebten Realität nach, und stellt Überlegungen zum Ins-Gebet-nehmen der Klimakrise an. Das ist bemerkenswert und angesichts dessen, was die Exegeten in den vergangenen Jahrzehnten gearbeitet und veröffentlicht haben eher überraschend. Ebenso wie die frische, unverbrauchte und dabei biblisch geprägte Sprache des Autors, der keineswegs unkritisch Bibelverse nachbetet aber eben auch nicht von vorneherein alles infrage stellt. Steiner nimmt vielmehr den Text in seiner wegweisenden Aussageintention ernst und wirft dann ein Licht auf dessen Kontext. Dies betrifft die gesellschaftlichen und historischen Umstände, in denen er entstand, die Bedeutung, die die einzelnen Textelemente damals hatten und die Weisung, die man heute daraus lesen kann.

Und Steiner tut ein weiteres. Er legt die Textstellen, deren Bedeutungsreichtum er entfaltet, nicht isoliert aus, sondern bringt sie mit anderen Bibelstellen ins Gespräch. So entsteht eine Landkarte der Wegweisungen, die die Bibel als Sinnbuch ernst nimmt und mit unserem Alltag verbindet. Ein Beispiel: Das Gleichnis des Kapitalismus, wie Steiner es auf den Punkt bringt, birgt im unterschiedlichen Umgang der Diener des reichen Herrn mit den ihnen anvertrauten Talenten eben nicht nur eine spirituelle Aussage unter dem Motto: mach was aus deinem Leben. Es lässt sich daran, im Kontext des Umgangs mit den Armen, wie er beispielsweise im Buch Levitikus abzulesen ist, das vorsieht, dass seinem Mittellosen ein zinsloser Kredit zu gewähren ist, auch konkrete Hinweise auf die Bedeutung des Reichtums und die ethischen Forderungen, denen jene unterliegen, die mehr haben, als andere.

Auf die Barmherzigkeit kommt es an

Und beim Evangelium vom reichen Prasser und vom armen Lazarus wird klar: Reichtum ist nicht per se schlecht, aber es kommt auf die Barmherzigkeit an. Die Lektüre der Heiligen Schrift kann uns auf wahre Werte verweisen, etwa wenn es in Psalm 127,3 heißt, dass Söhne ein Erbteil des Herrn und die Frucht des Leibes ein Lohn sind. Das aber hat dann, wenn Kinder wirklich wertvoll sind, eben auch messbare Konsequenzen, etwa dann, wenn es darum geht, Erzieherinnen und Erziehern einen gerechten Lohn für ihre wichtige Arbeit zu geben. Till Magnus Steiner nimmt die Worte, die Gott zu Mose sagt, ganz persönlich ernst: „Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. […] Nein, das Wort ist ganz nahe bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Du kannst es halten.“

Dieser Ansatz ist heute eher ungewöhnlich, trifft man doch zumindest hierzulande häufig auf Theologen, die einem erklären, wie man die Worte der Heiligen Schrift so deuten kann, dass sie die eigene Weltsicht noch besser zur Geltung bringen. Dass die auch im Laufe der Entstehung der Bücher des Alten und Neuen Testamentes nicht immer deckungsgleich war, ist eine weitere Frucht der Lektüre des biblischen Gedankengänge und Essays, die Till Magnus Steiner in „Burnout der Propheten“ zur Diskussion stellt. Denn durch die Bibel selbst zieht sich ein Gespräch hindurch, in dessen Verlauf immer wieder auch unterschiedliche Positionen vertreten werden, Entwicklungswege von Menschen und Entfaltung von Gedanken ablesbar sind. Aber diese Weggeschichte ist eben nicht gleichbedeutend mit der Weisung „Macht doch, was ihr wollt“, sondern mit der Einladung, den Weg, die Wahrheit und das Leben zu finden.

Die Lektüre eröffnet die Schule des Herrn

Die Lektüre dieses Buches hilft definitiv dabei und sie tut ein weiteres. Sie eröffnet eine Schule des Herrn, motiviert zu einer durchdachten und entdeckungsfreudigen Lektüre der Heiligen Schrift und bietet so auch denen Nahrung, die in geistlich schwach ausgestatteten Regionen ihren Glauben stärken möchten. Denn eins ist für Steiner klar: Vertrauen und Glauben stecken in einer tiefen Krise. Und aus der kommen wir nur heraus, wenn uns klar wird, das Glauben ohne Vertrauen nicht funktioniert. Nur wenn wir von uns selbst absehend auf Gott vertrauen, eine, wie Steiner schreibt, „gedankliche und tuende Hinwendung zu Gott wagen, an deren Anfang die Umkehr steht, werden wir die lebensfeindliche Zone des Burnout verlassen und den freudigen Tanz des Glaubens neu entdecken können.

Till Magnus Steiner: Burnout der Propheten. Die Bibel im Kontext der Gegenwart. Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2019, 205 Seiten, ISBN 978-3-460-25528-9, EUR 22,95

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