Würzburg

Kulturelle Anpassung erleichtert das Zusammenleben

Der Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans fragt nach den Gründen für die Krise des Islam.

Frauen in islamischen Ländern fehlt vor allem eines: die Freiheit
Frauen in islamischen Ländern fehlt vor allem eines: die Freiheit: Viele wollen an ihrer Abhängigkeit und Verfügbarkeit aber gar nichts ändern. Foto: Adobe Stock

Der Markt an Büchern, die sich mit dem großen Themenkomplex „Islam“ und dessen Unterkategorien Fundamentalismus, islamistischer Terrorismus, Integration von Muslimen, Frauenverachtung und Homophobie befassen, wird immer unübersichtlicher. Die Werke lassen sich grob einteilen in solche, die den Finger tief in die Wunde der Religion Islam legen und deren Voraussetzungen und Lehren als Hauptursache für die eskalierenden Konflikte zwischen westlicher und islamischer Welt begreifen. Und es gibt die Texte sogenannter „Islamversteher“, die der muslimischen Weltanschauung lediglich einen gewissen Nachholbedarf in demokratischer Staatslehre attestieren und meinen, der Islam müsse sich nur reformieren, und alles wäre wieder im Lot.

Eine seltene Ausnahme, die sich in keines der beiden Lager einsortieren lässt, ist der vorliegende Band von Ruud Koopmans. Was kein Wunder ist, denn schließlich ist Koopmans Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, und damit – so würde man es heute wohl formulieren – der „Ausgewogenheit“ verpflichtet. Der niederländische Sozialwissenschaftler forscht über Integration und Assimilation von Migranten. Als Wurzel der Krise macht er nicht den Islam an sich aus, sondern dessen fundamentalistische Interpretationen. Daher setzt er viel auf eine liberale Auslegung koranischer Gebote, um eine bessere Assimilation von Migranten zu erreichen: „Integration verläuft einfach besser und schneller, wenn ein bestimmtes Ausmaß an kultureller Anpassung erfolgt.“ Koopmanns hat viele islamische Länder bereist, vom Senegal bis Tunesien. Sein stärkstes Motiv zur Abfassung des Buches sieht er in dem großen „Desinteresse an der erschütternden Unterdrückung von religiösen Minderheiten, Glaubensabtrünnigen und Atheisten, Frauen und Homosexuellen in der islamischen Welt, die manchmal auch einfach geleugnet wird“.

Die Gesellschaften prägen die Ausrichtung des Islam

So bleibe es in der Öffentlichkeit erstaunlich still, wenn es um die Degradierung der Frauen im Namen der Scharia gehe, minderjährige Mädchen in Ehen gezwungen würden und Homosexualität in elf islamischen Ländern mit dem Tod bestraft werde. Statt Ländern wie Saudi-Arabien, Iran oder Pakistan mit Kontaktabbruch und wirtschaftlichen Sanktionen zu drohen, weil die Menschenrechte dort mit Füßen getreten werden, schaue man lieber weg, so zum Beispiel dann, wenn 2022 in Katar die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden soll.

Koopmans setzt bei seiner Arbeit die „vergleichende Methode“ ein: Er identifiziert die Unterschiede in Bezug auf Freiheit, Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung zwischen Ländern, die sich in vielem – bis auf die dort jeweils herrschende Religion – ähneln, wie beispielsweise in Bezug auf ihre koloniale Vergangenheit, Größe und geographische Lage sowie klimatischen Verhältnisse, so zum Beispiel Südkorea und Ägypten oder Mauritius und die Malediven. Um dann zu dem Ergebnis zu kommen, dass es die vom Islam geprägte Gesellschaft ist, die den Unterschied macht. Genauer gesagt, ein fundamentalistisch interpretierter Islam salafistischer oder wahhabitischer Ausrichtung. Niedrigere Alphabetisierungsraten und Ausbildungsdefizite fänden ihre Entsprechung im wirtschaftlichen Scheitern islamischer Länder.

Ein eigenes Kapitel ist der schwierigen Integration muslimischer Migranten gewidmet. Diese sei – neben Bildungsdefiziten und der wirtschaftlichen Ausgrenzung von Frauen – darüber hinaus „der Dominanz konservativ-religiöser Ansichten und Verhaltensregeln im Migrationskontext zu einer starken Segregation vom Rest der Gesellschaft“ geschuldet. Wichtige Indikatoren einer mangelhaften Integration sei die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen, wie Frauen, Juden und Homosexuelle. Problematisch dabei sei, „wenn Menschen Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen, die den Grundprinzipien einer offenen Gesellschaft widersprechen und die Freiheit anderer durch Drohung und Gewalt einschränken“. In der islamischen Welt sei „solche Gewalt weit verbreitet und hat in vielen Ländern sogar eine rechtliche Grundlage, etwa wenn es um die Bestrafung von Blasphemie, Abtrünnigkeit, Homosexualität oder Sex außerhalb der Ehe geht“. Anhand diverser Studien weist er nach, wie antisemitische Vorurteile unter türkisch- und marokkanischstämmigen Muslimen um ein Vielfaches stärker verbreitet als unter der autochthonen Bevölkerung sind: „Wie eine frühere Befragung der FRA [Agentur der Europäischen Union für Grundrechte] aus dem Jahr 2012 zeigt, ist die Überrepräsentation von Tätern mit einem islamischen Hintergrund bei der schwerwiegendsten Form des Antisemitismus, nämlich Bedrohung und körperliche Gewalt, noch stärker.“ Auch wenn Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind – so liefert die amtliche Polizeistatistik wie in vielen anderen Ländern nur eine Auskunft über die Nationalität von Tätern – lassen sich dennoch aufschlussreiche Aussagen treffen. So hätten im Jahr 2017 „37 Prozent der Verdächtigen von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen eine nicht-deutsche Staatsangehörigkeit, während Ausländer nur zwölf Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. Allerdings sind mehr als die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland deutsche Staatsangehöriger, so dass der Anteil der Migranten unter den Tätern sexueller Gewalt in Wirklichkeit deutlich über 37 Prozent liegen wird.“ Unter den dabei genannten zehn häufigsten Nationalitäten gehörten acht islamische Länder: „Syrien, Afghanistan und Irak führen die Liste der ausländischen Sexualstraftäter an.“ Bei Gruppenvergewaltigungen machten „Verdächtige mit ausländischer Staatsangehörigkeit sogar die Mehrheit (55 Prozent) aus“. Die Kölner Ereignisse der Silvesternacht 2015 seien „also keineswegs Einzelfälle“.

Mit Kritikern, die den Islam für nicht reformierbar halten, möchte Koopmans dennoch nicht in einen Topf geworfen werden. Denn diese hätten „mehr mit den Fundamentalisten gemeinsam, als ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Beide Seiten gehen nicht nur vom unüberwindbaren Gegensatz zwischen dem Islam und dem Westen aus, sondern glauben auch, dass Muslime keine andere Wahl haben, als den Koran wörtlich zu nehmen“, begründet der Autor.

Koopmans liefert eine Fülle an soziologisch relevantem Material. Was jedoch seinen Ausblick auf eine mögliche Überwindung des islamischen Fundamentalismus betrifft, so ist seine etwas blauäugige Vorstellung mit Skepsis zu betrachten, alles werde sich zum Guten wenden, sobald sich gemäßigte Kräfte nur durchsetzten und der Fundamentalismus an Einfluss verliere.

Ruud Koopmans:
Das verfallene Haus des Islam: Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt.

C.H. Beck 2020, 288 Seiten, EUR 22,–

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