Würzburg

Internationale Zeitungsschau vom 29.07.2020

Wall Street Journal gegen "Löschkultur" - Kathedrale in Vietnam wird abgerissen - Unterstützt die Modeindustrie die Zwangsarbeit der Uiguren?

Valeurs, Ausgabe 29. Juli 2020
Wie Valeurs actuelles mitteilt, riefen am 23. Juli mehr als 180 Menschenrechtsgruppen aus 36 Ländern die großen Markenhersteller im Bereich der Kleidungsfabrikation auf, sich von ihren Lieferanten zu trennen, die in einer Beziehung zu den Lagern stünden, in denen Uiguren festgeha... Foto: Valeurs actuelles

Wall Street Journal gegen „Löschkultur“

Mit einer mutigen Reaktion stellt sich die internationale englischsprachige Tageszeitung „Wall Street Journal“ Bestrebungen entgegen, im Pressebereich nur noch progressive Meinungen zuzulassen. Damit reagierte die Zeitung auf den Rücktritt des Leiters der Meinungsseite der „New York Times“, James Bennett. Dieser war zuvor unter Beschuss seiner Redaktion geraten, weil er den Beitrag des US-amerikanischen Senators Tom Cotton abgedruckt hatte, in dem dieser den Einsatz der Armee gegen Randalierer während der Black Lives Matter-Proteste befürwortete. Wie die britische Wochenzeitschrift Spectator nun berichtet, schien sich eine ähnliche Dynamik im Wall Street Journal anzukündigen, nachdem 280 seiner Journalisten einen Brief an ihren Herausgeber unterschrieben, in dem sie sich „über die Verbreitung von ,Desinformationen‘“ in der Meinungsrubrik der Zeitung beschwerten. Der Brief behauptete, dass manche der letzten Texte, einschließlich eines Artikels von Vizepräsident Mike Pence, „untragbar seien“. Daraufhin veröffentlichte die Redaktionsleitung der Zeitung eine Antwort und versprach, auch weiterhin „eine Alternative zu den progressiven Einheitsmeinungen anzubieten, die fast alle heutigen Medien beherrschen“. Die Redakteure zeigten sich „erfreut über die überwältigende Unterstützung von Lesern, nachdem etwa 280 unserer Wall Street Journal-Kollegen einen Brief an unseren Verleger unterzeichneten, in dem sie die Meinungsseiten kritisierten“. Daher sei eine Klarstellung nötig. Es sei vermutlich unvermeidbar gewesen, so das Redaktionsteam weiter, „dass die Welle der progressiven Cancel Culture [Löschkultur] auch das Wall Street Journal erreichen würde, wie sie bereits annähernd jede andere kulturelle, akademische, journalistische und Wirtschaftsinstitution erreicht hat. Doch wir sind nicht die ,New York Times‘. Die meisten Wall Street Journal-Reporter versuchen, die Nachrichten fair und ausgewogen zu behandeln.“ Solange die Eigentümer der Zeitung das Privileg, so zu verfahren, erlaubten, „werden die Meinungsseiten weiterhin Beiträge von Autoren veröffentlichen, die ihre Standpunkte innerhalb der Tradition einer lebhaften und vernünftigen Diskussion offen zum Ausdruck bringen. Und diese Rubriken werden auch weiter die Grundsätze freier Menschen und freier Märkte fördern, die in einer Kultur zunehmender progressiver Konformität und Intoleranz wichtiger denn je sind.“

Kathedrale in Vietnam wird abgerissen

Im Norden Vietnams haben die Abrissarbeiten an der 1885 errichteten Kathedrale Notre-Dame-Reine-du-Rosaire (Unsere Liebe Frau Rosenkranzkönigin) begonnen, wie der Figaro vermeldet. Die Entscheidung, die einzige im Stil des Barock erbaute Kirche des Landes niederzureißen, traf die Diözese Bui Chu, die meint, dass das Gebäude nicht mehr restauriert werden könne. Die Provinz Nam Dinh südlich von Hanoi zählt fast 412 000 Katholiken bei einer Gesamtbevölkerung von 2,15 Millionen. Obwohl 2019 eine von 25 Architekten unterzeichnete Petition dem Bistum übergeben wurde, mit der die Kirche als „einzigartige heilige Stätte“ verteidigt wurde, haben sich die kirchliche Entscheidungsträger doch dazu entschieden, das Bauwerk nicht mehr zu retten, sondern stattdessen am Standort der ehemaligen Kathedrale einen neuen Holzbau im vietnamesischen Stil zu errichten. Der vom Generalvikar der Diözese gegen einen großen Teil der örtlichen Bevölkerung beschlossene Abriss wird nun umgesetzt, ohne dass es eine offizielle Erklärung der örtlichen Behörden und der Diözese gibt. So sei bereits im Februar die gesamte Ausstattung der Kathedrale abtransportiert worden, bevor die Coronakrise zu einem Aufschub der Abrissarbeiten zwang. Der Zustand der Kathedrale, die durch die schweren Überschwemmungen der Jahre 1974 und 2000 angegriffen wurde, spalte die katholische Gemeinschaft Vietnams. So erklärte Schwester Theophane Doan Thi Chuyen vom Konvent der Töchter Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, dass der Besuch der Kirche tatsächlich eine Gefahr für die Gemeindemitglieder darstelle. Sie sagte: „Es ist eine gute Sache, eine neue Kathedrale zu bauen, um die alte zu ersetzen, um die Sicherheit all derer zu gewährleisten, die an den Gottesdiensten teilnehmen.“

Unterstützt die Modeindustrie die Zwangsarbeit der Uiguren?

Am 23. Juli riefen mehr als 180 Menschenrechtsgruppen aus 36 Ländern die großen Markenhersteller im Bereich der Kleidungsfabrikation auf, sich von ihren Lieferanten zu trennen, die in einer Beziehung zu den Lagern stünden, in denen Uiguren festgehalten werden, wie Valeurs actuelles mitteilt. Das Wochenmagazin stützt sich dabei auf Berichte des „Courier international“, einer wöchentlich erscheinenden französischen Zeitschrift, die Presseartikel aus über 900 internationalen Publikationen veröffentlicht. China sei der weltweit größte Produzent von Baumwolle, rund 84 Prozent seiner Gesamtproduktion stammten aus der Provinz Xinjiang, wo sich die Umerziehungslager der Uiguren befinden, schreibt Valeurs actuelles. 20 Prozent der Kleidungsartikel aus Baumwolle, die überall auf der Welt verkauft werden, könnten somit Baumwolle enthalten, die in dieser Region produziert wurde. In einer Pressemitteilung, die zunächst vom „Guardian“ verbreitet wurde, kritisieren die 180 Organisationen nun: „Fast die gesamte weltweite Bekleidungsindustrie profitiert von der Zwangsarbeit der Uiguren und der türkisch sprechenden Muslime.“ Insbesondere wurden mehrere große Markenzeichen angeprangert, wie GAP, C&A, Tommy Hilfiger, Calvin Klein oder auch Lacoste. Chloe Cranston von der Organisation Anti-Slavery International meinte gegenüber der britischen Tageszeitung, dass es „sehr wahrscheinlich“ sei, dass „alle Verbraucher- oder Luxusmarken mit dem in Verbindung stehen, was dem Volk der Uiguren gerade passiert“. Der Bekleidungskonzern Phillips-Van Heusen (PVH), dem Tommy Hilfiger und Calvin Klein angehören, habe nunmehr angekündigt, „jegliche Geschäftsbeziehung mit den Fabriken und Spinnereien zu beenden, die in Xinjiang in den kommenden zwölf Monaten Kleidung und Stoff herstellen oder sich mit Baumwolle aus der Region beliefern lassen“. Schon seit mehreren Jahren wird China beschuldigt, in Xinjiang umfangreiche Programme zur Zwangsarbeit und Internierung der Uiguren ins Leben gerufen zu haben. Laut Angaben des Courier International seien ein bis zwei Millionen Personen davon betroffen. Die Inhaftierten würden zumeist dazu gezwungen, „in Lagern oder Fabriken für sehr niedrige Löhne oder sogar völlig ohne Bezahlung zu arbeiten“.

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