Regensburg

Eine alternative Agenda zum Synodalen Weg

Glauben in der Moderne: Der Regensburger Bischof Voderholzer entwirft auf der Grundlage von Schrift, Tradition, Lehramt und Konzilien die alternative Agenda zum Synodalen Weg.

Demonstration zur Synodalversammlung

Außerkirchliche Experten haben als Ergebnis einer Untersuchung des sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen strukturelle Änderungen vorgeschlagen. In der Satzung des Synodalen Weges sind diese Hypothesen Grundlage der innerkirchlichen Reformdiskussion geworden. Ergebnis ist, dass sich die kirchliche Erneuerung offiziell auf die Themen „Ehelosigkeit“, „Machtmissbrauch“, „Frauen in der Kirche“ und „Sexualmoral“ fixiert hat. Einer der wenigen deutschen Oberhirten, die vor den Folgen dieser Verengung warnen, ist der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, dessen Aufarbeitung der Fälle körperlicher und seelischer Gewaltanwendung gegenüber Schutzbefohlenen im eigenen Bistum weithin als vorbildlich angesehen wird.
In seinem Buch „Zur Erneuerung der Kirche“ erläutert Voderholzer seine Kritik und lenkt den Blick auf die tieferen Ursachen der Kirchenkrise. Schlüssel zum Verständnis ist der letzte Beitrag des aus Vorträgen und Predigten der Jahre 2013 bis 2019 hervorgegangenen Bandes: Mit den oben genannten vier Themenfeldern der Gruppenarbeit („Foren“) des Synodalen Weges habe man die „Instrumentalisierung des Missbrauchs“ betrieben, denn diese gingen an der „Realität der Glaubenskrise“ vorbei.

Letztlich die alten liberalen Forderungen

Zusammen mit Kardinal Woelki hatte Voderholzer als durchgängiges Strukturprinzip den „Primat der Evangelisierung“ vorgeschlagen und damit Kirchesein vom Missionsauftrag Jesu her definiert. Davon ausgehend wurden neben der „Evangelisierung“ die „Berufung des Laien“, die „Katechese“ und die „Berufungspastoral“ als alternative Arbeitsgebiete benannt. Unter Instrumentalisierung versteht Voderholzer, dass nun aus der Position moralischer Überlegenheit und unter Berufung auf Ergebnisse objektiver Wissenschaft der Synodale Weg letztlich doch nur die alten liberalen Forderungen etwa eines Hans Küng verwirklichen helfen soll.

Dieser Verdacht werde dadurch bestätigt, dass der geltenden Satzung eine „theologische Hermeneutik“ fehle, bestehend aus den Prinzipien der katholischen Glaubensbegründung, die „eine Berufung auf Schrift, Tradition, Lehramt und Konzilien et cetera als stärkste Argumente gelten lassen“. Nach diesen Prinzipien hat ein katholischer Bischof sein Amt zu führen und ist seine Amtsführung vom Papst und den Gläubigen zu beurteilen. Dementsprechend hat Papst Franziskus in seinem Brief zum Synodalen Weg die deutschen Bischöfe an den „Primat der Evangelisierung, den sensus ecclesiae und die Berücksichtigung der Einheit der Weltkirche (und damit Treue zur Lehre der Kirche)“ erinnert.

In den drei Kapiteln seines Buches hat Voderholzer Grundgedanken für eine Agenda des Synodalen Weges vorgelegt, die der verbindlichen theologischen Erkenntnislehre und vor allem auch der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechen. Im ersten Kapitel über die Folgerungen aus der sogenannten MHG-Studie wird entschieden die Zeugniskraft der Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen verteidigt und die Behauptung zurückgewiesen, dass der Zölibat „ursächlich ist für die Fälle sexuellen Missbrauchs in unserer Kirche“.

Gefahr der Entmündigung von Bischöfen

Im zweiten Kapitel geht es um das geistliche Amt in der Kirche. In einem Grundsatzreferat wird darauf hingewiesen, dass auf dem Konzil die Lehre vom dreistufigen Amt (Bischof, Priester und Diakon), die an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert in der Kirche fest etabliert war, verbindlich bestätigt und vertieft worden ist. Heute besteht die Gefahr, den einzelnen Bischof durch den Apparat der Bischofskonferenz zu entmündigen. Neuerdings kommen die Versuche hinzu, über den Synodalen Weg die apostolisch-bischöfliche Kirchenstruktur durch ein aus Professoren, Verbandsfunktionären und Politikern zusammengesetztes Kirchenparlament zu ersetzen.

Demgegenüber mahnt Voderholzer die Verantwortung des einzelnen Bischofs an: „Es kann in der Kirche keine anonyme Leitung geben. Die personale Inpflichtnahme darf nicht durch Gremien oder Synoden aufgehoben werden, durch letztlich anonyme Größen, hinter denen die persönliche Zeugenschaft und die persönliche Verantwortung zu verschwinden droht.“ Kollegialität der Bischöfe untereinander setze die jeweilige personale Verantwortung voraus. Auch die Angemessenheit der priesterlichen Ehelosigkeit wird von Voderholzer hier nochmals beschrieben als eine „Predigt mit Leib und Seele“, die in der freiwilligen Übernahme der „Lebensform Jesu und der Apostel“ bestehe.

Ausführlich geht Voderholzer auf die Forderung nach dem Frauenpriestertum ein. Dabei setzt er beim modernen Grundirrtum an, dass die Geschlechterdifferenz rein kulturell bedingt sei und vor dem heutigen Gleichheitsprinzip nicht standhalten könne. Dem wird entgegengehalten: „Vater-sein-können und Mutter-sein-können sind nicht traditionelle Geschlechterrollen, sondern seinsmäßige Bestimmungen“, die in der Schöpfungsordnung gründen. Eine rein funktionale Betrachtungsweise könne dagegen weder dem Menschsein noch dem Weihevorbehalt der Kirche gerecht werden, da sie die Leiblichkeit als zeichenhafte Ausdrucksform grundsätzlich leugnen.

Voderholzer nimmt bischöfliche Verantwortung wahr

In diesem Zusammenhang macht der Bischof auf die schwerwiegenden Verirrungen aufmerksam, die sich aus der Gender-Ideologie ergeben, deren Einfluss die innerkirchliche Leugnung der theologischen Relevanz der Geschlechterpolarität hervorgebracht hat.

Im Kapitel über die Neuentdeckung des Glaubens wird der Weltauftrag des Laien am Beispiel des Martyriums des Journalisten Fritz Gerlich veranschaulicht. Gerlich hatte seinen publizistischen Kampf gegen den Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlt. Einzelfragen nachgehend zeigt Voderholzer, wie Glaubensverkündigung in kirchenkritischer Zeit zur Unterscheidung der Geister beitragen kann. Für den Bischof gehört zur religiösen Bildung die „Erziehung zur Kritikfähigkeit“, die in der gegenseitigen Verwiesenheit von Glaube und Vernunft gründet. Den Evangelisierungsauftrag in der Moderne können weder der Rückzug in den integralistischen Dogmatismus, noch argumentationsfeindliche religiöse Wohlfühlgruppen leisten. Voderholzers Ideal ist der junge Katholik, der sich „dem Glauben und der Kirche verpflichtet fühlt“ und der erkannt hat, dass er keineswegs „seinen Verstand ausschalten muss“, sondern dass der Glaube „wirklich ein Licht bringt“.

Dies konkretisiert sich in der bischöflichen Verkündigung etwa in den Klarstellungen schwieriger Bibelstellen, wie der Opferung Isaaks oder der sechsten Vaterunserbitte („und führe uns nicht in Versuchung“). In seiner Ansprache zur Eröffnung der zweiten Sitzungsperiode des Konzils sagte Papst Paul VI. zu den Bischöfen: „Dem lebendigen Christus muss eine lebendige Kirche entsprechen. Wenn aber der Glaube und die Liebe die Fundamente ihres Lebens sind, so darf nichts übersehen werden, was den Glauben neu festigt und stärkt und die christliche Durchformung und Erziehung für die Erreichung dieses Zieles geeigneter machen kann.“

Ganz aus diesem konziliaren Reformgeist nimmt Bischof Voderholzer seine bischöflicher Verantwortung wahr. Er tritt dem in Kirche und Massenmedien wirksamen aggressiven Zeitgeist sachlich entgegen, indem er über die schweren Geburtsfehler des Synodalen Wegs aufklärt, und exemplarisch zeigt, wie der Glaube heute gefestigt werden kann.

Rudolf Voderholzer: Zur Erneuerung der Kirche. Geistliche Impulse zu aktuellen Herausforderungen. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2020,
gebunden, 256 Seiten, EUR 24,95

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