Gera

Die Geschichten wirken wie von einem anderen Stern

Ein junger Dichter hält sich von den Ereignissen der Gegenwart fern: Lutz Seilers Roman „Stern 111“.

Lutz Seiler
Lutz Seiler lässt seinen Roman, in dem die Hauptfigur nicht in den Westen Deutschlands wechselt, nur so von literarischen Anspielungen strotzen. Foto: dpa

Im Mittelpunkt von Lutz Seilers Roman steht kein Außerirdischer. Dabei entsteht beim Lesen zuweilen der Eindruck, als lebe der Protagonist auf einem anderen Stern namens 111; vielmehr geht es um den etwa 28-jährigen Carl Bischoff, Thüringer von Herkunft, der außer einer Maurerlehre, einem abgebrochenen Germanistikstudium und einem Selbstmordversuch nichts weiter zustande gebracht hat. Ganz stimmt das allerdings nicht, denn er hat ein paar Gedichte verfasst. Dichten ist für Carl Bischoff ein Versteck vor der Wirklichkeit. So nimmt der junge Mann auch nicht wahr, dass sich die Welt um ihn herum ändert, dass eine Macht, die über einen starken Repressionsapparat verfügt, zusammenbricht durch den Mut der vielen, die auf die Straße gehen, die ein hohes Risiko auf sich nehmen – zu ihnen zählt Carl Bischoff nicht. Er lebt weit weg von den Zeitereignissen, hält sich von ihnen fern.

Während ein ganzes Land aufbricht, kehrt Carl Bischoff von einem Telegramm der Eltern gerufen in die heimatliche Neubauwohnung nach Gera zurück. Dort erfährt er, dass die Eltern sich entschlossen haben, in den Westen zu gehen und Carl als Verwalter der Wohnung und des Autos, Marke Shiguli, zurückzulassen. Die Eltern treibt die Angst, die gerade geöffneten Grenzen könnten wieder geschlossen werden.

Vom „Rudel“ der Hausbesetzer aufgelesen

Und so erzählt der Roman in zwei Strängen die Geschichte eines Aufbruchs, die der Eltern in den Westen, in die weite Welt hinein, die sie schließlich bis in die USA führen wird, und Carls Weg nach Berlin, den er nach einer kurzen Eremitage in der Wohnung mit dem Shiguli zurücklegt. Eigentlich ist es kein Aufbruch, sondern eine Verlegenheit. Die erste Zeit kampiert er im Shiguli, den er alsbald zum Gelderwerb als Schwarztaxi nutzt. Am tiefsten Punkt angekommen, hoffnungslos, orientierungslos und erkrankt, wird Carl Bischoff von einer Gruppe von Hausbesetzern, dem „Rudel“, aufgelesen. Das Rudel träumt vom Anarchismus – und nicht zufällig fällt im Roman der Name Buenaventura Durruti, doch eher als Chiffre für Eingeweihte, als poetisches Vexierspiel, ohne dass die Zitation des Namens erzählerische Konsequenz gewinnt. Das Besetzen von Wohnungen versteht das Rudel als anarchistische Landnahme und den Diebstahl von Werkzeug auf den Baustellen als Heldentat für die Freiheit.

So kommt auch Carl zu einer Wohnung, arbeitet in der Assel, einer Kellerflucht, die nach und nach zum Lokal ausgebaut wird, und feilt an seinen Gedichten. Schließlich trifft er in einer surrealen Szene das Mädchen, in das er in Gera vergeblich verliebt war, die inzwischen aber eine junge Frau, Kunststudentin und Mutter eines dreijährigen Sohnes ist.

„Kunst aber benötigt Distanz“

Der Roman strotzt vor literarischen Verweisen, Vexierspielen und Anspielungen, von Goethes „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“, über Rilkes „Malte Laurids Brigge“, über den „Heinrich von Ofterdingen“ des Novalis; sogar Wendungen, die man bei Tolkin gelesen hat, lassen sich finden, bis hin zu Anklängen an die Skizze „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ von James Joyce, Motive aus Gedichten ohnehin und einen Verweis auf Enzensbergers „Kurzer Sommer der Anarchie“ auch.

Der Erzähler durchbricht die Distanz, die ihn von der erzählten Figur trennt, wenn er die autobiographisch verbürgten Freunde mit ihren realen Namen aus dieser Zeit auftreten lässt, die Lyriker Jörg Schieke oder Thomas Kunst. Plötzlich taumelt der Duktus vom Persönlichen zum Privaten. Kunst aber benötigt die Distanz, an diesen Stellen fehlt sie.

Der Protagonist hat seinen Schutzraum verloren

Die Stärke des Romans liegt unzweifelhaft darin, dass Seiler zum Erzähler wird und das poetische Subjekt über weite Strecken hinter sich lässt, doch der Autor meidet das Risiko. Metapher ersetzt zuweilen Handlung. Geschicklichkeit hilft hin und wieder, Wahrhaftigkeit zu umtänzeln, wo sie schmerzen würde. So unterscheidet „Stern 111“ von Goethes „Wilhelm Meister“, dass Seilers Roman ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung ist. Der tiefere Grund hierfür mag darin zu suchen sein, dass die Erlebnisse des „Taugenichts“, so schön sie zuweilen geschildert, inszeniert und besprachbildert werden, Carl wie einen physikalischen Körper bewegen, aber nichts an seiner Passivität ändern, so als säße Carl in Platons Höhle und nähme die Welt nur als Schatten von Handlungen wahr, die irgendwo geschehen, als müsse die wirkliche Welt erst den Autismus des ganz auf sich bezogenen Subjekts überwinden. Carl Bischoff schaut nicht auf die Welt, sondern er schaut aus der Welt, von außen auf sich, auf die Rollen, die er spielt, auf „Carl-das-Kind“, das seinen Schutzraum wider Wunsch und Willen verloren hat.

Auffällig ist der häufige Gebrauch des Adjektivs „gut“, das für Carl der Inbegriff des Schutzraumes ist. Das ist der gute-Hirte-Hoffi, der gute-Maler – allesamt im Grunde eher mythische, denn reale Figuren. In Momenten ohne Gefahr, in denen sich der Raum schützend um ihn schließt, findet man die Wendung, dass jetzt alles „gut“ wäre, so als stünde dieses „gut“ für den verlorenen Schutz der Eltern und den Elterntrost. Problematisch ist nicht, dass Carl die Eltern im Grunde fremd sind, dass sie eine Gemeinschaft bilden, in die sie Carl-das-Kind nicht hineinlassen, problematisch ist, dass auch der Erzähler diese Eltern nicht kennt. Zwar erfährt man am Ende, weshalb die Eltern aufgebrochen sind, wird das Stern-Radio 111 zur Metapher, doch wirkt das alles recht konstruiert, sodass die Elterngeschichte zum Kunstgewerbe tendiert, allerdings einem Kunstgewerbe, das dem juste milieu des Literaturbetriebs gefällt.

Am 3.11.2017 schrieb Ralph Bollmann in der FAZ zum Tag der deutschen Einheit: „Sie haben weniger Erfolg im Beruf und verdienen weniger Geld... Die Rede ist nicht von den Deutschtürken, die einst als Arbeitskräfte ins Land kamen... Es geht um die damals rund 17 Millionen Ostdeutschen, die am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik beitraten, alle an einem Tag. Es war eine der größten und plötzlichsten Einwanderungswellen der Geschichte.“ Der Ostdeutsche als Einwanderer. Als Migrant. Diese Bohlmannsche These bildet die Grundlage für die Konstruktion der Elterngeschichte. Die Eltern werden so etwas wie „Geflüchtete“, die Fluchtschilderung von 1989 assoziiert das Jahr 2015.

Wenn die elterlichen Migranten auf den edlen Mustermigranten Dr. Talib aus Syrien stoßen, dann blüht an dieser Stelle im Roman der Kitsch. Allerdings unterläuft das Talent des begabten Autors die agitatorische Wendung. Denn „Talib“ bedeutet Schüler einer Medresse, einer Koranschule. Als Talib wird auch der Angehörige der Terrormiliz der Taliban bezeichnet. Dass ausgerechnet, was später einmal im Roman in der Elterngeschichte benötigt wird, der Syrer Talib Carls Mutter etwas über James Joyce erzählt, muss man schon sehr glauben wollen. Andererseits bleibt Talib Konstrukt und ein Konstrukt darf alles, wie die beispielgebenden Figuren im sozialistischen Realismus Shdanowscher Prägung.

Zu viele Metaphern, zu wenig Schicksal

Wenn Carls Vater Ende der achtziger Jahre bereits und noch dazu in der DDR so große Fähigkeiten in der Beherrschung von Programmiersprachen erworben hat, dass er damit im Westen punkten kann, dann gehörte er zu einer kleinen, sehr umhegten und auch überwachten Gruppe von Spezialisten in der DDR und dürfte bei Robotron gearbeitet haben. Doch um diesen Komplex macht der Autor einen verräterisch großen Bogen. Hier nimmt er weder seine Geschichte, noch seine Figuren ernst, verdrängt das poetische das erzählerische Subjekt, geht es um Metapher, nicht um Schicksal.

Seiler besitzt ohne Frage ein großes Talent, doch es wird sich im Erzählerischen erst vollkommen entfalten, wenn er das Lyrische hinter sich lässt und bereit ist, einzuzahlen, erzählerisch ins Risiko zu gehen.

Bei allen kritischen Bemerkungen ist die Lektüre des Romans zu empfehlen. Er gehört zum Besten, was gegenwärtig in der deutschen Belletristik zu finden ist.


Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp Verlag 2020, 528 Seiten, ISBN-13: 978-351842-925-9, EUR 24,–

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