Zürich

Aus dem Denken heraus Realität betreten

Virtualität und Glaube: Matthias A.K. Zimmermanns Debütroman „Kryonium – die Experimente der Erinnerung“.

"Modellwelt"
Der Buchautor und Künstler Matthias A.K. Zimmermann hat diese "Modellwelt" konzipiert; sein Anliegen ist es, den in der Endlichkeit verstrickten Menschen zur Anschauung Gottes zu führen. Foto: Zimmermann

Der Schweizer Künstler Matthias A.K. Zimmermann setzt sich in seinen Modellwelten, die wie Baukästen anmuten, mit der Virtualität auseinander. Mit seinem Debütroman „Kryonium – die Experimente der Erinnerung“ betreten wir nun eine Welt, die eine Märchenwelt oder Psychiatrie oder Alltagsrealität zu sein scheint, es aber nicht ist; in Wahrheit besteht sie aus Gehirnströmen, die von einem Computersystem verwaltet werden. Die Hauptperson ist in einem Schloss gefangen, die Wirklichkeit bevölkert von Fabelwesen, Gefahr droht von einer Hexe, von einem Ungeheuer… Zentrales Motiv ist die Schneekugel, sie steht für Raumverschachtelungen, den Raum im Raum. Dem Schloss vermag die Hauptperson zu entfliehen – und gerät in eine weitere Welt, der sie nunmehr zu entfliehen versucht, um in die vermeintliche Alltagsrealität zu gelangen, die sich aber wiederum als virtuell erweist. Die Sprache des Romans ist kühl gehalten, das passt zum Thema der Virtualität. Die Geschichte lässt den Leser auf vielschichtige Weise die Parameter eines virtuellen Raums entdecken und stellt Fragen zur digitalen Kultur.

„Das Schlüsselmotiv offenbart nun auch
die Kehrseite der Autonomie des modernen,
in die Virtualität gesperrten Menschen“

Ein wichtiges Element der Dramaturgie des Romans ist die Entschlüsselung. Schlüssel sind allgegenwärtig: Türen und Schneekugeln werden aufgeschlossen; die Zeit wird aufgeschlossen; der Roman beginnt mit vielen offenen Fragen, die sich im Verlauf der Geschichte entschlüsseln, beispielsweise wer der Ich-Erzähler ist; der zweite Teil entschlüsselt den ersten Teil, der dritte entschlüsselt den ersten und zweiten nochmals neu und entschlüsselt sich selber. Im Prinzip könnte man den Roman auch von hinten nach vorne erzählen, die Details der Objekte, Räume und Landschaften in den Vordergrund und das Allgemeine, die Figuren und ihre Emotionen, in den Hintergrund gerückt. Es ist eine neuartige, ungewöhnliche Form des Erzählens, aber passend zu einer virtuellen Welt.

Das Schlüsselmotiv offenbart nun auch die Kehrseite der Autonomie des modernen, in die Virtualität gesperrten Menschen. Er muss nun alles für sich selbst her-ausfinden! Diese „Freiheit“ aber führt zum verordneten Autismus und somit zum geistig-seelischen Selbstmord. Zunächst erscheint „Selbstverwirklichung“ ja wie eine individuelle Befreiung – wird diese aber zum Gesellschaftsprinzip für alle, gibt es keine Gesellschaft mehr. Dass Menschen in einer gottlosen Welt letzten Endes verzweifeln müssen und immer tiefer in die Virtualität flüchten, ist logische Folge. „Unsere Welt wird im Prinzip virtuell gemacht“, erklärt Matthias A.K. Zimmermann. „Das, was an Bildschirmen stattfindet, bestimmt das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen maßgeblich. Die Leute wandeln zwar durch die Alltagsrealität, aber ihre Gedanken formen sich aus dem virtuellen Raum, dem ständigen Aufs-Handy-Schauen oder Am-Computer-Sitzen.“ Der denkende Mensch ist in sich selbst eingeschlossen, eine sich selbst genügende Einheit, die in der Moderne keine anderen mehr benötigt.

Denken ist Simulation der Realität

Der Roman „Kryonium“ stellt letztlich Fragen nach den Grenzen der Person und ihrer Überwindung, Fragen nach den Simulationskategorien, in denen wir alle leben, denn grundsätzlich erschafft immer der Betrachtende selbst, was er betrachtet, indem er Grenzen zieht, wo in Wahrheit ein Zusammenhang herrscht, über die Zeit und die Abhängigkeit alles von allem. Das Denken ist immer nur Simulation der uns umgebenden Realität. Denken ist eine Tätigkeit außerhalb der Welt und unabhängig von ihr, rein menschlich und individuell. Es setzt die Realität zwar voraus, erfasst sie aber nicht. Auch im Roman sieht die Hauptfigur nach und nach die Kulissen des Konstrukts und entdeckt die eigentlichen Bestandteile der sie umgebenden Räume. Der Schlüssel, den die Hauptperson (in sich selbst und für sich selbst) aber findet, führt sie nur in eine je neue Virtualität. Grundsätzlich gibt es keine Möglichkeit festzustellen, ob wir in einer Traumwelt leben oder nicht, menschliches Denken ist unfähig, die Wirklichkeit, die über die Sinne beobachtet und gedeutet wird, zu erfassen. Der Roman zeigt diese Unfähigkeit. Mit seinen endlosen Verschachtelungen ist er eine Art Unendlichkeitsstudie, es gibt vielerlei Anspielungen auf das Unendliche: Mandelbrot-Mengen, die Goldene Spirale, Wendeltreppen, Zahlenfolgen, immer wieder. Die Figuren sind im Unendlichen gefangen, alles entpuppt sich immer wieder als neue, andere Wirklichkeit, man findet nie zu einer letzten Wahrheit, denn hinter jeder Ebene steht wieder eine neue Wirklichkeit.

„Internet und Glauben haben mittlerweile ja viel gemein“, sagt Matthias A.K. Zimmermann. „Menschen suchen im Internet nach Antworten. Es werden auch Metaphern gebraucht wie ,den Computer hochfahren‘ – also zum Himmel hochfahren, dort, wo der Satellit sich befindet.“ Kryonium ist vom Konzept her aufgebaut, als würde man zwei Spiegel gegeneinanderhalten. Man bleibt also im Bereich der Bespiegelung. Ein Systemsprung wäre es nur dann, wenn die zwei Spiegel sich herumdrehten, selbstvergessen bloß noch als Reflexionsoberfläche dienten und das, was Gott geschaffen hat, spiegelten und so den Schöpfer verehrten. Doch die Spiegel sind einander zugekehrt und driften so von Einbildung zu Einbildung, ohne Ausweg. Es ist die Situation des Menschen nach der Aufklärung: der Weg zum Himmel ist versperrt, das Paradies soll der Mensch selber machen zwischen den beiden Spiegeln, statt es außerhalb seiner selbst zu finden im Lob Gottes.

„Will man wissen, was das Leben ist
oder die Liebe, muss man den Raum der eigenen Gedanken
verlassen und in die reale Welt gehen“

Der Roman zeigt die Dummheit der Aufklärung, die den Menschen in sich selbst versperrt und blind macht für die Wirklichkeit Gottes, denn man erfasst sich nicht mehr als Teil der Realität, sondern als ihr gegenübergesetzt und von ihr unabhängig. Hier liegt das Problem der Moderne, auf das es, wie der Roman zeigt, keine Antwort gibt. In der Kirche dagegen gibt es nicht den autonomen Menschen, der sich zu etwas entscheidet, denn es gibt keinen neutralen Standpunkt oberhalb der Sache. Ein zentrales Thema des Christentums ist denn auch nicht der Schlüssel, sondern die Inkarnation! Das Christentum tritt an gegen alle menschlichen Entwürfe von der Welt und behauptet, das passendste zu sein.

Das ist natürlich erst einmal eine Behauptung, die logisch zwingend kaum nachgewiesen werden kann, denn wie bei allen Gottesbeweisen gelten Behauptungen nur innerhalb einer „Kugel“, also innerhalb des Systems, das bereits voraussetzt, was es „beweisen“ will. Der Roman zeigt nun, wohin das in sich selbst verschränkte Denken führt, er zeigt, was der Verzicht auf Wahrheit bedeutet. „Gewissermaßen dient der physische Raum nur noch als Durchgang zu den Flächen virtueller Welten, Parallelwelten, die unsere Alltagswelt ergänzt oder teilweise schon ersetzt haben“, heißt es gegen Ende.

Nur Menschen erdenken sich Systeme, aber das System ist unwichtig und allein Gott außerhalb aller Systeme ist wichtig. Mit Formeln, Zeichen, Sprache, also mit dem Denken, ist der Systemsprung nicht möglich, wie die Inkarnation zeigt, denn Gott sandte nicht neue Gebote, Gedanken oder Schriften, sondern seinen Sohn – es geht immer um die Person (Apostolizität der Kirche). Will man wissen, was das Leben ist oder die Liebe, muss man den Raum der eigenen Gedanken verlassen und in die reale Welt gehen, die ist, wie sie ist.

Matthias A.K. Zimmermann: Kryonium – die Experimente der Erinnerung.
Kulturverlag Kadmos Berlin, Berlin 2019, 324 Seiten, ISBN 978-3-86599-444-8, EUR 19,90

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