Würzburg

Was bringt Demokratie in der Kirche?

Der Weg des Protestantismus muss bezweifelt werden. Aber er zeigt, wohin ein „weiter so“ führt.

Demokratie in der Kirche?
Ein Blick in die protestantische Kirche zeigt, wohin Demokratiebestrebungen in der Kirche führen. Foto: Uta Rometsch/Adobe Stock

Egal ob bei der Debatte um den synodalen Weg, die Strukturreformen oder die Frage ob, wann und wie Kirche sich in aktuellen politischen Fragen einmischen soll – es geht dabei letztlich immer um die richtige Orientierung. Zugleich soll und muss die Frage beantwortet werden: welche Rolle spielt Kirche in unserer Kultur und wie lange noch.

Diese Frage treibt auch Arnd Henze um. Der studierte Theologe und Fernsehkorrespondent des Hauptstadtstudios der ARD hat seinen Schwerpunkt im Bereich der Außenpolitik. Er hat aber zugleich ein waches Interesse für innenpolitische und kulturelle Fragen und die Rolle, die die Kirchen dabei spielen. Sein Buch „Kann Kirche Demokratie“ trägt den Untertitel „Wir Protestanten im Stresstest“. Aus gutem Grund. Denn Henze ist Protestant und kennt seine Kirche als engagiertes Mitglied seiner Gemeinde, als Prediger auf Kirchentagen oder auch einfach mal sonntags ebenso gut wie als kritischer Wegbegleiter, der schon im Studium freche Fragen wie die stellte, warum eigentlich niemand darüber informiert, welche Rolle die Protestanten im Allgemeinen und ihre Bischöfe im Besonderen in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben.

„Henzes Buch (...) zeigt, wohin wir kommen,
wenn wir weiter dorthin gehen, wohin zumindest
einige lautstarke Stimmen in der katholischen
Kirche mit großer Eile streben“

Henzes Stil ist durchgehend sympathisch. Sein Buch ist informativ und detailreich geschrieben, wechselt vom allgemeinen kulturpolitischen Überblick in die personale Perspektive, wenn er beispielsweise die vielen, durchaus auch kritisch zu sehenden Facetten im Wirken Martin Niemöllers beleuchtet. Auch Alltagsgeschichten – gute und weniger erfreuliche Beispiele aus dem Bereich seiner Kirche, die er erkennbar liebt, machen das Buch zu einer anregenden Lektüre. Die Frage, ob Kirche Demokratie kann, entzündet sich bei all dem an den Zahlen der Pew-Studie. Sie besorgen Henze auch deshalb, weil sie zeigen, dass im Kern zumindest demokratiekritische bis hin zu identitären Standpunkten vor allem von solchen Protestanten vertreten werden, die regelmäßige Kirchgänger sind. Die Folgerung, die er daraus zieht, ist allerdings bedenklich. Henze postuliert: „Ich denke, es gibt einen mentalen Zusammenhang zwischen dem Festhalten an religiösen sowie dem Beharren auf kulturellen und völkischen Reinheitsgeboten.“ Was Henze demgegenüber empfiehlt ist, Glaubenswahrheiten zu relativieren, deren theologische Relevanz aus seiner Sicht „nur noch für Feinschmecker nachvollziehbar“ ist. Das fängt bei der Wahl von Taufpaten an, die Henze zufolge keine Christen mehr sein und den Täufling auch nicht mehr im christlichen Glauben erziehen brauchen, sondern ihm lediglich die Liebe Gottes vermitteln sollen.

Bei unbequemen Passagen im Credo schweigen?

Und es geht weiter mit dem Glaubensbekenntnis, bei dem evangelische Pfarrer ganz offen empfehlen, „einfach zu schweigen, wenn man bestimmte Passagen … nicht mehr mitsprechen will“. Martin Niemöller, der 1968 im Zorn aus der Synode seiner Landeskirche schied, weil er der Überzeugung war: „Die Kirche ist keine Demokratie, weil sie einen Herrn hat“, sieht Henze kritisch. Er glaubt, dass die Kirchen nicht zu viel, sondern noch nicht genug Demokratie haben. Auch wenn es ihm durchaus Sorgen bereitet, dass inzwischen ziemliche viele Pfarrerinnen und Pfarrer der #für-mich Bewegung angehören und schlicht nicht mehr umsetzen, was ihre Vorgesetzten ihnen vorgeben. Seine Lösung: „den Blick um 180 Grad nach außen richten“.

Ob sich dieser Blickrichtung als im teleologischen Sinne performativ erweist, darf mit recht bezweifelt werden. Eine lohnende Lektüre ist Henzes Buch dennoch. Denn es zeigt, wohin wir kommen, wenn wir weiter dorthin gehen, wohin zumindest einige lautstarke Stimmen in der katholischen Kirche mit großer Eile streben.

Arnd Henze: Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest.
Herder Verlag 2019, 171 Seiten, ISBN 978-3-451-37979-6, EUR 18,–

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