WÜRZBURG

Nationale Zeitschriftenschau vom 08. August

Nationale Zeitschriftenschau vom 08. August

Klerikalismus in der Liturgie?

Die These von den strukturellen Ursachen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche gibt ihren Verfechtern Unangreifbarkeit und moralische Überlegenheit. Damit haben sie eine neue Waffe in der Hand, mit der sie jedes Festhalten an Prinzipien des katholischen Glaubens und seiner Ausdrucksformen als Schutzbehauptungen zur Rechtfertigung eines untragbaren Zustandes diskreditieren können. Ein solchermaßen entlarvter Gegner hat dann keine Legitimation mehr, um am Diskurs

teilnehmen zu dürfen, wodurch sich jede sachliche Auseinandersetzung mit seinen Argumenten erübrigt. Ein Beispiel dafür ist der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann, der aus einem vermeintlichen inneren Zusammenhang zwischen Klerikalismus und sexuellem Missbrauch und der Liturgie der Kirche weitgehende Forderungen ableitet, die auf eine faktische Abschaffung des Weiheamtes hinauslaufen. In der Herder Korrespondenz (7/2019 Verlag Herder Freiburg) hat der Freiburger Dogmatiker und Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping die Thesen von Kranemann kritisch gewürdigt. Die herausgehobene Stellung des Priesters in der Liturgie, angefangen beim besonderen Priestersitz, wird von Kranemann in Frage gestellt. Hoping macht darauf aufmerksam, dass der eigentliche Angriff sich gegen Vorstellung richtet, dass der geweihte Priester in der Liturgie „in der Person Christi als des Hauptes handelt“. Dies nennt Kranemann eine unangemessene „amtstheologische

Überhöhung des Priesters“, sprich reinen Klerikalismus. Hoping sieht dahinter ein funktionales Amtsverständnis, wenn Kranemann fordert, „dass der Priester nach dem Einzug wie der evangelische Amtsträger inmitten der Gemeinde Platz nimmt und nur bei Bedarf an den Vorstehersitz, Ambo oder Altar tritt“. Damit werde die Unterscheidung von allgemeinem Priestertum der Gläubigen und dem Weiheamt aufgegeben. Folgerichtig fordert Kranemann auch eine weitergehende Beteiligung der Gemeinde am Hochgebet. Ähnliche Tendenzen sieht Hoping auch, wenn Lektoren von Priestern gedrängt werden, die dem Priester vorbehaltene Einleitung und die Schlussdoxologie bei den Fürbitten zu übernehmen.

In einer von „Klerikalismus“ befreiten „demokratisierten Liturgie“ nach Kranemann kann jeder den Priestersitz einnehmen, der faktisch einen Gottesdienst leitet, die Homilie in der Messfeier sei nur eine

Sache der Kompetenz und nicht des Amtes, Segenswort und Segensgestus sollten folglich jedem, der die Leitungskompetenz hat, erlaubt sein.

Hoping erkennt in diesen Forderungen ein Beispiel für die Instrumentalisierung der Missbrauchskrise für Forderungen, „die damit gar nichts zu tun haben, etwa die Forderung nach dem Zugang von Frauen

zu allen Weiheämtern, einer neuen Ehe- und Sexualmoral und der Segnung nichtehelicher Lebensgemeinschaften, vor allem wiederverheiratet Geschiedener und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften …“ Da der gesamte Vorlauf des sogenannten ,Synodalen Weges‘ von seinen

Verfechtern mit dieser Strategie aufgezogen wurde, stehen alle tragenden Grundprinzipien des Glaubens auf dem Spiel, woran auch der jüngste Brief des Papstes nichts geändert hat, da sich seine Aussagen

in die eine oder andere Richtung letztlich gegenseitig aufheben.

Zur deutschen Vulgataübersetzung

Im selben Heft nimmt der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger das Erscheinen der deutschen Übersetzung der lateinischen Bibelausgabe des heiligen Hieronymus, der sogenannten Vulgata (Berlin Boston 2018, 5 Bde.), zum Anlass, Entstehung, Wirkungsgeschichte und Bedeutung dieser für die gesamte katholische Kirche maßgeblichen Übersetzung wieder bewusst zu machen.

Zwei angeführte Übersetzungsbeispiele werden vom Verfasser gelobt, werfen aber doch Fragen hinsichtlich der Treue der Übersetzer zu den Intentionen des Kirchenvaters auf. Bei Hieronymus steht in der vierten Bitte des Vaterunser: „panem nostrum supersubstantialem“. Dies wird in

der lateinisch-deutschen Neuausgabe mit „unser zum Leben notwendiges Brot“ übersetzt. Der Verfasser nennt das „eine durchaus kluge Entscheidung, lässt sie doch offen, welches Leben hier gemeint ist,

das zeitliche oder das ewige. Für Hieronymus wie für Origenes und andere Kirchenväter war klar, das hiermit nicht das Brot gemeint ist, das ,wir nach kurzer Zeit verdauen‘, sondern das himmlische überwesentliche Brot; deshalb wählte der Kirchenvater hier die lateinische Neubildung supersubstantialis, um das griechische Hapaxlegomenon epiousios nachzubilden.“ Für die Übersetzung aus dem Griechischen gibt es die Möglichkeiten „das zum Dasein notwendige Brot“ und „das zukünftige Brot“. Soll aber Hieronymus übersetzt werden, so handelt es sich doch wohl bei dem Brot einer höheren Substanz um das eucharistische Brot, weswegen auch das Vaterunser an dieser Stelle der Messfeier eingefügt worden ist. Die zweite Inkonsequenz ist Jesaja 7, 14: „die Übersetzer entschieden sich für ,junge Frau‘, gestehen allerdings, in einer Anmerkung zu, dass Hieronymus in seinem Kommentar aufgrund seiner christlich-messianischen Interpretation die engere Bedeutung von virgo: ,Jungfrau‘ bevorzugt“.

Schwienhorst-Schönberger sieht in der

deutschen Vulgata, die der „Septuaginta Deutsch“ gefolgt ist, einen Beleg für eine Wende in der Bibelwissenschaft: Rezeption werde nicht mehr „ausschließlich als Verdunklung einer vermeintlich reinen

Ursprungsbedeutung angesehen oder gar verachtet“, sondern als „theologisch ernst zu nehmender Vorgang reflektiert, bei dem das in alten Texten angelegte Sinnpotenzial in engen Kontexten in vertiefender Weise erschlossen werden und zur Geltung kommen konnte“.

Über die geistige Schriftauslegung

In Theologie und Philosophie (2/2019 Verlag Herder Freiburg) liefert Tobias Mayer einen ähnlichen Beitrag über die geistige Schriftauslegung und die damit verbundene Geschichtstheologie. Nach einer Zusammenfassung der literaturwissenschaftlichen Erforschung von Typologie und Allegorese im 20. Jahrhundert wendet sich der Verfasser den Arbeiten der Jesuiten Henri de Lubac und Jean Danielou zu, die der typologischen Schriftauslegung wieder Aufmerksamkeit in der Theologie verschafft haben. Lubac verstand unter Allegorese ausschließlich die christologische Auslegung des Alten Testamentes, wie sie exemplarisch der Apostel Paulus praktiziert hat. In ihr komme die untrennbare Einheit der beiden Testamente zum Ausdruck: Interpretationsschlüssel für das Alte Testament ist das Neue Testament, wobei das Alte Testament wiederum die unverzichtbare Grundlage des Neuen bleibt.

Wichtig ist, dass der Verfasser den Vorwurf gegen die typologische Schriftauslegung, sie werte das Alte Testament ab und leiste dem Antijudiasmus Vorschub, unter Hinweis auf den jüdischen Germanisten Erich Auerbach zurückweist. Zutreffend wird die Leistung der beiden Jesuiten zusammengefasst: „Die von Danielou und Lubac weitergeführte Auslegungstradition lässt die Präfigurationen in ein Wort münden: ,Ich bin es‘ (Matthäus 14, 62). Das Verstehen der Texte wird christologisch angeleitet, der allegorische Raum durch das Christusmysterium begrenzt – ohne damit der Hermeneutik einen zwingenden logischen Schluss zu diktieren.“ In dieser Schlußwendung und in dem Satz: „Es entspricht der Umgangsform mit heiligen Texten, sie zwar diskursiv zu erschließen, aber nicht doktrinär zu destillieren“ klingt eine gewisse Relativierung an, die mit einer Offenbarungstheologie zu beantworten ist, die Glauben als ein Freiheitsverhältnis versteht, in dem es um Entschiedenheit aus Treue zur erfahrenen Begegnung geht und die Menschwerdung Gottes als freiwillige Selbstfestlegung unter vielen Möglichkeiten begreift. In dogmatischen Sätzen legt sich dieser Glaube fest, weil Gott sich selbst festgelegt hat.

Unter den Anmerkungen fehlt der Hinweis auf grundlegende deutschsprachige Arbeiten zu Lubac und Danielou (R. Voderholzer: Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeutik, Einsiedeln 1998, und die vom diesem angeregte Dissertation: F. Erlenmeyer: Das Geheimnis der Geschichte in Christus deuten. Der Beitrag Jean Danielous zu einer theologischen Hermeneutik der Geschichte, Sankt Ottilien 2016).