Klosterneuburg

Mit Bescheidenheit das Leben regeln

Gilbert K. Chesterton will Staat und Großkapital in die Knie zwingen.

Chesterton war der Advokat der Freiheit
Chesterton war der Advokat der Freiheit, der den Menschen anonymen Mächten entziehen wollte, für die er nur Verfügungsmasse ist. Foto: IN

Es ist leicht, ihn zu unterschätzen, ihn als gutgelaunten Bonvivant britischen Zuschnitts einzusortieren, von dem man sich zwar unterhalten, aber nicht belehren lassen will: Gilbert K. Chesterton (1874–1936), im deutschen Sprachraum immer noch vor allem durch die Detektiv-Geschichten um „Pater Brown“ bekannt. Aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Kensington mit leicht extravaganten Eltern – sie standen der Liberal Party nahe und fühlten sich, obwohl nominell anglikanisch, als Unitarier – war er ein ziemlicher Spätentwickler mit einem großen Appetit auf Austausch und Diskussion. Zunächst Kunst-Student, fand er schnell heraus, dass er als Journalist und Autor glücklicher sein würde. So quecksilbrig Chesterton zu argumentieren pflegte, er hatte feste Bezugspunkte, zu denen seit 1922, dem Jahr der Konversion, auch der katholische Glaube gehörte, den er sich insbesondere auch im sozialpolitischen Denken zu eigen machte.

Davon zeugt der 1927 erschienene Band „The Outline of Sanity“, der unter dem Titel „Umriss der Vernunft“ jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt. Er stellt uns den Autor als Verfechter einer christlich inspirierten Sozialutopie vor, des Distributismus. Kapitalismus wie Sozialismus ablehnend, wird hier das Loblied auf die kleinteilige Wirtschaft gesungen, die das Eigentum an den Produktionsmitteln so breit wie möglich in der Bevölkerung ansiedeln will und allergisch gegen jede, letztlich immer auf Monopolstellung angelegte Kapital-Konzentration ist, in der damaligen Sprache: „anti-Trust“. Spätestens seit der durch menschliche Gier verursachten Wirtschaftskrise von 2008/2009 klingt das nicht nur sympathisch, sondern auch vernünftig.

Chesterton war der Advokat der Freiheit,
der den Menschen anonymen Mächten entziehen wollte,
für die er nur Verfügungsmasse ist.

Kurz bevor Chestertons Buch damals erschien, hatte das Vereinigte Königreich mit Ramsay Macdonald seinen ersten Labour-Premier bekommen, was ohne die Zäsur des Ersten Weltkriegs unmöglich gewesen wäre. So „antikapitalistisch“ Chesterton war, so wenig hielt er den Sozialismus für eine Alternative: „Der Sozialismus ist ein Konzept, in dem die ganze Gesellschaft für alle ökonomischen Prozesse, oder zumindest für alle jene, die das Leben und das Lebensnotwendige betreffen, in die Verantwortung gezogen wird. Wird irgendetwas Wichtiges verkauft, hat der Staat es verkauft... Durch seine extreme Begeisterung für Autorität ist er das absolute Gegenteil von Anarchie... Alles hängt von der Gerechtigkeit des Staates ab, alles wird auf eine Karte gesetzt, man legt alle Eier in einen Korb.“ Chesterton, wie jeder Brite, ist ein Freund individueller Freiheit, mit einer Universal-Verordnungen erlassenden Brüsseler Zentralbehörde konnten die Angelsachsen also nichts anfangen. Unser Autor geht einen Schritt weiter und lehnt das letztlich auch auf kollektive Lösungen setzende ungezähmt-kapitalistische Modell gleichfalls ab: „Das kapitalistische System ... beruht auf zwei Ideen: dass die Reichen immer reich genug sein werden, um die Armen anzustellen, und die Armen immer arm genug sein werden, um angestellt werden zu wollen. Es geht zugleich davon aus, dass jede Seite ohne einen Gedanken an das Gemeinwohl mit der anderen feilscht.“ Immerfort sollen wir kaufen und verkaufen, und sei es die eigene Arbeitskraft. Chesterton entlarvt das Reden vom unvermeidlichen gesamtgesellschaftlichen Fortschritt durch die Herrschaft des Profits als Nebelrakete, die nur der Plutokratie, wie man damals sagte, den Weg bereiten sollte. Heute würde man große Internet-Konzerne als in Bereiche vordringende Kraken ansehen.

Nebelrakete vom gesamtgesellschaftlichen Fortschritt

Damals, in der Zwischenkriegszeit, waren es die Öl-Gesellschaften, die ganze Länder in Besitz nahmen, waren es Warenhaus-Ketten, denen Chestertons besonderer Zorn gilt. Das mag kurios anmuten, war zu dieser Zeit aber ein großes Thema. In den kleinen Geschäften bürge am Ende noch der Inhaber für die Qualität der Waren, meint der Brite, der dafür plädiert, am Abend in ,seinen‘ Pub zu gehen und Waren nur in den Geschäften seines Vertrauens zu erstehen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber Chesterton stellt sich ihm unerschrocken: Ganz unzeitgemäß plädiert er für kleine Betriebe und kleine Bauernstellen, für ein Volk von „Kleinbesitzern“. Er wettert gegen den „monströsen Größenwahn der Großunternehmen mit ihrer aufdringlichen Werbung und ihrer dummen Vereinheitlichung“ und wünscht sich „freiwillige Selbstorganisationen“ nach Art von Zunft und Gilde. Wer das für aus der Zeit gefallen hält, mag recht haben. Liest man Chestertons leidenschaftlich vorgetragene Philippika, sollte man sich aber vor Augen führen, dass auch heute Menschen auf jener Insel exakt so denken. Es ist wohl keine Mehrheit im Land und war auch damals keine Mehrheit. Doch besteht der Autor darauf, dass er nicht die Phantasie eines „Fröhlichen Landmannes“ beschreiben, dass er nicht in eine imaginierte, von ideal denkenden Menschen bevölkerte Welt wegflüchten will, sondern dass er einen Ort beschreibt, an dem die Menschen „gerne bleiben möchten“. Beschreibt Chesterton also 1927 unsere Zeit, wenn er formuliert: „Alles wird immer starrer und gewohnter werden, eine Welt der Organisationen, der Zusammenschlüsse, der Standardisierung. Die Menschen werden universell genormte Hüte, Häuser, Ferien und patentierte Medikamente bekommen. Sie werden durch ein umfassendes und komplexes System mit Nahrung versorgt, gekleidet, ausgebildet und kontrolliert werden.“ Ihm gefällt das nicht und er warnt: „Wenn irgendetwas aus der Historie und der menschlichen Natur abgeleitet werden kann, dann dass Despotien immer despotischer werden.“ Wir werden ihm heute, nach allem, was seid den letzten Zwanziger Jahren geschah, wohl zustimmen müssen.

Große Ketten meiden, auf Subsistenz-Wirtschaft setzen

Hier erreicht Chestertons an Sozialromantik gemahnender Warnruf, die großen Ketten zugunsten der kleinen Läden zu meiden und auf Subsistenz-Wirtschaft zu setzen, visionäre Kraft. Aber der Londoner, der ein begeisterter Pub-Gänger war, alles andere als ein Puritaner und jederzeit bereit, bei einem Ale allen Rede und Antwort zu stehen, die seine Thesen diskutierten, hatte noch einen ganz persönlichen Grund, bereits vor Aldous Huxley vor der „brave new world“ zu warnen: „Es wird keine Exzentrik mehr geben, keinen Humor, keine hochherzige Verachtung der Welt. Es wird nichts geben als ein abscheuliches Ding namens Sozialdienst, was gleichbedeutend ist mit loyalitätsloser Sklaverei.“

Dagegen steht Chestertons Dritter Weg: Er redet letztlich dem gesunden Menschenverstand das Wort, der Vernünftigkeit des Durchschnitts-Menschen, der für die anonymen Mächte nur Verfügungsmasse ist. Er stellt fest, in grundsätzlichen Dingen „vertraut die alte Religion dem Menschen, während die neue Philosophie dem Menschen grundsätzlich misstraut“. Sie will ihn lenken, für ihn denken und schafft so jede Freiheit ab. Chesterton traut dem Menschen, zumal dem, der sich in Gott verankert weiß, etwas zu. Er ist der Advokat der Freiheit.

Gilbert K. Chesterton: Umriss der Vernunft.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2020, 254 Seiten, ISBN 978-3-95757-787-0, EUR 24,–

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