Würzburg

Internationale Zeitschriftenschau am 02.01.2020

Emotionen versus Vernunft - Eine „kultische Katastrophe“ - „Katholik des Jahres 2019“ - Meinungsfreiheit und Islam.

Internationale Zeitschriftenschau
In Le Point macht sich Laetitia Strauch-Bonart über die zunehmende Wertschätzung von Gefühlen als einer „bedenklichen Weihe der Emotion“ Gedanken. Foto: Le Point

Emotionen versus Vernunft

Über die zunehmende Wertschätzung von Gefühlen als einer „bedenklichen Weihe der Emotion“ macht sich Laetitia Strauch-Bonart in Le Point Gedanken. Die Nominierung von Greta Thunberg zur Person des Jahres 2019 durch das Time-Magazin ist für sie symptomatisch für eine „zunehmende Tendenz in unseren Gesellschaften, die den Emotionen mittlerweile einen Ehrenplatz im öffentlichen Leben einräumen“. So resultiere der Erfolg des jungen Mädchens größtenteils daraus, dass sie das „emotionale Register“ gezogen habe. So habe sie „stets versucht, ,Angst‘ einzuflößen und ihren Kampf mit ihrer ,Wut‘ zu rechtfertigen“. Auch politische Ereignisse lösten zunehmend starke Gefühle aus: „so bei jenen Briten, die äußerten, unter der ,Angst vor dem Brexit‘ zu leiden“. Doch das „Sentiment“ als politische Ursache oder Wirkung sei nichts Neues. So habe schon Gustave le Bon den „irrationalen Charakter der Massen“ hervorgehoben. Es sei offensichtlich, dass der Totalitarismus nicht ohne die Instrumentalisierung mächtiger Triebe entstehen und sich halten konnte: Doch während gestern Emotionen in der Politik noch peinlich waren und kritisiert wurden, werden sie heute „öffentlich honoriert“. Dies verändere das politische Handeln selbst: Unsere führenden Politiker hätten Reserviertheit und Distanz gegen die Impulsivität von Tweets eingetauscht.

Neu sei auch die Auffassung, die unsere Politiker von ihrer Aufgabe hätten, als ob „sie sich nicht mehr nur mit unseren Handlungen, sondern mit unseren Gefühlen befassen müssten. Beachtenswert ist daher das verstärkte Auftreten des Wortes ,Hass‘ in der Politik, wie etwa bei dem Gesetzentwurf, der darauf abzielt, ,Hassinhalte im Internet zu bekämpfen‘.“ François Sureau bemerkt dazu in seinem Buch „Sans la liberté“: „Indem das Gesetz sich auf den Begriff des Hasses stützt, das ein aus dem Innersten stammendes Gefühl ist“, führe es die strafrechtliche Verfolgung in das Innere des Gewissens ein. Doch Hass könne vielleicht „tadelnswert sein – doch er ist es nicht immer. Er allein kann noch keinen Anlass zur Verurteilung geben.“

Mit anderen Worten, so Strauch-Bonart: „Eine Emotion ist keine Handlung und sollte nicht als solche behandelt werden.“ Die „zunehmende Wertschätzung der Emotion auf Kosten der Vernunft ist nicht harmlos“.

Nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine „kultische Katastrophe“

Die Liebhaber der Gregorianik befürchten, dass sich hinter der – mit finanziellen Gründen gerechtfertigten – Kündigung des musikalischen Leiters der geistlichen Musik des Mittelalters von Notre-Dame der Wunsch verberge, „das Repertoire der Domsingschule zu modernisieren“, wie der Figaro mitteilt.

Künstler und Intellektuelle rufen nun in einem Appell auf, diese „kultische Katastrophe“ zu verhindern. Die bisherige Tätigkeit von Sylvain Dieudonné, seit über 25 Jahren aktives Mitglied der Domsingschule, bedeute ein „unvergleichliches patrimoniales, kulturelles und liturgisches Vermögen“. Der Chorleiter ist nicht nur Musiker. Er ist auch ein gelehrter Musikwissenschaftler, der „den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen der Domsingschule nicht nur Unterricht in Gregorianik vermittelt, sondern auch unser Wissen über die Musik des Mittelalters und der Renaissance bereichert hat. Jedes seiner Konzerte war ein Ereignis: in Szene gesetzte alte restaurierte Instrumente, die die Kathedrale erschlossen und die demonstrierten, wie die Musik des Mittelalters in der Kirche damals erklang. Seine Konzerte zogen ein breites und treues Publikum an und verstärkten die Wirkung des Schmuckkästchens Notre-Dame.“ Jeden Sonntagmorgen wurde hier ein gregorianischer Gottesdienst gefeiert, der „die Vitalität dieses religiösen Erbes sicherte“ und die Verbundenheit der Tradition mit der Liturgie gezeigt habe. Der gregorianische Gesang ist nicht nur das – Jahrhunderte währende – Repertoire der katholischen Liturgie, sondern auch der Ausgangspunkt unserer abendländischen Musik.

„Katholik des Jahres 2019“

Einer der von Our Sunday Visitor gewürdigten Katholiken des Jahres 2019 ist Richter Clarence Thomas, der sich „als machtvolle Stimme bei der Verteidigung des ungeborenen menschlichen Lebens“ etabliert hat. Im vergangenen Jahr habe er eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er die „Verbindung zwischen Abtreibung und Eugenik“ aufzeigte. Er betonte, dass „Geburtenkontrolle und Abtreibung als Instrument gefördert“ würden, um die Geburten bei bestimmten Gruppen einzuschränken. Thomas besuchte als Kind eine von Nonnen betriebene afroamerikanische Schule in Georgia und studierte am Holy Cross College in Massachusetts und an der Yale University. In seiner Stellungnahme vom Mai 2019 wies Richter Thomas auf die „rassische Diskrepanz“ bei Abtreibungen hin, da die Abtreibungsrate bei schwarzen Frauen sehr viel höher als bei weißen Frauen sei.

Meinungsfreiheit und Islam

Als „gute Nachricht für die Meinungsfreiheit“ würdigen der Jurist Grégor Puppinck und der Wissenschaftler Nicolas Bauer vom „Centre européen pour le droit et la justice (ECLJ)“ in Valeurs actuelles eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Während dieser im vergangenen Jahr die Verurteilung einer Referentin bestätigte, die Mohammed als einen – nach heutigen Maßstäben – Pädophilen bezeichnet hatte, kritisierte er nun das Urteil von Aserbaidschan gegen zwei Journalisten, die sich sehr kritisch gegenüber dem Islam geäußert hatten. Aserbaidschan ist Mitglied des Europarates, aber auch der Organisation für islamische Zusammenarbeit, und hält an der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam fest, die die Meinungsfreiheit der Scharia unterordnet. Die beiden verurteilten Journalisten hatten in einem 2006 veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Europa und wir“ beim Vergleich zwischen Aserbaidschan, Islam und Europa „die Überlegenheit der abendländischen Kultur“ sowie die „Dummheit“ und „Verrücktheit“ muslimischer Philosophen festgestellt und bezeichneten den Gründer des Islam im Vergleich mit Jesus Christus als „furchterregende Kreatur“. Nach ihrer Ansicht „wird sich der Islam in Europa nur durch die Demographie – und nicht durch seine eigenen Stärken – weiterentwickeln können“. Dies hatte eine, die Journalisten mit dem Tode bedrohende, Fatwa zur Folge, und die aserbaidschanischen Autoritäten verurteilten sie zu drei und vier Jahren Haft wegen „Aufstachelung zum religiösen Hass“. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab nun den Journalisten Recht und verurteilte Aserbaidschan zu 24 000 Euro Schadenersatz.