Würzburg

Internationale Bücherschau am 11. Juli

Die Tagespost bespricht Neuerscheinungen von Rémi Brague, Serafín Fanjul und Mike Aquilina und James L. Papandrea.

Internationale Bücherschau
Mit "How Christianity Saved Civilization" liefern Mike Aquilina und James P. Papandrea eine detaillierte Analyse des „Alten Rom“.

Das erste Buch, das von Rémi Brague auf Englisch als Original erscheint, besteht aus Vorlesungen, die der Philosoph vor einem englischsprachigen Publikum hielt. Darin schildert er, wie traditionelle Wahrheiten und Tugenden in der Moderne umfunktioniert und ihres ursprünglichen Sinnes und Kontextes beraubt wurden. Man könnte auch sagen, bei den „verrückten Wahrheiten“ handele es sich um Häresien, ein Wort, das Brague allerdings nicht benutzt. „Fakt ist“, so schreibt Brague in seiner Einleitung, „dass die moderne Welt vom katholischen Kapital lebt.“ Sie lebe von Wahrheiten, die ihr aus der Schatzkammer des Christentums verblieben seien. Diese lasse die Moderne jedoch nicht unversehrt, sondern beschädige sie.

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„Curing Mad Truths" ist das erste Buch von Rémi Brague, das im Original auf Englisch erscheint.

Ein Beispiel sei die moderne Definition der „Freiheit“. Der moderne Mensch halte Freiheit für eine Lizenz, all dem zu frönen, wozu uns eine Leidenschaft antreibt. Brague hält eine solche Definition für eine Anleitung zur Selbstversklavung. Auch die Vorstellung von Schuld habe sich in der heutigen Zeit gewandelt, in der Amerikaner und Europäer ständig nach Gnade und Vergebung für die Schuld ihrer Vorfahren bitten: „Wir leben noch immer in einer ,Schuldkultur‘ (Ruth Benedict). Es sieht sogar danach aus, dass wir gerade zu Zeugen einer bizarren Rückkehr der großen Flagellanten-Umzüge werden, die zu Zeiten der Pest stattfanden – mit dem Unterschied, dass wir lieber unsere Ahnen als uns selbst auspeitschen.“ Damit empfingen wir, so Brague, „eine Art pervertiertes Bußsakrament ohne Absolution“. Als Heilmittel empfiehlt er, zur christlichen Weisheit des Mittelalters zurückzukehren, als Tugenden und Wahrheiten Begründung und Zielsetzung im Naturgesetz und damit im Übernatürlichen fanden.

Rémi Brague: „Curing Mad Truths: Medieval Wisdom for the Modern Age (Catholic Ideas for a Secular World)“. University of Notre Dame Press 2019, 152 Seiten, EUR 28.–


Das Buch des renommierten spanischen Arabisten Serafín Fanjul – nun in der französischen Übersetzung erschienen – löste bei Veröffentlichung des spanischen Originals heftige Debatten in seiner Heimat aus. Schließlich widmet sich der Professor für arabische Literatur an der Autonomen Universität von Madrid und ehemalige Direktor des islamischen Kulturzentrums von Kairo der Dekonstruktion eines weitverbreiteten und besonders unter den Befürwortern der Legende eines friedlichen Zusammenlebens der drei „Buchreligionen“ äußerst beliebten Mythos. Dieser besagt, dass in Spanien unter der muslimischen Herrschaft nach der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert bis zum Ende der Reconquista 1492 eine Zeit der religiösen Toleranz und harmonischen Koexistenz herrschte: Muslime, Christen und Juden lebten in Eintracht miteinander, was den Partisanen einer multikulturellen Gesellschaft als Vorbild künftiger Systeme überhaupt gilt. Einer eingehenden historischen Überprüfung, die zahlreiche Aspekte dieser Zeit berücksichtigt und analysiert, hält dieses Narrativ indes nicht stand, sondern geht an der historischen Wirklichkeit vorbei.

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Über das nun auf französisch erschienene "Al-Andalus, L'invention d'un mythe" von Serafín Fanjul wurde schon bei Veröffe...

Das monumentale Werk mit mehr als 700 Seiten enthält zwei Bücher: „Al-Andalus gegen Spanien“ sowie „Der Wunschtraum Al-Andalus“. Der Autor, der sein Leben dem Studium des Islam als religiösem, soziologischem, wirtschaftlichem und politischem Phänomen gewidmet hat, zeigt, wie weit entfernt die Realität von dem irdischen Paradies einer Vermischung von Kulturen und Ethnien tatsächlich war. Christen, die sich nicht zum Islam bekehren wollten, mussten hohe Steuerlasten tragen und wurden unzähligen Schikanen ausgesetzt – wenn sie nicht einfach niedergemetzelt wurden. Der Verfasser erinnert daran, was der Status eines Dhimmi für einen Nicht-Muslim bedeutete: Er durfte mit einem Muslim nicht mit lauter Stimme sprechen und auch kein Haus bauen, das höher als das des muslimischen Nachbarn war. Unter dem Einfluss der Almohaden verschärften sich die Vorschriften im 12. und 13. Jahrhundert weiter: Alle Spiele waren verboten, vor allem Dame und Schach, ebenso die Musik. Fanjul, fundierter Kenner sowohl der spanischen als auch der arabischen Kultur, weist zudem nach, dass Spanien – und damit auch ganz Europa – den maurischen Invasoren praktisch nichts zu verdanken habe. Die Architekturwunder in Südspanien – Moscheen und prächtige Paläste – wurden von Spaniern oder von Sklaven erbaut, die über von Rom oder den Westgoten übernommene architektonische Kenntnisse und Fähigkeiten verfügten. „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen“, sagte Cäsar einmal. Die romantisierende Erfindung eines toleranten und quasi paradiesischen „Al Andalus“ gehört wohl dazu.

Serafín Fanjul: „Al-Andalus, L'invention d'un mythe – La réalité historique de l'Espagne des trois cultures“. Editions du Toucan 2019, 715 Seiten, EUR 12,06


Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Dieses Schriftwort ist eine der grundlegenden Thesen des Buches von Mike Aquilina und James P. Papandrea. Doch die beiden Verfasser gehen weit darüber hinaus. So liefern sie nicht nur eine detaillierte Analyse des „Alten Rom“, zwischen dessen untergehender Kultur und den moralischen und kulturellen Abwärtsbewegungen der heutigen Zeit sich unübersehbare Parallelen entdecken lassen.

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Mit "How Christianity Saved Civilization" liefern Mike Aquilina und James P. Papandrea eine detaillierte Analyse des „Al...

Aus der Geschichte drängten sich schließlich Schlussfolgerungen auf, die bei der Bewältigung aktueller Krisen hilfreich sein könnten: „Die Kirche kann heute erneut die Welt verändern“, so, wie in den ersten Jahrhunderten ihrer Existenz schon geschehen. In sieben Bereichen schildern die Autoren eine „Revolution“ – der Person, des Heimes, der Arbeit, der Religion, der Gemeinschaft, des Todes sowie des Staates. Wurden Neugeborene in der spätrömischen Ära noch der Macht des Vaters preisgegeben, über Tod oder Leben seines Nachwuchses selbst zu bestimmen, so pochte das Christentum auf die Personenwürde eines jeden Menschen, sei dieser noch so klein oder schon so alt. „Wie das Christentum die Zivilisation rettete – und es erneut tun muss“ ist eine inspirierende Lektüre, die das Veränderungspotenzial des Glaubens in Erinnerung ruft.

Mike Aquilina und James L. Papandrea: „How Christianity Saved Civilization … And Must Do So Again“. Sophia Institute Press 2019, 270 Seiten, EUR 16,42