Würzburg

"Integration durch Separation"

Wie hat Theoderich die Römer regiert? Eine geringe Zahl von Goten herrschte über die Bevölkerung Italiens.

Theoderich der Große
Theoderich der Große schenkte der Apenninenhalbinsel Frieden. Foto: IN

Er begann seine Karriere damit, dass er seinen wichtigsten Widersacher kurzerhand mit einem einzigen Schwerthieb erledigte und dessen Gefolgsleute massakrieren ließ. Normalerweise gehören Herrscher, die so begannen, zu den Bösewichtern der Weltgeschichte. Doch  Theoderich der Große , der auf solche Weise im Jahr 493 den Odovakar beseitigt hatte, regierte dreißig Jahre erfolgreich die Apenninenhalbinsel und schenkte ihr eine Periode des Friedens.

Theoderich der Große - faszinierende Herrschergestalt

Der in Erlangen lehrende Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer beleuchtet in einem neuen Buch diese faszinierende Herrschergestalt. Kaum überraschend geht dieses Buch über eine bloße Biographie weit hin-aus. Vielmehr wird hier die ganze Epoche des Theoderich mitsamt ihrer Vorgeschichte – inklusive der Zeit der Völkerwanderung – und ihren Nachklängen bis in die Gegenwart hinein gründlich aufgerollt. Diese umfangreiche Monographie dürfte auf absehbare Zeit das Standardwerk über diesen gotischen König von Italien sein.

Theoderichs Herrschaft war ein Balanceakt, bei dem der König trotz aller Bemühungen manchmal das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Die erste Schwierigkeit lag schon darin, mit einer zahlenmäßig deutlich geringeren Zahl von Goten über die angestammten Bewohner Italiens zu herrschen. Eine Vermischung der beiden Gruppen lag nicht in Theoderichs Plänen. Der König verfolgte eine Politik der „Integration durch Separation“, indem er faktisch einen Doppelstaat schuf. Für die Goten war deren Militärverwaltung zuständig, für die übrigen Bewohner blieb die römische Zivilverwaltung bestehen.

Diese wurde dominiert von den alten Eliten. Zwar gab es im Westen keinen Kaiser mehr, der römische Senat aber existierte immer noch. Noch immer bewahrten dessen – mittlerweile alle christlichen – Mitglieder ihr Standesethos und die hergebrachte Bildung und manche Senatoren verfügten noch immer über märchenhaft großen Besitz, der ihren Familien politischen Einfluss sicherte. Theoderich respektierte ihre Vorlieben und Befindlichkeiten durchaus. Eingehend schildert Wiemer den Rom-Besuch Theoderichs im Frühjahr 500, bei dem dieser mit einem komplexen Zeremoniell sowohl dem römischen Bischof wie dem Senat seine Aufwartung machte. Es ist auch reizvoll zu sehen, wie die Selbstdarstellung des Königs sich oft an den antiken Mustern orientierte. Die auf fragwürdigen Hochverratsvorwürfen basierende Hinrichtung des aus der Senatorenschicht stammenden Politikers und Philosophen Boethius allerdings wirft bis heute einen Schatten auf Theoderich.

Bikonfessionalität mit wechselseitiger Duldung

Eine weitere Schwierigkeit ergab sich daraus, dass Theoderich und seine Goten Homöer waren, also nicht der in Nikäa beschlossenen Christologie folgten, während die übrige Bevölkerung dem katholischen Bekenntnis angehörte. Daraus ergab sich faktisch eine Situation der Bikonfessionalität. Theoderich verfolgte eine pragmatische Politik der wechselseitigen Duldung. Auch die Juden erfreuten sich seines Schutzes, während Manichäer und andere abweichende Glaubensrichtungen verfolgt wurden. Normalerweise bemühte er sich um gute Beziehungen zu den katholischen Bischöfen, besonders dem Papst in Rom. Bei seinem Rombesuch im Jahr 500 verehrte er wie die früheren christlichen Kaiser das Grab des Apostels Petrus, auch wenn seine eigene Glaubensgemeinschaft den Papst gar nicht als dessen Nachfolger anerkannte. Mit Papst Johannes I. geriet er allerdings in Konflikt, als dieser bei einem Besuch in Konstantinopel ein seiner Ansicht nach zu enges Einvernehmen mit dem Kaiser an den Tag legte.

Denn nicht zu vergessen: Im Osten der Mittelmeerwelt gab es noch immer einen römischen Kaiser. Zwar hatte man sich in Ostrom mit der Existenz der Germanenreiche faktisch abgefunden, das konkrete gegenseitige Verhältnis war aber zunächst unbestimmt. Fünf Jahre musste Theoderich verhandeln, bis er offiziell als König von Italien anerkannt wurde. Und auch danach waren die Beziehungen nicht unproblematisch. Theoderich musste freilich nicht mehr erleben, dass die Byzantiner die Rückeroberung Italiens tatsächlich in Angriff nahmen.

Eine Gestalt aus der Epoche Theoderichs, der sichtlich die Sympathie des Historikers Wiemer gehört, ist Cassiodor, der als Mitglied der senatorischen Aristokratie zunächst eine traditionelle politische Laufbahn verfolgte und später das Kloster Vivarium gründete. Dass er dessen Mönche zum Abschreiben von Handschriften anhielt, ist sein unsterbliches Verdienst um die Bewahrung der antiken Literatur.

Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Hintergründe

Wiemer skizziert auch die wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Hintergründe und erinnert daran, von welchen für heutige Mitteleuropäer unvorstellbaren Härten das Leben der damaligen Durchschnittsmenschen geprägt war. Sogar der Klostergründer Cassiodor hielt es für völlig normal, dass Eltern in Zeiten von Missernten und allgemeiner Not ihre Kinder in die Sklaverei verkauften, und er besaß dafür auch eine sachlich zutreffende Begründung: „Es steht ja außer Zweifel, dass es denen als Sklaven besser gehen kann, die von der Landarbeit zum Dienst in der Stadt versetzt werden.“ Die Epoche war zudem geprägt vom langsamen Verfall der städtischen Strukturen, den auch punktuelle Maßnahmen nicht aufzuhalten vermochten. Besonders in seinen norditalienischen Residenzstädten (besonders Ravenna) tat sich Theoderich durch Bauunternehmen hervor. Doch als er im Jahr 500 in Rom im alten Circus Maximus für das Volk Wagenrennen veranstaltete, blieben Zuschauerplätze leer, da die Bevölkerung abgenommen hatte.

Auf Theoderich folgte der Verfall des Gotenreiches in Italien, das von den Truppen Justinians ausgelöscht wurde. Auch für die Stadt Rom hatten diese Auseinandersetzungen dramatische Folgen. Die dunkle Zeit des Frühmittelalters war endgültig hereingebrochen.

Wiemer zeigt auch, wie spätere Zeiten auf das Reich des Theoderich blickten. Bemächtigte sich im Zeitalter des Nationalismus eine romantisierende Germanentümelei dieser Gestalt, waren weiterblickende Geister fasziniert von der Tatsache, dass unter Theoderich zumindest teilweise eine Symbiose zwischen dem Römischen und dem Germanischem gelang. Sein Konzept der „Integration durch Separation“ erwies sich als erfolgreiche Idee, die nicht unbedingt Nachahmung, aber sicher auch heute noch Aufmerksamkeit verdient.

Hans-Ulrich Wiemer: Theoderich der Große. König der Goten, Herrscher der Römer. C.H. Beck, München 2018, gebunden, 782 Seiten, ISBN 978-3-406-71908-0, EUR 34,–