Würzburg

In Gemeinschaft Wahrheit erfahren

Für Rocco Buttiglione gibt es objektive Erkenntnis, der Einzelne gelangt jedoch nie zu ihrer Gesamtschau.

"Die Schule des Aristoteles" von Gustav Adolph Spangenberg, um 1885.
Es gibt objektive Wahrheit, und der Mensch kann sie erkennen: Aristoteles (rechts) war ein Gewährsmann für diese Sicht. Ausschnitt aus dem Fresko „Die Schule des Aristoteles“ von Gustav Adolph Spangenberg, um 1885. Foto: IN

Viele Menschen sprechen davon, dass sich unsere Demokratie in einer Krise befindet. Sie diagnostizieren eine Staatskrise, eine Parteienkrise, eine sich ankündigende Wirtschaftskrise, eine Klima- und Umweltkrise, nicht zuletzt eine Krise des Rechtsstaates. Dieses Krisenszenario lähmt unser Zusammenleben und verdunkelt unsere Zukunftsperspektive. Derartiges Krisengeschrei erschwert die ernsthafte Suche nach verträglichen Lösungen, weil es polarisiert, die Welt in Gut und Böse teilt und die Suche nach einem Konsens erschwert. Bei Lichte betrachtet verbirgt sich dahinter eine Flucht aus unserer politischen Wirklichkeit, obwohl die angesprochenen Symptome durchaus – mal mehr, mal weniger – einen Besorgnis erregenden Hintergrund haben. Denn dieser wird nicht ernsthaft erörtert.

Erosion der geistigen Grundlagen unserer Demokratie

Diesem Phänomen liegt etwas sehr Grundsätzliches, im Verborgenen Schwelendes, Existenzielles zugrunde: die Erosion der geistigen Grundlagen unserer liberal-demokratischen Demokratie. Wir geben uns „weltoffen“, suchen aber nur selten das Gespräch mit unserem Nächsten. So kommt es zur Vernachlässigung der Frage, worauf die Demokratie in ihrem tiefsten Inneren gründet: die Menschenwürde. Die Beschäftigung mit den philosophischen Grundlagen unserer Demokratie bleibt dann auf der Strecke.

Rocco Buttigliones Studie „Die Wahrheit im Menschen“ unternimmt den Versuch, die geistigen Grundlagen der philosophischen Fundamente unserer Demokratie aufzuhellen. Mit ihm äußert sich ein Philosoph, der in seiner Zunft höchstes Ansehen genießt. Er ist Direktor des Johannes-Paul-Lehrstuhls an der Päpstlichen Lateran Universität in Rom und war von 1984 bis 1991 Mitglied des Päpstlichen Rates Iustitia et Pax. Heute noch ist er Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften. In seiner langjährigen akademischen Laufbahn hat er zahlreiche grundlegende Studien vorgelegt, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Buttiglione ist aber nicht nur Philosoph, er war auch viele Jahre politisch tätig als Abgeordneter in Italien und im europäischen Parlament. Er brachte seine Erfahrungen in zahlreiche Parlamentsausschüsse ein und wirkte als Kultusminister und Minister für Europa-Angelegenheiten in unterschiedlichen Kabinetten. Mit Buttiglione spricht ein Mann zu uns, der Theorie und Praxis in seiner Lebensgeschichte in Verbindung zueinander gesetzt hat. Von dieser doppelten Erfahrung ist das hier angezeigte Buch durchdrungen. Sein Leitsatz, den er bereits im Vorwort formuliert, lautet: „Es gibt eine objektive Wahrheit, und der Mensch kann diese Wahrheit erkennen. Diese menschliche Erkenntnis der Wahrheit ist jedoch immer unvollständig und muss gerade deshalb durch die Wahrheitserfahrung anderer Menschen ergänzt werden.“

Philosophie-Geschichte von der Antike bis in die Neuzeit

Diesen Gedanken spiegelt er in der Philosophie-Geschichte von Platon und Aristoteles bis in die Neuzeit hinein zu Descartes, Montaigne und Voltaire. Seine Betrachtungen enden nicht mit der Aufklärung. Er setzt sie bis in unsere Tage zu Pascal, Popper und Bobbio fort. Sie schließen mit Betrachtungen zu einem religionsphilosophischen Dialog zwischen Eugenio Scalfari und Papst Franziskus, der in der italienischen Zeitung „La Repubblica“ im Jahr 2013 ausgetragen wurde. Darin geht es unter anderem um die zentrale Frage, ob es notwendig ist, an Gott zu glauben, um moralisch handeln zu können. Diese Problematisierung verweist darauf, dass der Autor keine einfachen Antworten gibt. Daran ändern auch die klaren Gedanken und Sätze nichts, die wie auf einer Perlenschnur an den Leser herantreten. Sie erleichtern allerdings die Lektüre.

Buttiglione geht bei seinen Betrachtungen zur Wahrheit von der Widersprüchlichkeit der Vernunft und des Denkens aus. „Wenn wir denken“, schreibt er, „halten wir den Inhalt unseres Denkens für wahr. Zugleich sind wir uns der Flüchtigkeit dieses Inhalts bewusst. Unser Denken ist wahr, aber seine Wahrheit ist begrenzt.“ Die Begrenzung der Wahrheit, es ließe sich auch sagen, der immerwährende, allgegenwärtige Versuch, die vermeintliche eigene Wahrheit absolut zu setzen, anderen aufzudrängen, entspricht seiner menschlichen Erfahrung, widerspricht aber seiner philosophischen und politischen Erkenntnis, in dessen Mittelpunkt der Zweifel steht. Nach Augustinus gibt es in jedem Irrtum auch eine Wahrheit. Aber umgekehrt gilt auch, in jeder Wahrheit liegt ein Irrtum. „Der Irrtum entsteht gewöhnlich aus der Entdeckung einer Wahrheit“, schreibt Buttiglione in der Auseinandersetzung mit Scalfari, „die blendet und nicht gestattet, andere Wahrheiten zu sehen, die das gleiche Recht haben, wahrgenommen zu werden.“

Der Herausgeber dieses Buches, Christoph Böhr und der angesehenen wissenschaftlichen Reihe „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“, in der es erscheint, resümiert: „Objektive Wahrheit kann nur in Freiheit angenommen und auf dem einer freien Entscheidung Weg zur subjektiven eigenen Wahrheit werden … Denn der Mensch ,besitzt‘ Wahrheit nur als subjektive, mithin relative Wahrheit, die je einzelne Seiten eines Gegenstandes abbildet, niemals aber zu einer Gesamtschau kommt.“

Keine Polemik gegen Gewissheitsansprüche

Buttiglione widersetzt sich jedweder Form unbedingter  Gewissheit  in der Philosophie wie in der Politik, wo sie großen Schaden anrichten kann. Aber eine allgemeine Polemik gegen alle Ansprüche von Gewissheit lehnt er ab, weil sie die Ausübung der Vernunft unmöglich macht und jegliche menschliche Gemeinschaft auflöst. Der liberal-demokratische Staat kennt deshalb eine Staatsreligion ebenso wenig wie eine Staatsphilosophie. Jegliche Form des Dogmatismus liegt ihm fern. Dies gelte auch für die Macht des Volkes, die wie jede Macht geordnet und begrenzt werden muss. Politik ist nie alternativlos, weil sie das politische Urteil anderer nicht stigmatisieren oder gar verbieten darf. Das Säen von Gewissheiten ist auch unserer Zeit nicht fremd. Der Zeitgeist ist ihr Freund, der Nonkonformismus ihr Feind. Zur Grundlage der Demokratie gehört der Diskurs. Wo er eingeschränkt wird, geht Freiheit verloren. Der Wert der Demokratie wird am ehesten dort erfahrbar, wo die Würde des Menschen in den Mittelpunkt rückt, und das geschieht im offenen Gespräch. Ist dies nicht gegeben, wird über sie verfügt. „Schöpferisch ist man immer zusammen mit anderen“, heißt es am Schluss dieses lesenswerten Buches, das viele Einsichten über das Wesen der Demokratie jenseits des täglichen Lärms vermittelt.

Rocco Buttiglione: Die Wahrheit im Menschen. Jenseits von Dogmatismus und Skeptizismus. Springer Verlag, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-14027-4, EUR 59,99