Würzburg

Die Niederungen des römischen Alltags

Was uns die Wandkritzeleien aus der römischen Antike über die Kultur erzählen.

Antike Graffiti
Die Gladiatorenkämpfe waren ein beliebtes Thema antiker Graffiti. Foto: Herder Verlag

Bitte wählt Nerus zum Ädil. Die Salbenhändler setzen sich für ihn ein.“ So kann man es noch heute in Pompeji auf einer Hauswand lesen. Unter normalen Umständen wäre dieser Wahlaufruf aus dem ersten Jahrhundert nach Christus schon längst verschwunden. Doch Pompeji ist eben keine normale Stadt. Das einst gänzlich unspektakuläre Provinzstädtchen ist durch den Vesuvausbruch des Jahres 79 nach Christus, der es unter einer Ascheschicht begrub, unsterblich geworden, zum Eldorado für jeden, der sich für antikes Alltagsleben interessiert. Hier blieb erhalten, was der Zahn der Zeit andernorts gnadenlos vertilgte. Und so konservierte die Ascheschicht auch viele Wandinschriften. 5 600 wurden bis heute gezählt. Dabei ist zu unterscheiden zwischen den meist von Privatleuten in den Putz gekratzten „Graffiti“ – die freilich dezenter ausfielen als die heute mit diesem Begriff meist assoziierten Spraygraffiti – und den offiziösen „Dipinti“, die mit breiten Pinseln auf die Wände gemalt wurden. Letztere sind in der Regel Wahlwerbung oder Einladungen zu anstehenden Gladiatoren- und Tierkämpfen und wurden von professionellen Reklamemalern aufgetragen, die auch gerne ihre Namen verewigten („Dies hat Celer allein beim Mondenschein geschrieben“).

Finden lassen sich diese Inschriften im vierten Band des „Corpus Inscriptionum Latinarum“, aber das richtet sich sicher nicht an ein normales Lesepublikum. Ganz anders die repräsentative, mit Übersetzungen und Einführungen versehene Auswahl von 600 Graffiti und 150 Dipinti, die der Wuppertaler Altphilologe Karl-Wilhelm Weeber nun als Taschenbuch vorlegt. Der ehemalige Oberstudiendirektor hat die Wandaufschriften nach eigenem Bekunden sogar mit Erfolg in seinem Lateinunterricht erprobt. Dass er in seiner Auswahl auch die „nicht jugendfreien“ Graffiti berücksichtigt, entspricht dem historischen Befund – es gab sie eben – und sollte im Jahr 2020 keinen verständigen Menschen mehr aufregen. Für ein vollständiges kulturhistorisches Verständnis sind auch sie unverzichtbar.

Die Sammlung garantiert ein großes Lesevergnügen. Man gewinnt Einblicke in Bereiche des antiken Lebens, die in der hohen Literatur weniger präsent sind, zumal in dieser die Lebensperspektiven vieler Bevölkerungsgruppen – wie etwa Sklaven und Gewerbetreibende – sich in der Regel nicht widerspiegelten. Was mag etwa in dem Verfasser folgender Notiz vorgegangen sein? „Africanus ist tot. Das schreibt ein Sklave vom Land, sein Mitschüler, der um Africanus trauert.“

Statt Twitter: Lob und Beschimpfung auf den Hauswänden

Weeber bietet vorzügliche Erläuterungen und so lernt man etwa auch, was es zu bedeuten hatte, wenn ein ganzer Berufsverband (wie die anfangs genannten Salbenhändler) sich für einen politischen Kandidaten einsetzte. Die 23 Kategorien, in die er seine Sammlung eingeteilt hat, lassen keinen Aspekt des pompejanischen Alltags aus. So dokumentierten auch damals schon Reisende gerne ihren Aufenthaltsort („Am 27. August sind wir in Pompeji gewesen“). Und auch damals gaben Stammtischpolitiker sich meinungsstark („Ich bin der Meinung, man sollte unsere Gemeindekasse aufteilen, denn unsere Gemeindekasse hat 'ne Menge Geld.“). Erstaunlich billig waren die Preisangaben des Bordells („Die Griechin Eutychis: 2 As, von nettem Wesen“; das entsprach dem Preis von zwei Laib Brot). Solche Angebote erfreuten allerdings nicht jeden. Ein wohl jüdischer Bewohner Pompejis kommentierte das Geschehen im Rotlichtmilieu mit den Worten „Sodom und Gomorrha“. In einer Zeit ohne (a-)soziale Netzwerke dienten Hauswände auch dazu, andere zu loben oder zu beschimpfen. Das Spektrum reicht von „Restitutus ist ein guter Sklave“ bis „Macer, dein Hirn ist locker“.

Einige repräsentative Beispiele von Graffiti und Dipinti sind auch in ihrer Originalgestalt abgedruckt. Eine Tabelle mit „Modellalphabeten“ am Ende des Buches hilft bei der Entzifferung der meist in einer gewöhnungsbedürftigen Kursivschrift aufgetragenen Graffiti. Bisweilen zeichneten die Pompejaner auch. Dazu gehört etwa die Karikatur eines Kahlkopfes mit übergroßer Nase: „Rufus est“ („Das hier ist Rufus“). Andere Strichzeichnungen begleiten die Bekanntgabe von Wettkampfergebnissen. Über zwei Gladiatoren steht: „Der Freigelassene Oceanus, 13 Siege, Sieger. Der Freigelassene Aracintus, 4 Siege (umgekommen). Dem Tierkämpfer übergeben.“ Den meisten Verlierern erging es zum Glück besser als Aracintus. Über ihren Abbildungen steht der Buchstabe „m“ als Abkürzung für „missus“ („begnadigt“); das pompejanische Publikum war wohl großzügig.

Die Antike hat sicher Wertvolleres hervorgebracht als die Wandkritzeleien kleiner Leute oder kunstvoll aufgetragene Wahlwerbung, die nicht weniger inhaltsleer war als ihr modernes Pendant. Aber es hat wenig Sinn, Cicero und Vergil gegen die pompejanischen Graffiti und Dipinti auszuspielen. Für ein echtes, vertieftes Verständnis der römischen Kultur muss man gelegentlich auch in die Niederungen des römischen Alltags hinabsteigen. Weebers Sammlung beweist, dass man auch dort viel Spaß haben kann, zumal man auf zugleich verblüffende und komische anthropologische Konstanten gestoßen wird. Wieder bestätigen sich Goethes Worte über den Untergang Pompejis: „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte.“

Karl-Wilhelm Weeber: Botschaften aus dem alten Rom. Die besten Graffiti der Antike.
Herder Verlag, Freiburg 2019, 192 Seiten, EUR 10,–

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