Friedberg/Aichach

Zierden des Landes

Die Bayerische Landesausstellung in Friedberg und Aichach macht das Aufkommen persönlicher Freiheiten zum Thema.

Herzog und Pfalzgraf Ludwig II.
Um 1257 ließ Herzog und Pfalzgraf Ludwig II. (Holzfigur um 1330) die Burg "Fridberch" erbauen, wo heute das Wittelsbacher Schloss steht. Foto: Thiede

Friedberg und Aichach sind sehenswerte Kleinstädte im Wittelsbacher Land. In ihm begann der Aufstieg der Wittelsbacher, die ab 1180 als Herzöge von Bayern und ab 1214 als Pfalzgrafen bei Rhein herrschten. Mit der Gründung von Städten und Märkten festigte die junge Dynastie ihre wirtschaftliche, militärische und politische Macht. Aus Sicht der Bürger hingegen war die persönliche Freiheit die wichtigste Eigenschaft des Stadtlebens. Wer seit einem Jahr und einem Tag in der Stadt lebte, war seinen ehemaligen Herrn los – Stadtluft macht frei. Die meisten altbayerischen Landstädte entstanden im 13. Jahrhundert. Von ihrer Gründungsgeschichte und Entwicklung bis ins Spätmittelalter erzählt die vom Haus der Bayerischen Geschichte erarbeitete Landesausstellung in Friedberg und Aichach.

Ausstellungsort in Friedberg ist das Wittelsbacher Schloss. Um 1257 ließ Herzog und Pfalzgraf Ludwig II. (1229–1294) die Burg „Fridberch“ erbauen. An ihrer Stelle steht die ab 1555 errichtete heutige Schlossanlage. Auf zwei Etagen sind die historischen Exponate der Landesausstellung ausgebreitet. Sie widmen sich vom Wappen, Mühlstein, Latrinensitz und Dachziegel bis hin zu Urkunden, Goldschmiedearbeiten, Gemälden und Skulpturen allen Facetten des Stadtlebens. Erstes Ausstellungsstück aber ist der sogenannte Abtsstab des heiligen Emmeram. Er war der erste Bischof von Regensburg. Es folgen Objekte aus Augsburg und Passau. Sie weisen uns darauf hin, dass die ältesten Städte auf heute bayerischem Boden Bischofssitze sind, deren Gründung auf die Römer zurückgeht. München übrigens ist eine Gründung des Welfen Heinrich der Löwe, dem Kaiser Friedrich I. Barbarossa die bayerische Herzogswürde nahm, um sie auf Otto I. von Wittelsbach (1117–1183) zu übertragen.

Religiöse Zeugnisse werden ausführlich dargestellt

Herzog Ottos Sohn Ludwig I. (1174–1231) war der bedeutendste Städtegründer der Wittelsbacher. Aus den in Friedberg präsentierten Annalen des Geschichtsschreibers und Abtes Hermann von Niederaltaich geht hervor, dass Herzog Ludwig I. anno 1204 Landshut, 1218 Straubing und 1224 Landau an der Isar gründete. Ludwig fiel 1231 in Kelheim einem Mordanschlag zum Opfer. Seine Witwe Ludmilla von Böhmen ließ sich daraufhin in Landshut nieder, wo sie die ZisterzienserinnenAbtei Seligenthal gründete. Als Leihgaben aus Seligenthal sind anmutige Skulpturen (um 1330/40) zu sehen, die Ludwig und Ludmilla darstellen.

Breiten Raum nehmen Zeugnisse des religiösen Lebens ein. Die farbig gefasste Holzskulptur des „Christus auf dem Palmesel“ (um 1470/80) wurde auf Prozessionen mitgeführt. Die waren nicht nur Ausdruck von Frömmigkeit, sondern auch Unterhaltung, ja feucht-fröhliches Spektakel. Ausstellungskurator Peter Wolf macht darauf aufmerksam, dass die Pfarrkirche der größte überdachte öffentliche Raum der Stadt war. In ihm galt das Motto „Sehen und Geschehenwerden“. Davon zeugt das von Gabriel Mäleßkircher gemalte Bild „Apostelpredigt“ (um 1470). Vor dem auf einer mobilen Kanzel stehenden Apostel sitzen Frauen und Männer unterschiedlichen Alters. Die aufmerksam lauschenden oder nachdenklich vor sich hin blickenden, andere beobachtenden oder miteinander tuschelnden Gläubigen bilden einen Querschnitt durch die mittelalterliche Stadtgesellschaft.

Der Heilige Geist als alter Herr im hellgrünen Gewand

Den Herzögen dienten die Städte zur Ausübung ihrer Herrschaft. Sie waren Sitz von Richtern, Mautnern und anderen Amtspersonen. Im Auftrag Herzog Wilhelms V. (1548–1626) malten Hans Donauer und seine Werkstattmitarbeiter 34 dieser städtischen „Zierden des Landes“. Zwölf Kopien, darunter Aichach, München und Vilshofen sind ausgestellt. Mit ihnen endet der Ausstellungsrundgang im Wittelsbacher Schloss. Kurator Wolf erklärt die Städte Friedberg und Aichach zu den beiden größten Exponate der Landesausstellung. In Friedberg sind noch Reste der von Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt veranlassten Stadtbefestigung erhalten. Mit seinem in der Stadtkirche St. Jakob angebrachten Wappenstein weist er uns bis heute darauf hin. Höhepunkt der Stadtbesichtigung ist der Besuch der Wallfahrtskirche Herrgottsruh. Am 16. Juni 1731, dem Fest des heiligen Benno, legte Kurfürst Karl Albrecht von Bayern, nachmaliger Kaiser Karl VII., den Grundstein. Die Chorfresken steuerte Cosmas Damian Asam bei. Eines seiner acht Kuppelfresken zeigt eine große Seltenheit: Der Heilige Geist ist nicht wie üblich als Taube, sondern als alter Herr im hellgrünen Gewand dargestellt.

Das alte Aichach wird von zwei historischen Stadttoren begrenzt. Mitten auf dem langgestreckten Straßenmarkt, wie er für die Wittelsbacher Stadtgründungen typisch ist, steht das barocke Rathaus. Sehenswert ist auch die Spitalkirche, an deren Fassade wiederum Herzog Ludwig VII. seinen Wappenstein hinterlassen hat. Am Rand der Altstadt steht die zum Ausstellungsort der Landesschau umfunktionierte ehemalige Feuerwache. Statt historischer Exponate sind hier Medieninstallationen zu erleben. Eine Licht- und Toninszenierung belebt Großreproduktionen von Stadtdarstellungen des 15. Jahrhundert. Eine 3 D-Simulation ermöglicht virtuelle Flüge durch das im 16. Jahrhundert von Jakob Sandtner geschaffene Holzmodell der Stadt München. Ein Zeichentrickfilm schlägt den Bogen von der Zerstörung der Stammburg Wittelsbach bis zur Entstehung Aichachs.

Ein Mord und eine „Sühnekirche“

Die Überreste der Stammburg finden wir im Aichacher Stadtteil Oberwittelsbach. Ausgerechnet ein Wittelsbacher ließ sie schleifen. Und das kam so: Burgherr Pfalzgraf Otto VIII. (vor 1180–1209) ermordete anno 1208 im Bamberger Bischofspalast König Philipp von Schwaben. Im Jahr darauf wurde der Mörder hingerichtet und seine Burg auf Befehl Herzog Ludwigs I. zerstört. Den Burgplatz beherrscht seit 1420 die aus Backsteinen erbaute, derzeit wegen Restaurierungsmaßnahmen nicht zugängliche „Sühnekirche“.

Bis 8.11.2020 im Wittelsbacher Schloss Friedberg und im FeuerHaus Aichach. Täglich 9-18 Uhr. Informationen: Tel.: 08 21-45 05 74 57, Internet: www.hdbg.de. Eintritt: 12 Euro. Katalog 24 Euro.

Lesetipp: Morde, Macht und Mythos. Geschichte, Denkmäler und Städte der Wittelsbacher im Wittelsbacher Land. context verlag, EUR 9,80

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